Ärzte Zeitung online, 31.08.2017

Ungewohnte Belastung

Muskelschwund nach 150 Liegestützen

Wohl nicht so ganz in Form war ein 16-jähriger Junge: Bereits drei Tage nach Beginn eines Liegestütztrainings fingen seine Armmuskeln an, sich unter der Belastung aufzulösen.

Von Thomas Müller

Rhabdomyolyse nach 150 Liegestützen

Drei Tage lang machte ein Jugendlicher 50 Liegestütze pro Tag – dann schmerzten seine Muskeln.

© zeremskimilan - stock.adobe.com

CHIBA/JAPAN. Diese Jugendlichen – da trainieren sie jahrelang nur ihre Finger auf der Handytastatur, und plötzlich wollen sie von einem Tag auf den anderen ernsthaft Sport treiben. Kein Wunder, dass der Körper nicht mitspielt. Ob sich jedoch eine ausgewachsene Rhabdomyolyse nach einigen Liegestützen einzig mit einer schlechten Kondition erklären lässt, dürfte fraglich sein. Jedenfalls gab ein 16-jähriger Junge mit starken Armbeschwerden beim Arzt an, er habe an drei Tagen hintereinander lediglich jeweils 50 Liegestützen absolviert. Dann fingen die belasteten Muskeln an zu schmerzen und zu schwellen.

Als die Beschwerden trotz Trainingsstopps auch nach drei Tagen nicht zurückgegangen waren, konsultierte er eine hausärztliche Ambulanz am Uniklinikum in Chiba. Dort stellten Experten um Dr. Kiyoshi Shikino ausgeprägte Schwellungen an beiden Armen und im Brustbereich fest (Clev Clin Med 2017; 84:509–510). Betroffen waren beidseitig vor allem Trizeps-, Delta- und großer Brustmuskel. Das Training mit den Liegestützen erschien also plausibel.

Laboruntersuchung liefert Erklärung

Die Muskeln fühlten sich weich und schwach an. Laboruntersuchungen ergaben eine Kreatinkinase-Konzentration von knapp 60.000 U/l. Normal sind Werte von 30–220 U/l. Das Team um Shikino veranlasste eine MRT-Untersuchung des Arm- und Brustbereichs. Die Ärzte erkannten diffuse Hyperintensitäten in der betroffenen Muskulatur sowohl in T1- als auch T2-gewichteten Aufnahmen. Dies deuteten sie zusätzlich zu den erhöhten Kreatinkinasewerten als Zeichen einer Rhabdomyolyse.

Shikino und Mitarbeiter fanden zwar keine Hinweise auf ein anstehendes Nierenversagen oder eine Hyperkaliämie, verabreichten dem jungen Patienten aber sicherheitshalber Flüssigkeitsinfusionen. Die Kreatinkinasewerte sanken darauf hin schnell und erreichten nach zwei Wochen Werte unter 200 U/l. Der Jugendliche durfte dann wieder – wenn auch etwas vorsichtiger – mit seinem Training beginnen. Bei den meisten Patienten mit Rhabdomyolyse fällt neben Muskelschmerzen, -schwäche und -schwellungen auch ein dunkler Urin auf. Letzteren hatte der Junge nach eigenen Angaben aber nicht bemerkt.

Ratschlag für Sportler

Gehen Muskelschmerzen nicht innerhalb von drei Tagen nach einer starken Belastung zurück, sollten Ärzte hellhörig werden, denn dann könnte auch eine Rhabdomyolyse die Ursache sein. Sie kann unbehandelt zum Nierenversagen führen, geben die Wissenschaftler zu bedenken.

Eine Rhabdomyolyse infolge körperlicher Anstrengung tritt vor allem dann auf, wenn sich zur ungewohnten Belastung hohe Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit gesellen. Eine Hypokaliämie durch übermäßigen Flüssigkeitsverlust kann den Prozess beschleunigen, schreiben die Ärzte aus Chiba.

Wer es an schwülheißen Tagen mit dem Training etwas langsamer angehen lässt, macht also nichts falsch.

Rhabdomyolyse – 3 Kriterien

» Bei den meisten Patienten fällt neben Muskelschmerzen, -schwäche und -schwellungen auch dunkler Urin auf.

» Häufig ist die Kreatininkinase-Konzentration erhöht, im Fall des 16-Jährigen auf 60.000 U/l. Normwerte liegen zwischen 30 und 200 U/l.

