Ärzte Zeitung online, 05.12.2018

Arbeitsmedizin

Exoskelett gegen Beschwerden bei Überkopfarbeiten?

In vielen Betrieben werden die Beschäftigten mit Exoskeletten aufgerüstet. Das „Know-how“ stammt von Prothesenherstellern.

Von Fabian Nitschmann

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Überkopfarbeit wird erleichtert: Mechanikerin trägt neuartiges Exoskelett des Prothesenherstellers Ottobock.

© dpa

DUDERSTADT. Das Gestell am Rücken von Sönke Rössing ist nicht schwerer als ein Rucksack und auch nicht größer oder auffälliger. Doch der Entwickler vom niedersächsischen Prothesenhersteller Ottobock verspricht, dass die umgeschnallten Streben und die Seilzugtechnik große Vorteile für Handwerker wie Heimwerker haben können. Wände streichen, Hecken schneiden, verschiedenste Überkopfarbeiten: Mit dem Exoskelett soll das alles viel einfacher von der Hand gehen. „Mein Traum ist es, dass nächstes Jahr an Weihnachten ein Exoskelett für den Heimwerker angeboten werden kann.

Bisher sind Exoskelette vor allem als hochtechnisierte Hilfsmittel in der Rehabilitation von Querschnittsgelähmten bekannt geworden. Nun werden sie in der Arbeitswelt immer mehr zum Thema und einige Ausführungen sind bereits kompakter geworden. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: Exoskelette können bei Überkopfarbeiten das Gewicht der Arme ableiten oder sie beim Heben von schweren Gegenständen unterstützen. Ob sie das Wundermittel auf dem Weg zum gesünderen Beschäftigten sind, ist aber noch nicht geklärt.

Rössing und sein Arbeitgeber Ottobock haben ihr Modell „Paexo“ über sechs Jahre hinweg entwickelt, bis es im Herbst auf den Markt kam. Der Autobauer Volkswagen war 2012 auf das Unternehmen zugekommen und suchte nach einer Lösung für die vielen Überkopfarbeiten in den Werken, die vor allem die Schultern und die Oberarme belasten. Nach Tests mit schweren, hydraulisch betriebenen Modellen habe man Stück für Stück ein kompakteres und leichteres System entwickelt.

Exoskelette als Rezept gegen Schulterbeschwerden?

Dabei werden zunächst zwei Kugelgelenke an einem Hüftgurt angebracht. Von dort führen zwei Metallstangen nach oben, an deren Ende Gelenke befestigt sind, die die Funktion der Schultergelenke nach außen spiegeln. Von dort führen die nächsten Streben zu den Oberarmen. Mithilfe von Seilzügen wird so die Belastung von den Armen ohne Umweg über den Rücken oder die Schulter direkt in die Hüfte abgeleitet.

Ottobock ist nicht das einzige Unternehmen, das derzeit mit Exoskeletten experimentiert. In Deutschland arbeitet beispielsweise auch das Augsburger Unternehmen German Bionic System (Augsburg) an einem Exoskelett – und zwar an einer Variante mit einer aktiven Unterstützung zur Entlastung des unteren Rückens.

Doch können solche Exoskelette das Rezept gegen Schulterbeschwerden, Bandscheibenvorfälle und kaputte Knie sein? „Im Moment herrscht eine rege Diskussion in der wissenschaftlichen Community“, sagt Sascha Wischniewski von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA). Die entscheidende Frage sei, ob die Systeme tatsächlich den Körper unterstützen oder lediglich die Lasten verteilen.

 „Belastungen werden meistens woanders wieder in den Körper eingeleitet“, sagt Benjamin Steinhilber vom Institut für Arbeitsmedizin am Uni-Klinikum Tübingen. „Es ist noch schwierig abzuschätzen, ob die Erhöhung der körperlichen Belastung an einer anderen Stelle zu einem Schaden führen kann.“

Das größte Problem bei der Einschätzung: Langzeiteffekte konnten an der neuen Technologie schlicht noch nicht erforscht werden, weil sie dafür zu neu ist. „Für uns ist es zudem wichtig, ob es sich bei den aktuell am Markt verfügbaren passiven Exoskeletten um ein Werkzeug oder eine persönliche Schutzausrüstung für den Beschäftigten handelt“, sagt Wischniewski. Grundsätzlich sei es das Ziel, einen guten Arbeitsplatz auch ohne den Bedarf für ein Exoskelett zu gestalten. „Ein Exoskelett sollte nicht das erste Mittel bei der Arbeitsplatzgestaltung sein, sondern da eingesetzt werden, wo es keine ergonomisch sinnvollere Alternativen gibt.“

