Ärzte Zeitung, 10.01.2005

Hilfskräfte haben die Versorgung mit sauberem Trinkwasser gut im Griff

Bislang keine Anzeichen für Cholera / Dengue-Fieber wird vermutlich vermehrt auftreten

NEU-ISENBURG (ikr/run). In den von der Flutwelle in Asien betroffenen Gebieten ist vor allem mit Erkrankungen zu rechnen, die über mit Fäkalien verunreinigtes Trinkwasser oder entsprechend kontaminierte Nahrungsmittel verursacht werden. Bisher ist es jedoch nur zu kleineren, gut beherrschbaren Ausbrüchen von Durchfallerkrankungen wie der Ruhr gekommen.

Ein junges Mädchen in Indonesien holt sauberes Trinkwasser; damit schützen sich die Menschen vor Infektionen. Foto: dpa

"Das ist ein Zeichen dafür, daß die Hilfsaktionen in Asien sehr gut laufen", sagte Privatdozent Dr. Tomas Jelinek, stellvertretender Leiter des Instituts für Tropenmedizin in Berlin und Leiter der dortigen Ambulanz, zur "Ärzte Zeitung". Es seien relativ rasch viele Hilfskräfte in den Katastrophengebieten angekommen, die sauberes Trinkwasser sowie Wasseraufbereitungsanlagen bereitstellten. Die Gefahr für Seuchen, etwa aufgrund von Erkrankungen wie Cholera, Ruhr und Typhus, hält der Berliner Tropenmediziner aber noch keineswegs für gebannt.

Das Problem: Vor allem in Südindien, Sri Lanka und Sumatra sind Erkrankungen wie Ruhr, Cholera und Typhus endemisch. Fäkalien infizierter Menschen gelangen derzeit besonders leicht ins Trinkwasser oder in Nahrungsmittel und können so weitere Menschen infizieren.

Fliegen haben Hand und Fuß eines Kindes besetzt; sie übertragen häufig Infektionskrankheiten. Foto: dpa

Nach Ansicht von Professor Tino Schwarz, Infektionsepidemiologe am Juliusspital in Würzburg, sind jedoch weniger die bakteriellen Infektionen als die viralen gefährlich, etwa solche durch Rota-, Hepatitis-E- oder Dengue-Viren. "Denn Ausbrüche von Cholera und Typhus lassen sich gut durch Antibiotika eingrenzen. Das haben die Erfahrungen in anderen Krisengebieten gezeigt. Gegen die Viren gibt es hingegen nur wenige therapeutische Möglichkeiten und auch Desinfektionsmaßnahmen greifen nicht so gut."

Generell ist daher die Prävention der fäkal-oral übertragbaren Infektionen extrem wichtig. Dazu gehören die Versorgung mit sauberem Trinkwasser, die Installation von Sanitäranlagen sowie das konsequente Händewaschen, wie Professor Emil Reisinger, Leiter der Abteilung Tropenmedizin und Infektionskrankheiten an der Uniklinik Rostock, betont. Die von der WHO genannte Zahl von 150 000 akut durch Seuchen bedrohten Menschen sei allerdings viel zu hoch gegriffen.

Gerade das Dengue-Fieber wird in den Katastrophengebieten aber vermutlich verstärkt auftreten, meinen die Tropenmediziner. Denn: Die Aedes-Mücken, die diese Krankheit auf Menschen übertragen, mögen Brackwasser, in dem sie brüten können. Nicht sehr hoch schätzen alle drei Experten hingegen das Malaria-Risiko ein. Denn: Die Anopheles-Mücke, Überträger der Erreger, mag weder Salzwasser noch Schmutzwasser.

Schwarz erinnert auch an mögliche weitere Viren, die sich nun verbreiten könnten, etwa Hantaviren. Diese durch Mäuse übertragenen Erreger hätten zum Beispiel nach dem Hurrikan Andrew in Florida zu einer Epidemie geführt. Wichtig für Helfer sei auch ein ausreichender Schutz vor der japanischen Enzephalitis und Tollwut.

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Infektionsquelle sind die Lebenden

STICHWORT
Cholera

Bei der Cholera handelt es sich um eine akute, durch das Stäbchen Vibrio cholerae hervorgerufene Infektionskrankheit. Es treten plötzlich starke Durchfälle auf mit Erbrechen sowie rascher Exsikkose mit Elektrolytverlust.

Die Betroffenen können bis zu 20 Liter Flüssigkeit am Tag verlieren. Wird nicht behandelt, führt die Krankheit bei mehr als 50 Prozent der Patienten zum Tode.

Es gibt jedoch eine effektive Behandlung: ausreichende Versorgung mit Flüssigkeit, etwa Ringer-Lösung (je nach Schwere der Erkrankung bis zu 15 Liter, und zwar oral oder intravenös) für ein paar Tage.

Wichtig ist auch die Isolation der Infizierten, damit sie andere nicht mehr anstecken können.

Helfer können sich vor Cholera durch eine Schluckimpfung (Dukoral®) eine Woche vor der Abreise in ein Risiko-Gebiet und eine weitere Impfung am Tag der Abreise schützen. (ikr)

STICHWORT
Dengue-Fieber

Beim Dengue-Fieber handelt es sich um eine Viruserkrankung, deren Erreger durch die Aedes-Mücke übertragen wird. Es kommt zu hohem Fieber sowie zu starken Kopf- und Gliederschmerzen.

Die Symptomatik dauert etwa zwei bis drei Wochen. Nachgewiesen wird das Virus im Blut.

Es gibt bisher keine kausale Behandlung. Zur symptomatischen Therapie eignet sich ein Flüssigkeitsausgleich. Problematisch sind wiederholte Infektionen. Da es vier verschiedene Serotypen von dem Dengue-Virus gibt, aber keine Kreuzimmunität, kann man viermal erkranken.

