"Radio Durchgeknallt!" - live aus der Nervenklinik

BUENOS AIRES (dpa). "Das Kabel!", ruft Alfredo, greift sich in die Locken und ruckelt am Verstärker. Es knackt kurz. Dann ertönt der Begrüßungs-Jingle: "Radio La Colifata, live aus den Gärten der Nervenklinik Borda." Alfredo strahlt, alle klatschen. Es ist Samstagnachmittag, 14 Uhr: Radio La Colifata geht in Buenos Aires auf Sendung.

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Hugo Lopez, 70 Jahre alt, spricht ins Mikrofon. Es geht um den Internationalen Tag des Kindes. "Es gibt zwei Möglichkeiten, kein Kind sein zu dürfen: erstens, du wirst nicht geboren. Und zweitens du lebst auf der Straße oder sonst wo am Rand dieser Gesellschaft." Er stimmt die Gitarre. "Dieses Lied ist ein Geschenk an die, die nie Geschenke bekommen, für Kinder und Verrückte, direkt und live aus den Gärten des Borda".

Die "Gärten des Borda" sind aus Beton, rechts begrenzt von einem Gefängnis, das immer noch freundlicher aussieht als die tristen Mauern des Hospitals selbst. Hinter denen doppelt so viele Patienten leben, wie der Etat eigentlich zuläßt, weil Argentinien kein Geld für Nervenkliniken hat. An den Ästen einer Weide hängt eine angefaulte Schiefertafel. Mit dem Programm des heutigen Tages.

"La Colifata" war seinerzeit das erste Radio, das von psychisch Kranken gemacht wurde. Und das ist 14 Jahre her. Inzwischen wird es von über 50 Sendern verbreitet und hat etwa zwölf Millionen Zuhörer. Die Medien sind aufmerksam geworden und auch der Popmusiker Manu Chao. Zusammen mit Straßenmusikern hat er 2003 eine CD aufgenommen und deren Songs mit Colifata-Samples gemixt. Die Zusammenarbeit geht weiter. Gerade arbeitet Manu Chao an der Vertonung eines Colifata-Dokumentarfilms von Carlos Larrondo. 2006 soll er fertig sein.

Rückblick ins Jahr 1991: Alfredo Olivera, 24jähriger Psychologiestudent, zeichnet mit seinem alten Recorder die Gespräche einer Gruppe von Patienten der Nervenklinik Borda auf. Ein lokaler Radiosender interessiert sich dafür. Und plötzlich haben die Patienten einen eigenen Programmplatz. Der Name "La Colifata" ist das Ergebnis einer Abstimmung unter Hörern und Patienten. Es bedeutet "durchgeknallt", gesagt mit Respekt und einem Augenzwinkern.

"La Colifata" diente von Anfang an als Brücke zwischen den Insassen und der Außenwelt. "Ich wollte das Medium Radio nutzen, um denen wieder eine Stimme zu geben, die in der Gesellschaft keine mehr haben", sagt Alfredo, "und gegen das Stigma der Verrücktheit ankämpfen. Psychisch Kranke sind weder kriminell noch geniale Kreative, die meisten hier leiden unter Schizophrenie, haben ein verqueres Kommunikationsverhalten und kapseln sich ab", erklärt er.

"Das bedeutet in erster Linie ein ungeheures Leiden". Das Radio gebe dem Sprechen wieder Sinn, denn da sei wieder jemand, der reagiert.

Heute gibt es ähnliche Projekte in den USA und Europa. Denn was als eine Art Versuchsspiel begann, erzielte beachtliche therapeutische Ergebnisse. 60 Prozent der ehemaligen Colifatos leben heute wieder "draußen" und bleiben auch dort. Die meisten kommen trotzdem jeden Samstag. Das Radio dient als Resozialisierungsmaßnahme und ambulante Therapie zugleich.

Miqui, 14 Jahre dabei und offizieller Moderator, ergreift das Mikrofon: "Gesundheit ist Leben", sagt er, "Gesundheit ist wachsen können, sprechen können". Ein Mitpatient meldet sich: "Je mehr ich Colifato bin, desto gesünder fühle ich mich." Alle klatschen zustimmend.

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