Nicht jede Tätigkeit für Exoskelett geeignet

Auch Steinhilber sieht das so und empfiehlt den Unternehmen, nicht jede Tätigkeit künftig mit einem Exoskelett zu verknüpfen. Darüber hinaus gebe es noch viel Verbesserungspotenzial, etwa beim Gewicht und an den Stellen, an denen das Exoskelett den Menschen berührt. „Kurzfristig glaube ich nicht, dass die Exoskelette so gut werden, dass man sie über acht Stunden bei der Arbeit tragen kann.“

Genau das ist laut Ottobock aber bereits der Fall: „An Arbeitsplätzen, an denen ausschließlich über Kopf und über Schulterhöhe gearbeitet wird, sind es bis zu acht Stunden.“ Der Prothesenhersteller hat sein Modell im Herbst auf den Markt gebracht, bereits mehr als 30 Kunden seien beliefert worden, zudem lägen zahlreiche Kundenanfragen vor.

Für alle Kunden gehe es darum, bei einer steigenden Lebenserwartung und einer alternden Belegschaft dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter mit neuartigen Hilfsmitteln und ergonomischen Arbeitsplätzen gesund bleiben. Ob sich Rössings Traum vom Exoskelett unter den Weihnachtsbäumen im Jahr 2019 erfüllen lässt, ist allerdings noch fraglich. Der Preis von 4900 Euro dürfte den meisten Menschen für den privaten Gebrauch zu hoch sein. (dpa)

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[06.12.2018, 14:01:40]
Dr. Rolf Lorbach 
Spannender Ansatz bei gesundheitlich eingeschränkten Mitarbeitern
Grundsätzlich stimme ich Herrn Kollegen Künzel in seinem Resumee zu, dass es besser wäre Arbeitsplätze ergonomisch optimal zu gestalten.
Ich sehe allerdings in den hier vorgestellten Exoskeletten ein interessantes Hilfsmittel für Mitarbeiter mit chronischen Gesundheitsstörungen und Einschränkungen, die ansonsten nicht mehr am angestammten Arbeitsplatz eingesetzt werden könnten. In kleineren Unternehmen führt dies nicht selten zu krankheitsbedingten Kündigungen, in größeren zu einem oft nicht gleichwertigen Schonarbeitsplatz, z.B. die klassischen Pförtnerstellen.
Da unsere Belegschaften immer älter werden und länger arbeiten müssen, gibt es immer häufiger oben genannte Situationen mit dauerhaften körperlichen Einschränkungen. Wenn Exoskelette dazu führen, dass diese Mitarbeiter trotz der Einschränkungen weiter arbeiten können, sind sie meiner Meinung nach genauso sinnvoll wie der hydraulisch höhenverstellbare Tisch bei Bandscheiben-Patienten oder die spezielle ergonomische Maus bei RSI-Syndrom... zum Beitrag »
[05.12.2018, 14:56:54]
Dr. Robert Künzel 
Auf der Galeere gabs den Trommler und den Einpeitscher, heute sollten wir mental weiter sein !
„Belastungen werden meistens woanders wieder in den Körper eingeleitet“, sagt Benjamin Steinhilber vom Institut für Arbeitsmedizin am Uni-Klinikum Tübingen. „Es ist noch schwierig abzuschätzen, ob die Erhöhung der körperlichen Belastung an einer anderen Stelle zu einem Schaden führen kann.“

Dieser Denkansatz ist m.E. der einzig richtige. Anstatt zu sinnieren und zu forschen, auf welchen Wegen man das Humankapital technisch optimieren und noch effizienter ausbeuten kann, sollte man sich doch vielmehr überlegen, ob nicht ein paar Leute mehr eingestellt werden können, um die schwere Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen. Und wenn es dann soweit ist, daß sich der Körper meldet und deutlich signalisiert : Diese Belastung schaffe ich nicht, hör auf, mich weiter zu schinden, dann ist die Lösung sicher nicht ein Rp. für so ein unsägliches, Terminator-artiges Hilfsmittel.
Der Grundgedanke ist doch der Gleiche, der vielgescholtene chinesische Forscher He ist wenigstens konsequent und optimiert die kommenden Generationen bereits vorgeburtlich. Da muten die roboterartigen Exoskelette der Fa. Otto Bock fast schon wieder harmlos-skurril an, besser wäre es jedoch, wenn statt dessen gleich daran geforscht würde, das Arbeitsumfeld so weiterzuentwickeln, daß ganz normale Menschen ohne Streß und körperliche Überbelastung Ihren 8-Stunden-Tag bewältigen können.  zum Beitrag »

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