Bei wiederholter Infektion mit diesem Virus kann es zu hämorrhagischem Fieber kommen mit Spontanblutungen und Abfall der Thrombozyten. Die Letalität ist hierbei recht hoch.

Da es bisher keine Impfung gegen das Dengue-Fieber gibt, ist der Mückenschutz, etwa mit Repellenzien oder Moskitonetzen, besonders wichtig. (ikr)

STICHWORT
Hepatitis A und E

Die Infektion mit dem Hepatitis-A-Virus erfolgt fäkal-oral, etwa durch verseuchtes Trinkwasser oder kontaminierte Nahrungsmittel. Symptome sind Übelkeit, Appetitlosigkeit, mäßiges Fieber und Ikterus. Die Menschen in den Katastrophengebieten haben die Krankheit meist schon durchgemacht und sind daher immun dagegen. Wichtig ist ein ausreichender Impfschutz für Einreisende in solche Länder. Idealerweise sollte bereits eine
Woche vor Reisebeginn, spätestens aber am Abreisetag geimpft werden. Nach sechs Monaten sollte
eine Auffrischimpfung erfolgen. Der Schutz hält etwa zehn Jahre.

Das Heptitis-E-Virus verursacht eine akute Hepatitis, die vom Verlauf her der Hepatitis A ähnelt. Auch Ansteckungsweg und -quelle sind ähnlich. Die Therapie erfolgt symptomatisch. Eine spezifische antivirale Therapie gibt es bisher nicht. Da Infizierte das Virus zum Teil über mehrere Wochen mit dem Stuhl ausscheiden, muß bei der Betreuung von Patienten eine enterale Weiterverbreitung ausgeschlossen werden.
(ikr/run)

STICHWORT
Rotavirus-Diarrhoe

Das Rotavirus ist der häufigste Erreger von Diarrhoen bis zum Alter von zwei Jahren. An den Folgen sterben nach Schätzung der WHO in Entwicklungsländern jährlich etwa 500 000 Kinder.

Die Übertragung erfolgt hauptsächlich fäkal-oral. Gesunde Kinder scheiden das Virus mit dem Stuhl ein bis zwei Wochen aus. Aufgrund der hohen Umweltresistenz bleibt das Virus im Stuhl über mehrere Tage infektiös. Dies ist ein Grund für die hohe Durchseuchungsgefahr bei schlechten Hygienezuständen.

Die Inkubationszeit beträgt ein bis drei Tage. Bei unkompliziertem Krankheitsverlauf dauern die Durchfälle drei bis fünf Tage an. Klinische Hauptprobleme sind die zum Teil stark ausgeprägte Dehydratation sowie der Elektrolytverlust. Für die Diagnostik der akuten Infektion stehen immunologische Schnelltests zur Verfügung, mit denen Rotavirus-Antigene nachgewiesen werden. Seit kurzem gibt es einen neuen, oralen Rotavirus-Impfstoff (RotaRix® ), der in Mexiko als erstem Land seit Sommer 2004 zugelassen ist. (run)

STICHWORT
Ruhr

Ruhr bedeutet blutiger Durchfall. Verursacht werden kann dieser durch bestimmte Bakterien, etwa Shigellen oder Parasiten wie Amöben, die sich in kontaminiertem Trinkwasser befinden. Bei der Bakterienruhr kommt es zu plötzlichem Fieber, Erbrechen, Tenesmen und blutig-schleimigen Durchfällen. Es können auch zentralnervöse Symptome auftreten wie Krämpfe und Apathie.

Die Amöbenruhr beginnt meist langsam und ohne Fieber mit Obstipation oder leichtem Durchfall. Anders als bei der Cholera verlieren die Patienten mit Ruhr zwar nicht so viel Flüssigkeit, aber die Darmwand wird von den Erregern angefressen. Hierdurch kann es zu großflächigen Ulzerationen bis hin zur Perforation der Darmwand kommen. Behandelt wird mit Antibiotika. Die Standardmedikation ist Ciprofloxacin. Vor allem in Indien bestehen jedoch erhebliche Resistenzprobleme mit diesem Mittel, so daß gegebenenfalls auf Alternativen ausgewichen werden muß, die das gramnegative Erregerspektrum breit abdecken. (ikr)

STICHWORT
Typhus

Typhus ist eine spezielle Form der Salmonellose. Wie Cholera und Ruhr wird sie über Trinkwasser oder Nahrung übertragen, die mit Fäkalien infizierter Personen in Kontakt gekommen sind. Es kommt bei Typhus nicht zu Durchfall, sondern zu Erbsbreistühlen im Wechsel mit Obstipation sowie Mattigkeit, Kopfschmerzen und Fieber. Weitere Symptome: grau-gelb belegte Zunge und Roseolen auf der Bauchhaut.

Die Erreger gelangen aus dem Darm ins Blut und befallen andere Organe. Es kann eine schwere Sepsis entstehen. Wird nicht behandelt, verläuft die Krankheit oft tödlich.

Zur Therapie eignen sich Antibiotika. Mittel der ersten Wahl ist Ciprofloxacin. Vor allem in Indien werden aber zunehmend Resistenzen gegen diese Substanz beobachtet. Als Alternative kommt ein anderes Chinolon wie Levofloxacin oder ein modernes Makrolid wie Azithromycin in Frage. Vor Typhus schützen können sich Helfer durch eine parenterale Impfung, möglichst eine Woche vor Einreise in Risikoländer. Der Schutz beträgt 75 Prozent und hält ein bis drei Jahre an. (ikr)

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