Ärzte Zeitung, 20.11.2011

Zähes Ringen um mehr Organspenden

Die Strukturveränderungen bei der Organspende, die sich am Vorzeigeland Spanien orientieren, bringen in Deutschland bisher noch nicht den gewünschten Erfolg.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Zähes Ringen um mehr Organspenden

Die Novellierung des Transplantationsgesetzes soll die Zahl der Organspenden erhöhen

© Frank May / dpa

REGENSBURG. In einem Punkt sind sich Politiker, Transplantationsmediziner und Patientenverbände einig: Die Organspenderaten in Deutschland müssen erhöht werden.

Welche Strategien geeignet sein könnten, die Spenderate zu verbessern, wird aktuell auch im Zusammenhang mit der geplanten Novellierung des Transplantationsgesetzes intensiv diskutiert. Solche Strategien waren auch Thema bei der Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft in Regensburg.

Großbritannien will Transplantationen um 50 Prozent in fünf Jahren steigern

Ein Beispiel, wie andere Länder ihre Spenderaten gesteigert haben, gab Professor Peter J. Friend vom Transplantationscenter Oxford für Großbritannien. In Abstimmung mit der Regierung setzte sich der National Health Service Blood and Transplantation (NHSBT) 2006 ein konkretes Ziel: die Zahl verpflanzter Organe um 50 Prozent in fünf Jahren zu steigern.

Dies sollte erreicht werden durch konsequentes Monitoring von potentiellen Organspendern, eine angemessene Vergütung der Organspende für die Kliniken, ein verpflichtendes Training aller in den Spendeprozess involvierten Mitarbeiter und die Implementierung von Explantationsteams, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen. 14 Millionen britische Pfund kostete das Programm.

Nach Ansicht von Friend gut investiertes Geld. So habe sich die Zahl der postmortalen Organspender von 809 im Jahr 2007 auf 1010 im vergangenen Jahr steigern lassen, eine Erhöhung um gut 20 Absolutprozent. Mehr Multiorganentnahmen als früher brachten weitere Zuwächse an Transplantationen.

Allerdings beruhte die Zuwachsrate bei postmortalen Spenden auf der Organentnahme wenige Minuten nach Herzstillstand, auch als "Non-heart-beating donors" (NHBD) bezeichnet. Zugleich sank die Zahl der hirntoten Spender.

In Deutschland ist Entnahme von Organen bei NHBD nicht erlaubt

In Deutschland sind weder die Entnahme, noch die Allokation von NHBD-Organen erlaubt. Denn nach Meinung der Bundesärztekammer bestehen Zweifel, ob nach wenigen Minuten der Asystolie ohne Hirntoddiagnostik der irreversible Ausfall der gesamten Hirnfunktion sicher prognostiziert werden kann.

Trotz des Erfolgs in Großbritannien erreicht das Land damit gerade mal die Rate postmortaler Spender in Deutschland von 2010: etwa 16 pro eine Million Einwohner. Allerdings hat sich die Zahl der Lebendspender auf der Insel über die der postmortalen Spender hinaus entwickelt (n = 1041).

In Deutschland beträgt der Anteil der Lebendspenden an den Nierentransplantationen 24 Prozent.

"Prozessoptimierung ist wesentliche Voraussetzung für mehr Organspenden, aber es sind offenbar andere Faktoren ebenfalls sehr relevant, zumindest in Deutschland, und diese Faktoren müssen wir kontinuierlich mit Hilfe gut dokumentierter Daten analysieren", sagte Privatdozent Dietmar Mauer aus Homburg/Saar.

Er leitet beim Vorstand des Universitätsklinikums Homburg an der Saar das zentrale Projektmanagement und ist dort auch für die so genannte Inhouse-Koordination verantwortlich.

Im Jahr 2009 hat die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) an Unikliniken und Krankenhäusern mit neurochirurgischen Intensivstationen ein Programm zur Steigerung der postmortalen Organspende begonnen, in Anlehnung an das spanische Modell.

Speziell geschulte Koordinatoren sollen Klinikärzte besser miteinander verzahnen

Über speziell geschulte ärztliche Klinikmitarbeiter, die Inhouse-Koordinatoren, wird die Arbeit der DSO mit den Tätigkeiten der Klinikärzte enger verzahnt, um potentielle Spender frühzeitig erkennen und Maßnahmen einleiten zu können. In den ersten drei Quartalen 2011 ist die Zahl postmortaler Spender im Vergleich zum Vorjahreszeitraum allerdings gesunken.

Auch am Uniklinikum des Saarlandes sei die Zahl rückläufig, sagt Mauer: Fünf Spender gab es bisher, im Vergleich zu 15 im Vorjahr, und dies trotz identischer Strukturen und Prozesse wie optimale Schulung der Mitarbeiter, regelmäßige Qualitätszirkel, Transplantationsbeauftragte aus den Reihen von Ärzten und Pflegepersonal für jede Intensivstation, gutem Monitoring von schwer Hirngeschädigten und akribisch geführter Sterbestatistik.

"In unserer Klinik wird die Inhouse-Koordination gut umgesetzt", sagt Mauer. Es seien aber im laufenden Jahr insgesamt weniger Patienten gestorben bei zugleich erhöhter komplexer Komorbidität und mehr medizinischen Kontraindikationen für die Organspende.

Zugleich sei die Ablehnungsrate durch Angehörige auf 70 Prozent gestiegen - trotz Schulung der Gesprächsführenden.

Ob sich die hohe Ablehnungsrate durch eine gesetzliche Regelung wie die Einführung der Widerspruchslösung senken lässt, ist jedoch ungewiss.

Spanien, in dem die Widerspruchslösung gilt und das mit 34 postmortalen Spendern pro Million Einwohner als Vorbild für gute Organspendeaktivitäten gilt, verweist immer wieder darauf, dass die Familie grundsätzlich gefragt und damit die erweiterte Zustimmungslösung praktiziert werde, wie sie auch in Deutschland gilt (BMJ 2010; 341: bmj.c4973).

In Spanien lehen nur wenige Angehörige postmortale Organspende ab

Allerdings lehnen nur etwa 15 Prozent der Angehörigen in Spanien die postmortale Organspende ab, in Großbritannien sind es etwa 40 Prozent, in Deutschland vermutlich ähnlich viele.

In Spanien werden hohen Spenderraten - zur ganz überwiegenden Mehrzahl hirntote Spender, nur wenige NHBD - auf die hohe Zahl der Transplantations-Koordinatoren und eine gegenüber der Organspende positiv eingestellte Bevölkerung zurückgeführt: Der Anteil lebend gespendeter Organe an den Transplantationsraten ist mit 14   Prozent gering.

Allerdings: Die Inzidenz tödlicher Verkehrsunfälle liegt in Spanien der WHO zu Folgeum etwa 30 Prozent über der von Deutschland oder Großbritannien.

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