Ärzte Zeitung, 25.06.2019

Arthrose

Wieso Patienten sich für oder gegen Kunstgelenke entscheiden

Ein Informationsprogramm zu Therapieoptionen bei Arthrose hat in einer Studie dazu geführt, dass ein Drittel der Teilnehmer, die ursprünglich den Gelenkersatz favorisiert hatten, davon wieder abkam. Die Autoren sind den Gründen für die Meinungsänderung nachgegangen.

Von Elke Oberhofer

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Wann ist ein Gelenkersatz sinnvoll? Darüber sollten Patienten umfassend informiert werden.

© BVMed-Bilderpool

LUND. Der Gelenkersatz bei Arthrose des Hüft- oder Kniegelenks ist nach internationalen Leitlinien (zum Beispiel der American Academy of Orthopedic Surgeons) dann angezeigt, wenn eine fortgeschrittene Arthrose vorliegt und konservative Therapiemaßnahmen ausgeschöpft sind. In praxi scheint es aber mit der Umsetzung dieser Empfehlungen zu hapern. So haben mehrere Studien ergeben, dass ein Drittel aller operativen Eingriffe zur Therapie bei Arthrose unangemessen ist, das heißt, sie erfolgen, obwohl keine schwerwiegenden Symptome vorliegen.

Der Patientenwunsch spielt für die Entscheidung für oder gegen ein Implantat eine große Rolle (auch wenn darin zumindest nicht das einzige Kriterium bestehen sollte). Wie der Patient selbst den Erfolg einer Maßnahme einschätzt, hängt allerdings von einer ganzen Reihe von äußeren Einflüssen ab.

Wie eine Studie aus Schweden nachweist, rührt zum Beispiel der Wunsch nach einer Endoprothese oft daher, dass die Patienten nicht ausreichend informiert sind und keine andere Möglichkeit zur Linderung ihrer Beschwerden sehen.

Programm „Joint Academy“

Das Team um Dr. Anna Cronström von der Lund-Universität hat in Zusammenarbeit mit der nationalen Gesundheitsbehörde ein Programm (Titel: „Joint Academy“) aufgelegt, das dazu dienen soll, Arthrosepatienten mit validierten Informationen zu ihrer Erkrankung zu versorgen und ihnen vor allem auch den Nutzen konservativer Maßnahmen nahezubringen.

Mit 19 Patienten – zehn mit primärer Hüft- und neun mit primärer Kniegelenksarthrose – führten die Forscher nach Absolvieren des Programms semistrukturierte Interviews durch (Osteoarthritis Cartilage 2019; 27, 7:1026–1032).

Wie Cronström und Kollegen berichten, hatte sich ein Drittel der Patienten, die zuvor fest entschlossen waren, sich einer Gelenkersatz-Op zu unterziehen, nach Teilnahme an der „Joint Academy“ gegen den Eingriff entschieden. Als Hauptgrund wurde angegeben, dass die Symptome der Arthrose im Laufe des Programms abgenommen hätten und die Funktionalität im Alltag sich verbessert hätte.

Hierzu hätten die im Rahmen des Programms empfohlenen Übungen offenbar ihren Teil beigetragen. Viele Patienten berichteten über einen deutlichen Wissenszuwachs im Zusammenhang mit der Erkrankung: „Ich hatte die Op in Erwägung gezogen, weil ich dachte, so wird das eben behandelt“, wird ein Patient zitiert. Jetzt, da er das Ergebnis der Übungen spüre, sei der Gelenkersatz erst mal keine Option mehr für ihn.

Die Forscher berichten jedoch auch, dass sechs Prozent derjenigen, für die eine Op zuvor keine Option gewesen war, anschließend zum Gelenkersatz umschwenkten. In dieser Gruppe hatte die Intervention nach Angabe der Patienten wenig zur Linderung der Beschwerden beigetragen. Das Kunstgelenk war in ihrer Wahrnehmung „die letzte noch verbleibende Option“. Hinzu kam das Gefühl, dass man es bereuen könnte, wenn man zu lang warte: „Ich will nicht einer von denen sein, die sich fragen, warum sie es nicht eher gemacht haben.“

Diese Patienten wollten die Op durchziehen, noch bevor die Symptome so stark würden, dass ihre Alltagsaktivitäten dadurch erheblich eingeschränkt würden. Die Hälfte der Teilnehmer hatte zuvor entweder selbst Erfahrungen mit einem Kunstgelenk gemacht oder von Bekannten gehört, bei denen ein Implantat eingebaut wurde.

Gerade dies war oft mit hohen Erwartungen an das Implantat verbunden. Die Teilnehmer erhofften sich, damit wieder so aktiv zu sein wie früher, bevor die Erkrankung sich verschlechtert hatte.

Hohe Erwartungen

„Eine umfassende Aufklärung ist die Voraussetzung dafür, dass die Patienten in der Lage sind, eine Entscheidung zu treffen, deren Ergebnis ihren Erwartungen entspricht“, betonen Cronström und ihr Team. Allerdings habe die Erfahrung aus Studien gezeigt, dass bei weitem nicht alle Arthrosepatienten eine solche Aufklärung erhielten. In einem Programm wie der „Joint Academy“, welches sowohl Informationen als auch Übungen beinhalte, sehen die Forscher zum einen eine Möglichkeit, unnötige Eingriffe zu reduzieren, zum anderen auch ein Instrument, um Patienten herauszufiltern, die möglicherweise von einem Gelenkersatz profitieren.

Wie die Auswertung der Interviews ergeben hat, kann es aber auch problematisch sein, wenn Orthopäden entgegen dem Patientenwunsch vom Kunstgelenk abraten. In solchen Fällen berichteten einige Patienten von einem Gefühl der Machtlosigkeit, davon, dass sie „die Hoffnung, dass es jemals besser wird, aufgegeben“ hätten.

„Die Arzt-Patient-Beziehung spielt eine große Rolle im Entscheidungsprozess“, so die Autoren. Es sei wichtig, die Vorlieben des Patienten früh in der Therapieplanung zu berücksichtigen und darauf mit angemessener Information einzugehen. Nur so könne man erreichen, dass der Patient dem Arzt und seinen Empfehlungen vertraue.

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