Höheres Demenzrisiko

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht dies mit Verlusten von Lebensqualität und Unabhängigkeit im Alter einher. Eine US-Studie hat jetzt den Einfluss persistierender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht.

Von Dr. Christine Starostzik Veröffentlicht:
Schmerzpatienten fielen Aktivitäten des täglichen Lebens wie Geldgeschäfte zunehmend schwerer.

Schmerzpatienten fielen Aktivitäten des täglichen Lebens wie Geldgeschäfte zunehmend schwerer.

© aletia2011 / fotolia.com

SAN FRANCISCO. Jeder dritte bis vierte ältere Mensch klagt über chronische Schmerzen. In Querschnittstudien hat sich gezeigt, dass solche Dauerbeschwerden mit kognitiven Defiziten einhergehen können. Den Zusammenhang zwischen persistierendem Schmerz und dem Nachlassen kognitiver Fähigkeiten haben Elizabeth Whitlock und Kollegen von der University of California, San Francisco, jetzt in einer populationsbasierten Kohortenstudie genauer überprüft (JAMA Intern Med, 2017; 177(8): 1146-1153).

Neuropsychologische Tests

In der "Health and Retirement Study" (HRS) waren im Jahr 1998 und 2000 insgesamt 10.065 Bürger jeweils im Hinblick auf Schmerzen und Kognition befragt worden. Zum Zeitpunkt der ersten Befragung waren die Probanden mindestens 60 Jahre alt. "Persistierender Schmerz" wurde festgestellt, wenn zu beiden Zeitpunkten angegeben wurde, häufig unter mittelschweren bis schweren Schmerzen zu leiden. 69 Prozent der Probanden, die bei beiden Befragungen persistierende Schmerzen angegeben hatten, berichteten auch in den darauffolgenden Interviews über Schmerzen, was auf chronischen Schmerz hinweise, so Whitlock und Kollegen. Gleichzeitig wurden zwischen 2000 und 2012 mittels neuropsychologischer Tests, Interviews und Befragungen Dritter die Gedächtnisfunktion sowie die Wahrscheinlichkeit einer Demenz der Probanden eruiert.

Zu Studienbeginn beklagten 10,9 Prozent der Teilnehmer persistierende Schmerzen. 91,4 Prozent von ihnen gaben eine Arthritis zu Protokoll, in der Vergleichsgruppe ohne Dauerschmerz waren dies 60 Prozent. Der persistierende Schmerz wurde häufiger von depressiven Symptomen und weiteren Komorbiditäten begleitet. Auch die Aktivitäten des täglichen Lebens unterlagen stärkeren Einschränkungen als bei Probanden mit weniger oder gar keinen Schmerzen.

Stress durch Schmerzen

Nach Berücksichtigung verschiedener Störfaktoren zeigte sich über die Studienzeit bei Menschen mit Dauerschmerz gegenüber der Vergleichsgruppe ein im Mittel um 9,2 Prozent schnellerer Gedächtnisabbau. Zehn Jahre nach Studienbeginn steigerte dieses Defizit das relative Risiko, mit der täglichen Medikation ohne fremde Hilfe nicht mehr zurechtzukommen, um 15,9 Prozent.

Auch in Sachen Geldgeschäfte taten sich die Schmerzpatienten zusehends schwerer: 11,8 Prozent mehr Teilnehmer als in der Vergleichsgruppe verloren in dieser Zeit die Fähigkeit, ihre finanziellen Belange eigenverantwortlich zu regeln. Die Demenzwahrscheinlichkeit stieg um 7,7 Prozent schneller an. Unter Berücksichtigung aller Kofaktoren ergab sich nach den Berechnungen der Forscher daraus für Menschen mit Dauerschmerz ein um absolut 2,2 Prozentpunkte erhöhtes Demenzrisiko.

Über die Hintergründe dieser Zusammenhänge herrscht derzeit noch Unklarheit. Den Autoren zufolge kommt beispielsweise der Einfluss einer Opioidtherapie infrage. Allerdings konnte in früheren Studien gezeigt werden, dass Opioide das Fortschreiten einer Demenz nicht stärker fördern als NSAR. Demzufolge könne man vermuten, dass der chronische Schmerz möglicherweise direkten Einfluss auf die Kognition habe. Mit dem Schmerz verschlechtere sich die Aufmerksamkeit, diese wiederum stehe im Zusammenhang mit Gedächtnisverlusten. Hinzu komme der durch den Schmerz ausgelöste Stress, der über kortisolbasierte Stoffwechselwege möglicherweise den kognitiven Abbau beschleunige. Letztlich, so Whitlock und Kollegen, könne der Zusammenhang aber auch ein Artefakt sein, das auf einen nicht berücksichtigten Störfaktor zurückgeht.

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