"Man muss im größten Dreck stecken und da wirklich rauswollen"

FRANKFURT/MAIN (Smi). Rolf S. ist Alkoholiker. Eine Flasche Wodka am Tag war für den Gynäkologen die Regel. Davor rauchte er 40, 50 Zigaretten pro Tag - bis zu seinem Herzinfarkt vor 24 Jahren. Danach war zwar mit diesem Laster Schluss. Dafür genoss er abends ein Gläschen Whisky. Daraus wurde dann tagsüber eine ganze Flasche Wodka. Wodka riecht weniger. Meinte er. Doch vielen Patientinnen blieb seine Fahne nicht verborgen, sie suchten sich einen anderen Arzt.

Veröffentlicht:

Rolf S. störte das nicht, er trank weiter. Obwohl auch sein Körper längst Alarmsignale sendete. Mit Ende 40 wurden ihm fünf Bypässe gelegt. Familie und Freunde versuchten, ihn vergeblich vom Trinken abzuhalten. Bis ihm seine Frau die Pistole auf die Brust setzte: Sie oder der Alkohol. Der niedergelassene Gynäkologe entschied sich für Frau und Kinder.

Jetzt, mit 64, ist Rolf S. seit fünfeinhalb Jahren trocken. Vor seinen Patientinnen gibt er offen zu, was einmal mit ihm war. Sie honorieren das, indem sie ihm die Treue halten. Manchen konnte der Arzt sogar helfen, die eigene Sucht zu überwinden.

13 Lebenswege wie den des Arztes Rolf S. hat die Frankfurter Autorin Brigitte Roth in ihrem Buch "Jeder kriegt die Kurve anders" gesammelt. Das Besondere: All ihre Berichte über Süchtige - darunter Heroin- und Kokain-Abhängige, Alkoholiker und Kettenraucher - enden versöhnlich, weil die Protagonisten nach Jahren der Selbstzerstörung und Selbstverleugnung den Ausstieg geschafft haben. Ihre Erfolgsgeschichten sollen Betroffenen und deren Angehörigen Mut machen. Roths Botschaft: Es gibt Wege aus der Abhängigkeit und ein Leben danach.

"Sucht setzt sich in der Tiefe der Seele fest", sagt die Autorin. "Deshalb ist es auch so schwer, sich aus einer Abhängigkeit zu befreien." Doch für einen Ausstieg sei es nie zu spät. Selbst Roland R., der 21 Jahre an der Nadel hing und 35 Entgiftungsversuche unternahm, hat es am Ende geschafft. Er führt - abgesehen von seiner chronischen Hepatitis C - ein halbwegs normales Leben.

1,6 Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkoholabhängig, fast 17 Millionen greifen täglich zur Zigarette, etwa 1,5 Millionen missbrauchen Arzneimittel, 300 000 Bundesbürger schnupfen regelmäßig Kokain, und 500 000 konsumieren Partydrogen wie Ecstasy, hat die Autorin recherchiert. In einem Interview mit Roth nennt Dr. Wilfried Köhler, Chefarzt der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen des Frankfurter Bürgerhospitals einige Ursachen für das zunehmende Suchtverhalten in Industriestaaten. Dazu gehörten etwa ein von vielen Menschen erlebter Sinnverlust sowie Faktoren wie der gewachsene Wohlstand, der Suchtmittel immer billiger mache, und die wachsende Lebenserwartung, die dazu beitrage, dass ein riskantes Konsumverhalten bei immer mehr Menschen in einer Sucht ende.

"Man muss im größten Dreck stecken und da wirklich raus wollen", glaubt der trockene Alkoholiker Rolf S. "Wer das nicht selbst will, dem kann auch niemand helfen." Der Gynäkologe, der die Extreme liebt, steuert hingegen nach wie vor Kneipen an und hortet Cognac, Grappa, Wein und Calvados. Allerdings ohne je einen Tropfen Alkohol anzurühren. Warum er das macht? "Ich muss mir beweisen, dass ich das kann", sagt er.

Brigitte Roth: Jeder kriegt die Kurve anders. Lebenswege von Süchtigen mit Happy End, Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2007, 192 Seiten, 19,95 Euro, ISBN-10 3800072270.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Rauchfreies Europa?

Rauchstopp: EU hat neben Tabak auch Nikotin im Blick

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Innovationsforum für privatärztliche Medizin

© Tag der privatmedizin

Tag der Privatmedizin 2025

Innovationsforum für privatärztliche Medizin

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer und Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, hofft, dass das BMG mit der Prüfung des Kompromisses zur GOÄneu im Herbst durch ist (Archivbild).

© picture alliance / Jörg Carstensen | Joerg Carstensen

Novelle der Gebührenordnung für Ärzte

BÄK-Präsident Reinhardt: Die GOÄneu könnte 2027 kommen

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
SCD-PROTECT-Studie-- Frühe Phase nach Diagnose einer Herzinsuffizienz – deutlich höheres Risiko für den plötzlichen Herztod als in der chronischen Phase.

© Zoll CMS

SCD-Schutz in früher HF-Phase

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: ZOLL CMS GmbH, Köln
Abb. 2: Schneller Wirkeintritt von Naldemedin im Vergleich zu Placebo in den Studien COMPOSE-1 und COMPOSE-2

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [15]

Opioidinduzierte Obstipation

Selektive Hemmung von Darm-Opioidrezeptoren mit PAMORA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Viatris-Gruppe Deutschland (Mylan Germany GmbH), Bad Homburg v. d. Höhe
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Eine Frau fässt sich mit den Händen an die Brust

© Art_Photo / stock.adobe.com

Unterschiede der Geschlechter

Herzinfarkte und Ischämie bei Frauen: Was ist wirklich anders?