Ärzte Zeitung, 07.11.2010

Wie in feuchte Nächte wieder Ruhe einkehrt

Bis zu ein Viertel der Kinder - je nach Studie - hat feuchte Nächte. Mehr als die Hälfte von ihnen ist auch tagsüber inkontinent, vor allem durch eine überaktive Blase.

Von Angela Speth

Wie in feuchte Nächte wieder Ruhe einkehrt

Die Sonografie gehört bei Kindern mit Enuresis zur Basisdiagnostik.

© Initiative Trockene Nacht

Bei Babys finden Miktionen ungehemmt bis 30-mal am Tag statt, aber bis zum vierten Lebensjahr steigt die Blasenkapazität deutlich. Einschätzen lässt sie sich mit der Formel 30 + (30 x Alter) = ml, erläutert Dr. Maria Bürst aus Deggendorf (MMW 2010; 1-2: 12).

Bettnässen bei älteren Kindern passiert meist in den ersten zwei Stunden nach dem Einschlafen, weil sich in dieser Zeit 80 Prozent des Nachturins ansammeln, denn das antidiuretische Hormon (ADH) wird erst danach ausgeschüttet.

Als Ursachen des Bettnässens nennt Bürst Polyurie, verzögerte Reifung von Nervenbahnen, erhöhte Weckschwelle, schlechte Wahrnehmung des Miktionsreizes, Veranlagung, Schlafapnoe oder Störung der ADH-Sekretion. Psychische Auslöser seien selten.

Tipps zur Anamnese

Zum Vorgespräch gehört die Frage: Zu welcher Tageszeit nässt das Kind ein? Wenn das - wie meist -nachmittags geschieht, ist es ratsam, den Eltern zu erklären, dass zum Abend hin die Kontrolle über den Sphinkter nachlässt. Manche vermuten nämlich, ihr Kind wolle sie ärgern, weil es in der Schule trocken ist. Weiterhin wichtig: Wie oft geht das Kind zur Toilette? Drei bis acht Mal tagsüber sind normal, eine Nykturie dagegen ist immer krankhaft, selbst wenn sie sozial akzeptiert wird. Auch nach der Trinkmenge sollte man sich erkundigen. Das Deutsche Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund gibt als Tagesmenge an: 800 ml für 4- bis 6-Jährige, 900 ml für 7- bis 9-Jährige, 1000 ml für 10- bis 12-Jährige und 1200 ml für 13- bis 14-Jährige. Anamnesebögen gibt's bei der Initiative Trockene Nacht unter "Service".
www.Initiative-trockene-nacht.de

Für die Anamnese lasse sie die Eltern vorab einen Fragebogen ausfüllen. Zur Basisdiagnostik gehören Urintest und körperliche Untersuchung mit Augenmerk auf Vulvovaginitis bei Mädchen und Balanitis bei Jungen. Es folgt eine Sonografie zum Ausschluss von Restharn, verdickter Blasenwand und Anomalien an Nieren oder Harnleitern.

Eine Therapie empfiehlt Bürst erst bei Kindern über fünf Jahre, die mehr als zweimal pro Monat einnässen. Zunächst solle man die Drangsymptome tags angehen. Und zwar mit den Ratschlägen, ein Trink- und Miktionsprotokoll zu führen.

Außerdem sollte der Lebensstil geändert werden: trinken über den Tag verteilt, aber hauptsächlich vor 17 Uhr, regelmäßig die Toilette aufsuchen, zuckerhaltige Getränke meiden, die dazu verführen, über den Durst zu trinken.

Versagen solche Regeln, sind nach Aussage von Bürst Anticholinergika indiziert. Als Goldstandard gelte das Oxybutynin (0,4 mg/kg/Tag), das ab dem 5. Lebensjahr zugelassen ist.

Eine Alternative ist Propiverin (0,4 mg/kg/Tag). Trospiumchlorid ist für Kinder nicht zugelassen, off-label ist nach Angaben von Bürst eine Dosis von 0,6 mg/kg/Tag möglich.

Im Schnitt sprechen 40 Prozent der Kinder auf Anticholinergika an, für die Übrigen kommt eine Kombination mit Desmopressin infrage, wie Dr. Nenad Djakovic beim Uro Update in Düsseldorf berichtete.

Für Kinder mit therapieresistenter überaktiver Blase könnte das bisher nur für Erwachsene zugelassene Solifenacin eine Zukunftsoption sein, wie eine Studie nahelegt. Bei den 138 Jungen und Mädchen stieg das durchschnittliche Miktionsvolumen signifikant von 203 ml auf 254 ml. 45 Kinder wurden komplett trocken, 39 hatten weniger Enuresis-Episoden.

Methode der Wahl gegen nächtliches Einnässen ist die Klingelhose, die das Kind bei einer Miktion weckt. Etwa 80 Prozent der Kinder sind damit nach zwei Monaten trocken. Aber selbst wenn ein Kind mehrfach einnässt, weckt man es nur einmal, weil sonst das Schlafprofil und die ADH-Sekretion gestört werden.

Bei Polyurie ist das ADH-Analogon Desmopressin indiziert: Ein Drittel der Kinder wird damit kontinent, bei 40 Prozent bessern sich die Symptome. Um ein Ansprechen rasch abzuklären, verordnet Bürst es für eine Woche gleich in der hohen Dosis von 0,4 mg täglich kurz vor dem Einschlafen.

Bessert sich die Enuresis, verordnet sie pro Woche eine halbe Tablette weniger. Bei erneutem Einnässen erhöht sie für vier Wochen um diese Dosis. Möglich ist eine Medikation bei Bedarf wie Übernachtungen auswärts. Ein Therapie-Ende mit Ausschleichen war in einer Studie günstiger als abruptes Absetzen.

[08.11.2010, 08:45:51]
Dr. Ralf Hettich 
Eine überaktive Blase beeinflusst auch das Liebesleben von Frauen
Leiden Frauen unter einer überaktiven Blase, sind auch andere Bettaktivitäten als schlafen davon betroffen. Fast nichts kann die intimen Momente so stören wie der Moment, in dem sie die Kontrolle über Ihre Blase verlieren.

Sexuelle Aktivitäten an sich reizen die Blase und können zu einem Harnverlust während des Liebesaktes führen.

Das passiert im Übrigen den meisten Frauen, die eine überaktive Blase haben. Zwar sind beim Geschlechtsverkehr durchaus Körperflüssigkeiten im Spiel. Wenn die Gedanken jedoch dahin gehen, dass dies Urin sein könnte, ist es meist unangenehm und irritierend.

Meist sind damit eine sexuelle Unzufriedenheit und sogar ein Rückgang der sexuellen Aktivitäten verbunden.

Mein Rat für Frauen mit einer überaktiven Blase: Lassen Sie sich Ihr Liebesleben nicht von der überaktiven Blase terrorisieren. Wenn Sie mit Ihrem Partner über Ihr Blasenproblem gesprochen haben, ist der erste und wichtigste Schritt getan. Dies kann Sie von dem Druck befreien, der Ihr Leben und auch Ihre Sexualität belastet hat.

Mit den besten Wünschen für ein gesunde Blase

Dr. Ralf Hettich
Emailkontakt: info@ralfhettich.de
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