Ärzte Zeitung, 06.03.2007

HINTERGRUND

Haus- und Klinikärzte arbeiten bei Sturz-Prophylaxe Hand in Hand

Von Thomas Meißner

Ein "Sturzzentrum für ältere Menschen" wurde vor kurzem am Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main eröffnet. Geriater und Unfallchirurgen versuchen mit vielfältigen Maßnahmen, Stürzen bei alten Menschen vorzubeugen. Hierbei ist die Mitarbeit von Hausärzten wichtig.

Hohe Teppichkanten sind eine häufige Ursache für Stürze von alten Menschen in der häuslichen Umgebung. Foto: Hewi Heinrich Wilke GmbH

"Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom würde man nach Ausschluss eines Herzinfarkts nicht einfach nach Hause entlassen, ohne gezielt nach kardiovaskulären Risikofaktoren zu schauen". Das betonte Privatdozent Rupert Püllen, Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Ebenso sei es bei gestürzten alten Menschen erforderlich, Risikofaktoren hierfür zu ermitteln. Dazu gehören Gang- oder Balancestörungen, Kraftminderung der unteren Extremitäten, die tägliche Einnahme von vielen Medikamenten sowie Sehstörungen. Ein Drittel derjenigen Menschen, die schon einmal gestürzt sind, fallen innerhalb eines Jahres noch einmal. Viele dieser Patienten ziehen sich dann sozial zurück, gehen nicht mehr aus dem Haus. Doch körperliche Schonung verschlechtert die Gehfähigkeit weiter.

Nach Fraktur werden Sturzursachen geklärt

Püllen und sein Kollege Privatdozent Stefan Rehart von der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie haben deshalb ein fachübergreifendes Konzept zum Umgang mit gestürzten Patienten erarbeitet. Wurde zum Beispiel ein Patient mit sturzbedingter Fraktur aufgenommen, legen Unfallchirurg und Geriater bereits präoperativ gemeinsam einen Behandlungspfad fest. Geachtet wird auf eine detaillierte Klärung der Sturzursachen, etwa auch durch Untersuchungen auf Blutalkohol oder auf Benzodiazepine im Urin.

Nach der Operation sind die Geriater vor allem damit beschäftigt, postoperative Komplikationen, vom Delirium bis hin zum Dekubitus, zu verhindern. Erfolgt die Behandlung in der Geriatrie, schauen umgekehrt auch die Unfallchirurgen/Orthopäden vor der Entlassung den Patienten noch einmal an.

Liegt keine Fraktur vor, gibt es eine Sturzevaluation

Ist es nicht zur Fraktur gekommen und eine ambulante Behandlung möglich, wird den Patienten eine Sturzevaluation angeboten, in die die physiotherapeutische Abteilung des Hauses einbezogen ist. Zum Einsatz kommen hier mehrere Funktions- und Fähigkeitstests. Dazu zählen der Uhrentest als einfacher Demenztest, die Messung von Kraft und Gehgeschwindigkeit. Getestet wird auch die Balance der Patienten, Medikamente und Hilfsmittel werden überprüft. Dies dauert etwa eine Stunde.

In einem Brief an den Hausarzt wird auf die gefunden Sturzrisikofaktoren aufmerksam, und es gibt Vorschläge zur Sturzvermeidung. Dazu gehören die Änderung der Medikation, eine augenärztliche Untersuchung oder ein gezieltes Krafttraining. Die Patienten erhalten Merkblätter, mit Hinweisen auf Stolperfallen in der häuslichen Umgebung wie hohe Teppichkanten oder schlechte Beleuchtung.

Wichtig sei es auch, auf die Angst der Patienten vor weiteren Stürzen einzugehen, so Püllen. Einfache Tipps, gerade für alleinstehende Menschen, könnten diese Angst minderen, etwa die Einrichtung eines Hausnotrufes, die Organisation täglicher Besuche einer Kontaktperson. In der Tagesklinik des Markus-Krankenhauses wird zusätzlich ein Training zur Verbesserung der Kraft und der Selbstständigkeit angeboten.

Das Sturzzentrum hat reinen Modellcharakter, es gibt noch keine Vereinbarungen mit den Kostenträgern. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die Initiatoren hoffen nach Abschluss der Modellphase, ihre Leistungen auch abrechnen zu können. Bis dahin werden die Maßnahmen aus Eigenmitteln des Markus-Krankenhauses finanziert.

Fraktur nach jedem 10. Sturz

Von den über 65-jährigen Menschen stürzt durchschnittlich jeder Dritte einmal pro Jahr, von den über 80-jährigen jeder zweite. Ein Drittel derjenigen, die bereits gestürzt sind, fallen innerhalb eines Jahres erneut, so PD Rupert Püllen aus Frankfurt/Main. Fünf bis zehn Prozent der Gestürzten erleiden eine Fraktur. Mehrere Studien haben ergeben, dass sich Stürze mit präventiven Maßnahmen verhindern lassen. (ner)

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