Ärzte Zeitung, 08.04.2015

Studie zu Krankenhauspatienten

Alkoholabhängige sterben früher

Alkoholsucht raubt Krankenhauspatienten im Schnitt 7,6 Jahre Lebenszeit. Das ist das Ergebnis einer neuen deutsch-britischen Studie.

BONN. Patienten mit Alkoholsucht sterben durch Mehrfacherkrankungen im Schnitt rund 7,6 Jahre früher als Krankenhauspatienten ohne Suchthintergrund.

Das haben Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Bonn mit britischen Kollegen anhand von Patientendaten sieben Allgemeinkrankenhäuser in Manchester herausgefunden (European Psychiatry 2015; online 1. April).

Die Daten erstrecken sich über einen Zeitraum von 12,5 Jahren, heißt es in einer Mitteilung der Uniklinik Bonn.

Mit ihrer Hilfe analysierten die Forscher körperliche Begleiterkrankungen von 23.371 Krankenhauspatienten mit Alkoholsucht und verglichen sie mit einer  Kontrollgruppe aus zufällig ausgewählten 233.710 Patienten ohne Alkoholismus.

Häufig mehrere Erkrankungen

"Im Beobachtungszeitraum starb etwa jeder fünfte Krankenhauspatient mit Alkoholsucht in einem der Krankenhäuser, während es bei der Kontrollgruppe nur jeder zwölfte Patient war", wird Professor Reinhard Heun vom Royal Derby Hospital zitiert.

Insgesamt 27 körperliche Krankheiten traten gehäuft bei Patienten mit Alkoholsucht auf: etwa der Leber, des Pankreas, der Atemwege, des Magen-Darm-Traktes und des Nervensystems.

Herzinfarkte, Herzkreislauferkrankungen und Grauer Star gab es bei den Patienten mit Alkoholismus weniger häufig als bei der Kontrollgruppe.

"Patienten mit Suchtproblemen werden oft als Notfälle in Kliniken eingeliefert. Bei der Diagnose stehen dann die akuten Symptome im Vordergrund - das führt möglicherweise dazu, dass nicht alle körperlichen Erkrankungen erfasst werden", so Dr. Dieter Schoepf von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Bonn.

Auch ein geringeres Schmerzempfinden und Wahrnehmungsstörungen der Suchtkranken könnten dazu führen, dass bestimmte Krankheitsbilder von den Ärzten nicht erkannt werden. (eb)

[08.04.2015, 12:37:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Alkohol ist k e i n Sanitäter in der Not,
Alkohol ist k e i n Fallschirm und k e i n Rettungsboot. Alkohol ist das Drahtseil, von dem du fällst" (frei nach Herbert Grönemeyer)

Hier in der Ärzte Zeitung hervorragend referiert: Ein sehr interessantes Studienergebnis von außerordentlicher Tragweite: Wenn Krankenhaus-Patienten mit Alkohol-Sucht und -Abhängigkeit krankheitsbedingt im Durchschnitt 7,6 Jahre früher sterben, gilt dies für ihr relativ kleines biografisches Zeitfenster stationärer Hospitalisationen.

Im lebenslang begleitenden hausärztlich-internistischen Praxisalltag sind jedoch die Konsequenzen alkoholbedingter Erkrankungen noch gravierender bzw. biografisch wirksamer. Nach meiner persönlichen Praxisbeobachtung sind für die meisten der unabwendbaren plötzlichen Todesfälle in der Altersgruppe der Männer vom 25. bis zum 45. Lebensjahr Alkohol-assoziierte Erkrankungen, Intoxikationen und Kurzschlussreaktionen verantwortlich.

Dies stimmt mit dem Forschungsprojekt „Schätzung alkohol-attribuierbarer Mortalität und Morbidität in Deutschland: Trends und Vergleich zwischen den Jahren 2006 und 2012“ überein:
"Der Konsum von Alkohol gehört zu den fünf wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für Krankheit und frühzeitliche Sterblichkeit. Ziel des vom August bis Dezember 2013 geförderten Projektes waren Schätzungen des Umfangs alkoholbedingter Mortalität und Morbidität nach Geschlecht und Alter für die Jahre 2006 und 2012 in Deutschland.

Erwartungsgemäß zeigt sich in Übereinstimmung mit der Literatur auch in Deutschland ein starker Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und alkoholbezogener Sterblichkeit. Unter Berücksichtigung einer zeitlichen Verzögerung zwischen Konsum und Mortalität korrespondiert die Abnahme des Pro-Kopf-Konsums seit Ende der 1970er Jahre mit der Abnahme vollständig alkohol-attribuierbarer Mortalität zwischen 1995 und 2012. Die Trends der vollständig alkohol-attribuierbaren Mortalitätsraten zeigen pro 100.000 Personen zwischen 1995 und 2012 bei Männern einen Rückgang von 37 auf 25 Fälle und bei Frauen von 12 auf 8 Fälle, was einem Rückgang um jeweils 33 % entspricht." Dies gilt für den Gesamtbereich ambulant-stationär.

Für den stationären Krankenhausbereich gelten folgende Erkenntnisse: "Zwischen 2000 und 2012 nahm die Rate 100 % alkohol-attribuierbarer Krankenhausfälle bei Männern um 16 % und bei Frauen um 38 % zu. Die Rate der Krankenhausfälle wegen Alkoholabhängigkeit (F10.2) war bei Männern über die Zeit nahezu konstant, während die der Frauen leicht anstieg."

Die Quintessenz: "Erstmalig konnte in einer Trendanalyse der Zusammenhang zwischen rückgängigem Pro-Kopf-Konsum und Verringerung alkoholbezogener Sterblichkeit nachgewiesen werden. Dem gegen- über steht die zunehmende bzw. anteilsmäßig gleichbleibende Krankheitslast durch Alkoholmissbrauch." Hier werden in Zukunft die schwersten Krankheits- und Todesfälle auftreten.
Quelle: http://drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/DrogenundSucht/Alkohol/Downloads/2014-07-31_Kurzbericht_MorbiditaetMortalitaet_rev.pdf

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Tumorpatienten bei Schmerztherapie unterversorgt

Viele Krebskranke erhalten keine adäquate Schmerztherapie. Das hat eine erste Analyse der Online-Befragung "PraxisUmfrage Tumorschmerz" ergeben. mehr »

ADHS-Arznei lindert Apathie bei Alzheimer

Eine Therapie mit Methylphenidat kann die Apathie bei Männern mit leichter Alzheimerdemenz deutlich zurückdrängen. mehr »

Zehn Jahre "jünger" durch Sport

Wer Sport treibt, ist motorisch gesehen im Schnitt zehn Jahre jünger als ein Bewegungsmuffel. mehr »