Ärzte Zeitung, 04.05.2010

Chronischer Schlafmangel macht auch dick

Zu wenig Schlaf - oder besser: zu wenig erholsamer Schlaf - erhöht nicht nur das Unfallrisiko, sondern beschleunigt das Altern und schädigt das Immunsystem.

Von Werner Stingl

MÜNCHEN. Dass bereits eine schlaflose Nacht ein signifikantes Risiko für Leben und Gesundheit des Betroffenen bedeuten kann, belegen die vielen Verkehrs- und Arbeitsunfälle, die auf Übermüdung infolge von Schlafmangel zurückzuführen sind. Untersuchungen hätten darüber hinaus ergeben, dass eine durchwachte Nacht Probanden in Fahrsicherheitstests ähnlich schlecht abschneiden lasse wie ein Promille Alkohol im Blut, so Professor Jürgen Zulley aus Regensburg.

Chronischer Schlafmangel erhöht aber nicht nur das Unfallrisiko sondern macht auch anderweitig krank, sagte Zulley auf einer Veranstaltung des Komitees Forschung Naturmedizin e.V. (KFN) in München. So gibt es etwa Befunde, wonach bei andauernden Schlafstörungen über eine deregulierte Freisetzung von Wachstumshormonen das Altern beschleunigt wird und die Wundheilung verlangsamt ist.

Auch haben zu wenig oder zu schlecht schlafende Menschen vermehrt erhöhte Glukosespiegel, einen hohen Blutdruck und folglich mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Menschen, die ausreichend schlafen. Und: Auch das Immunsystem nimmt bei anhaltend schlechtem Schlaf offensichtlich Schaden. Das haben zum Beispiel Untersuchungen zur gesteigerten Infektanfälligkeit oder reduzierten Antikörperbildung nach Impfungen von Patienten, die an chronischer Insomnie litten, demonstriert.

Wer schläft, sündigt nicht, zumindest nicht mit Messer und Gabel. In den Tiefschlafphasen steigende Leptinspiegel täuschen Sättigung vor und sorgen so dafür, dass wir während des gesamten Schlafes keinerlei Hunger verspüren. Und das, obwohl der Energieverbrauch im Schlaf in etwa genauso hoch ist wie im Wachzustand bei überwiegend sitzender Tätigkeit.

Dieses durch das Leptin gesteuerte natürliche Fasten droht bei Schlafstörungen aufzuweichen, und nächtliche Gänge zum Kühlschrank können sich in einer Gewichtszunahme niederschlagen.

Auch was die kognitive Leistungsfähigkeit betrifft, ist Schlaf mehr als nur ein passiver Erholungsvorgang, der die "geistigen Batterien" für den nächsten Tag auflädt. Vielmehr werden Lernerfahrungen im Schlaf geordnet und verfestigt.

Schlafqualität geht vor Schlafquantität

Der entscheidende Hinweis auf einen verbesserungsbedürftigen Schlaf ist Tagesmüdigkeit. Nicht wenige klagen darüber und geben gleichzeitig an, acht oder gar deutlich mehr Stunden durchzuschlafen. Hier mangelt es nicht an Schlaf, sondern an regenerativem Tiefschlaf, stellte Professor Jürgen Zulley aus Regensburg klar.
Sind konkrete, direkt anzugehende tiefschlafstörende Ursachen wie besonders eine Schlafapnoe ausgeschlossen, kann hier der Rat weiterhelfen, die Bettzeit zumindest vorübergehend für eine Stunde bis mehrere Stunden zu verkürzen. Der verbleibende Schlaf soll so tiefschlaflastiger und damit effektiver werden. (wst)

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