Forschung und Praxis, 15.11.2004

Chronischer Schmerz ist nichts für Einzelkämpfer

Erfolge durch interdisziplinäre Behandlung

Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen sieht man sich als einzelner Arzt oft am Ende seines Lateins: Trotz konservativer und auch operativer Therapien klagt ein Patient weiterhin über starke Schmerzen. In dieser Situation sinnvoll ist, den Problem-Patienten in interdisziplinären Schmerzkonferenzen oder Schmerz-Therapiezentren vorzustellen.

Thomas Kron

Damit langjährige Krankheitsverläufe bei Rückenschmerzen gar nicht erst vorkommen, ist die richtige Weichenstellung gleich zu Therapiebeginn mitentscheidend. Gefordert sind also zunächst Hausärzte und niedergelassene Fachärzte, wobei es für sie nicht allein darauf ankommt, Diagnostik und Therapie rasch voranzutreiben. Wichtig ist auch, die eigenen Grenzen realistisch einzuschätzen, um rechtzeitig - also nach etwa drei oder vier Wochen erfolgloser Therapie - die Chancen für die Patienten zu nutzen, die zum Beispiel Schmerz-Spezialisten bieten.

Interdisziplinäre Betreuung sollte bereits Standard sein

Ein besonderes Konzept ist von Ärzten der Mainzer Universitätsklinik entwickelt worden: Mit dem 2002 gegründeten interdisziplinären Schmerz-Therapiezentrum (IST) bieten sie für Schmerzkranke und ihre betreuenden Kollegen das an, was heute eigentlich als Standard gelten sollte: eine wirklich interdisziplinäre Betreuung durch Ärzte verschiedener Fachrichtungen.

Betreut werden die Patienten von Anästhesisten, Orthopäden, Neurologen und Psychiatern sowie Fachärzten für psychosomatische Medizin, bei Bedarf auch von Neurochirurgen und Urologen, erklärte der Anästhesist Dr. Rainer Schwab beim zweiten Mainzer IST-Symposium, das von den Unternehmen Kyphon, MSD und Pfizer unterstützt wurde. Im Mittel haben die Patienten bereits seit rund sechs Jahren Schmerzen, wie eine Auswertung der Daten der 70 Patienten ergeben hat, die im vergangenen Jahr im IST betreut wurden.

Ziel der behandelnden Ärzte des Zentrums ist, durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit, etwa in wöchentlichen Fall-Konferenzen, die Diagnostik voranzutreiben, um so schnell wie möglich ein praktikables Therapiekonzept erstellen zu können. Dabei ist die Arbeit der IST-Ärzte nicht beschränkt auf die rein klinische Tätigkeit. Zu ihren Aufgaben gehören auch die Forschung und enge Zusammenarbeit mit Grundlagenforschern. "Wir versuchen, den Bogen von der Grundlagenforschung in die Klinik zu spannen", erläuterte Professor Marianne Dieterich, Sprecherin des Zentrums und Leiterin der Neurologischen Universitätsklinik Mainz.

So laufen zur Zeit mehrere Studien, etwa zu Antikonvulsiva bei neuropathischen Schmerzen oder zur Pathogenese von Rückenschmerzen. Ein Beispiel hierfür sind die Untersuchungen des Neurophysiologen Dr. Roman Rolke, der mit der quantitativen sensorischen Testung bei Rückenschmerz-Kranken spezifische Profile erstellen kann, die Rückschlüsse auf die Pathogenese der Schmerzen erlauben. Ziel dabei ist natürlich, nach einer präzisen Ursachenforschung eine adäquate Therapie auswählen zu können.

Nutzen von Bandscheiben-Prothesen ist bislang unklar

Solche Forschungen sind bei Schmerz-Patienten und auch Rückenschmerz-Kranken dringend nötig. Denn auf viele Fragen fehlen noch immer befriedigende Antworten. Nur ein Beispiel ist die Indikationsstellung zur Facetten-Blockade bei Rückenschmerzen. Eine weitere noch unbeantwortete Frage ist die, ob medikamentöse Facetten-Blockaden eine über Placebo-Effekte hinausgehende Wirkung haben. Und auch der Nutzen, vor allem der Langzeitnutzen von Bandscheiben-Prothesen, ist noch unklar. Die meisten Studien sind zu klein, ihre Dauer zu kurz. Nicht einmal die Wirksamkeit der Physiotherapie im Sinne der sogenannten Evidence based medicine ist gesichert.

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