» Als Ursache werden traumatische (etwa Quetschungen oder exzessive Muskelarbeit) und atraumatische (etwa Medikamente oder immunologische Erkrankungen) unterschieden.

[08.09.2017, 07:28:10]
Dr. Jürgen Schmidt 
Man nicht so heftig !
Gut, dass Sie nachgelesen haben, Herr Kollege Schätzler.

Nicht immer bedarf ein Kompartementsyndrom der Dekompression. Nicht nur medscape, sondern vor allem solide Lehrbücher der Chirurgie geben die Auskunft, bei den geschilderten Symptomen und Befunden solange an ein Kompartementsyndrom zu denken, wie keine andere Diagnose wahrscheinlich und dann gesichert werden kann

Die Replik, aus einer Frage zu einem ungeklärten Krankheitsbild und einem Verdacht die Unterstellung abzuleiten, "leichtfertig" mit "Fehldiagnosen zu hantieren" erscheint mir etwas überzogen, selbst wenn ich "unterstelle", dass man Allwissende nicht mit Durchschnittsärzten vergleichen darf. zum Beitrag »
[07.09.2017, 18:15:46]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
@ Dr. Jürgen Schmidt
Mit der Unterstellung einer Fehldiagnose sollte man nicht leichtfertig hantieren. Diese war in beiden Kasuistiken ausgeschlossen worden.

Die unterscheidende Differenzialdiagnostik ist relativ einfach:

1. Das akute posttraumatische Kompartmentsyndrom ["Acute compartment syndrome occurs when the tissue pressure within a closed muscle compartment exceeds the perfusion pressure and results in muscle and nerve ischemia. It typically occurs subsequent to a traumatic event, most commonly a fracture.
The cycle of events leading to acute compartment syndrome begins when the tissue pressure exceeds the venous pressure and impairs blood outflow. Lack of oxygenated blood and accumulation of waste products result in pain and decreased peripheral sensation secondary to nerve irritation."]
http://emedicine.medscape.com/article/307668-overview

2. Das chronische, übungs- und trainingsbedingte Kompartmentsyndrom (CECS) im Profi und Hochleistungssport ["Chronic exertional compartment syndrome (CECS) is a condition in athletes that can occur from repetitive loading or exertional activities. CECS is usually observed in competitive or collegiate athletes; long-distance runners, basketball players, skiers, and soccer players. Although it is most common in the lower legs, CECS can occur in any compartment of the extremities; for example, it has been described in the forearms of motocross racers and other athletes."]
http://emedicine.medscape.com/article/88014-overview

Da in beiden Fällen keine Dekompressions-Intervention erforderlich wurde, überstieg der Gewebedruck in einem abgeschlossenen Muskel-Kompartment in keinem Fall den Perfusionsdruck mit dem Ergebnis einer Muskel- und Nerven-Ischämie.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Ramatuelle/F)  zum Beitrag »
[01.09.2017, 07:52:45]
Dr. Jürgen Schmidt 
Fehldiagnose ?
Liest sich wie ein Kompartementsyndrom des m. tibialis ant., wohl Glück gehabt ?? zum Beitrag »
[31.08.2017, 15:29:19]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Klassischer Fehler: Ungenügendes Auftrainieren!
Wenn ein 16-jähriger, vermutlich völlig untrainierter Jugendlicher mit einem intensiven Liegestütz-Training anfängt, um seine Armmuskeln aufzutrainieren, macht ein Trainingsprogramms an drei Tagen hintereinander mit jeweils 50 Liegestützen sportmedizinisch keinen Sinn: Das bedeutet Brachialgewalt gegenüber seinen Muskeln mit hochsignifikanter Kreatin-Kinase (CK) Erhöhung.

Dazu ein Fall aus meiner Praxis: Patientin F.K., 27 Jahre alt, nach ungewohnt intensivem Training wg. Schmerzen im Bereich der Tibia-Vorderkanten zum Ausschluss einer tiefen Beinvenenthrombose (TVT) o.a. Ursachen Aufsuchen einer Krhs.-Notfallambulanz am 4.7.2016.
- Klinisch o.B. D-Dimer normal.
- CK-Anstieg auf 1.839 statt normal <145 U/l am 4.7.2016
- CK-Anstieg auf 5.430 am 5.7.2016
- CK-Anstieg auf 10.674 am 6.7.2016
- CK Normalbefund mit 104 U/l am 12.7.2016 bis heute anhaltend.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund



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