Ärzte Zeitung, 27.10.2016

Nur heißer Dampf?

E-Zigarette verführt Jugendliche nicht zum Rauchen

Der Trend ist anscheinend wieder verpufft: Jugendliche werden kaum zu Dauerkonsumenten der E-Zigarette. Dabei probieren viele Teenager einmal das elektronische Dampfen.

Von Marco Mrusek

E-Zigarette verführt Jugendliche nicht zum Rauchen

Verführt anscheinend junge Menschen kaum zum Rauchen: Die E-Zigarette.

© Innovated Captures / Fotolia

Jugendsünde oder der Einstieg in eine potenziell tödliche Raucherkarriere – die gesundheitspolitische und medizinische Debatte um E-Zigaretten ist in vollem Gange. Die Politik hat bereits auf den Trend reagiert: Am 1. April dieses Jahres wurde das Jugendschutzgesetz geändert, um die Abgabe von E-Zigaretten an Minderjährige zu verbieten.

Noch diesen Monat sah Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe die seit Jahren sinkenden Zahlen von jugendlichen Rauchern durch die neuen Verdampfungsprodukte in Gefahr.

Ein kurzfristiger Trend

Nun stellt sich die Frage, ob das Thema E-Zigarette real überhaupt noch den gleichen Stellenwert hat wie medial oder ob die E-Zigarette bei der Jugend überhaupt noch im Gespräch ist.

Die E-Zigarette als Trend, der schon wieder vorbei ist – so der Eindruck von den Forschungsberichten von Anna Dichtl vom Frankfurter Institut für Suchtforschung und Daniela Müller vom Frankfurter Centre for Drug Research.

Bei der Fachtagung "E-Zigaretten: Ein Gesamtüberblick über die aktuelle Diskussion der E-Zigaretten unter Einbeziehung verschiedener Sichtweisen" an der University of Applied Sciences in Frankfurt am Main berichteten Dichtl und Müller von ihren Schwierigkeiten, eine relevante Zahl von Jugendlichen davon zu überzeugen, an einer vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Studie am Institut für Suchtforschung teilzunehmen.

Forscher mussten Studienteilnehmer erst zum Mitmachen überreden

Das Thema: die Prävalenz der E-Zigarette unter Jugendlichen. Normalerweise finden die Forscherinnen genug Teilnehmer für ihre Zielgruppen, doch anders als bisher stießen die beiden auf ein erhebliches Desinteresse der Jugendlichen, die sich überhaupt erst nach einer Zahlung von zehn Euro "Aufwandsentschädigung" pro Person zur Mitarbeit überreden ließen.

"Da seid Ihr ein bisschen spät dran", war die Antwort eines Teilnehmers auf die Nachfrage, warum so wenig Interesse bestehe. Mit anderen Worten: E-Zigaretten hat man als Jugendlicher nach der Markteinführung einmal ausprobiert, sie sind jetzt aber kein Thema mehr und als Trend längst vorbei. Viel Dampf um Nichts also.

So war denn auch "Neugier" mit 54,4 bis 93,1 Prozent das häufigste Ergebnis einer Metaanalyse, warum Jugendliche mit dem Dampfkonsum anfangen. An zweiter Stelle mit 43,8 Prozent: die Möglichkeit, den Liquids Aromastoffe hinzuzufügen. Auch das eine Neuerung also, die zum Ausprobieren einlädt.

Von einer Renormalisierung des Rauchens kann auf dieser Grundlage allerdings keine Rede sein, denn man sollte "Ausprobieren" nicht mit "Konsumieren" gleichsetzen.

Zwar liegt der Bekanntheitsgrad der E-Zigarette mit 91,5 Prozent unter den 12- bis 17-Jährigen und 97,5 Prozent unter den 18- bis 25-Jährigen tatsächlich sehr hoch, doch werden die Zahlen sehr schnell kleiner, fragt man danach, wann das Gerät zum letzten Mal für den Konsum benutzt wurde.

Ausprobieren ist nicht Konsum

12,1 Prozent der 12- bis 17-Jährigen und 20,7 Prozent der 18- bis 25-Jährigen gaben an, eine E-Zigarette überhaupt schon ausprobiert zu haben. In den letzten 30 Tagen hatten nur noch 2,4 Prozent (12 bis 17 Jahre) und 3 Prozent (18 bis 25 Jahre) gedampft.

Vergleicht man diese Zahlen mit den neuesten verfügbaren Werten des Statistischen Bundesamtes zum Rauchen unter Jugendlichen in Deutschland, nimmt die E-Zigarette keine Spitzenposition ein. Ingesamt 13,6 Prozent der 15- bis 20-Jährigen und 30,6 Prozent der 20- bis 25-Jährigen rauchen demnach täglich oder gelegentlich.

Herkömmliches Nikotin verführt also mehr Jugendliche als verdampftes.

Gateway-Hypothese überholt?

Auch die sogenannte Gateway-Hypothese sei empirisch nicht zu belegen, so Dichtl und Müller. Der Hypothese zufolge dienen E-Zigaretten als verlockender Einstieg für Jugendliche, schließlich vom Dampfen auf Tabakrauchen umzusteigen.

Die Ergebnisse der beiden Suchtforscherinnen legen das Gegenteil nahe: In fast allen untersuchten Studien erhöhten vorherige oder aktuelle Tabakerfahrung die Wahrscheinlichkeit, mit dem Dampf-Konsum anzufangen.

Der Kreis jugendlicher Nutzer der E-Zigaretten besteht also zu einem großen Teil aus vorherigen Tabakrauchern oder Rauchern, die zusätzlich dampfen.

Heranwachsende E-Zigaretten-Nutzer finden also auf einem ähnlichen Weg zur E-Zigarette wie erwachsene Nutzer, für die eine Studie festgestellt hatte, dass 91 Prozent frühere Raucher sind, 8 Prozent sowohl rauchen als auch dampfen und ein Prozent ehemalige Nichtraucher sind (wir berichteten).

Bis die Daten von Langzeitstudien vorliegen, erscheint es daher am Dringlichsten für den Jugendschutz, die Prävention von herkömmlichem Tabakrauchen voranzubringen.

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