Direkt zum Inhaltsbereich

Der Phallosvogel gab der Sache an sich den Namen

Veröffentlicht:

Von Jörg Schurig

Über den ersten Beischlaf der Menschheitsgeschichte ist wenig bekannt. Im paradiesischen Sündenfall von Adam und Eva ging es bekanntermaßen mehr um Erkenntnisdrang. In der Steinzeit wurde die schönste Sache der Welt dagegen nachweislich zum großen Thema.

Zumindest sind bei Figuren aus jener Zeit die Geschlechtsmerkmale überdimensional gestaltet. "Der Sex ist so alt wie der Mensch. Wir sind der lebende Beweis dafür", sagt der Dresdner Archäologe Christian Gliwitzky. Zusammen mit Kollegen hat er eine Ausstellung aus dem Drents Museum in Assen (Niederlanden) erweitert.

Unter dem Titel "100 000 Jahre Sex" erhält der lustvolle Besucher im Japanischen Palais von Dresden bis Anfang Januar Einblicke in die intimen Vorstellungen und Praktiken der Vorfahren. Auch wenn sich am Liebesakt nur wenig geändert haben dürfte, zeugt der Umgang mit dem Thema Nummer 1 von stetigem Wandel.

250 Exponate aus 60 Museen zusammengetragen

Als der Homo sapiens Europa eroberte, entstanden die ersten erotischen Gegenstände - zunächst Frauenstatuetten mit üppigen Brüsten und nicht minder ausladenden Hüften. "Ob es um realistische Darstellungen oder Wunschvorstellungen ging, bleibt unklar", sagt der Forscher.

Etwa 250 Exponate aus 60 Museen mehrerer europäischer Länder wurden zusammengetragen, um die Geschichte der Sexualität zu illustrieren. In der Abteilung "Sex in der Vorgeschichte" ist unter anderem der Adonis aus dem sächsischen Zschernitz zu sehen.

Die etwa 7000 Jahre alte Tonfigur mit Penis wird einem Bruchstück aus der gleichen Grabung zugeordnet, das vermutlich die Beine einer nach vorn gebeugten Frau darstellt. "Es ist nicht ausgeschlossen, daß er sie von hinten penetriert hat. Wenn das so wäre, hätten wir eine der ersten Darstellungen des Geschlechtsaktes", meint Gliwitzky.

Knabenliebe galt den Griechen als Erziehungsideal

Beim "Sex in der Griechischen Antike" geht es eindeutig zur Sache. Prostitution, Päderastie, Homosexualität und Sexorgien- die Alten Griechen hatten weit mehr als Philosophie im Sinn. "Von dieser Epoche an gab es Sex unabhängig von Fortpflanzung und Fruchtbarkeit", sagt der Archäologe.

Die Knabenliebe habe als Erziehungsideal gegolten. Der Liebhaber sollte den Geliebten in die Erwachsenenwelt einführen. Zeus war den Griechen ein Idol. Der stets potente Göttervater konnte es in jeder Position - selbst als Schwan oder Stier.

Das auf Vasen und Trinkgefäßen abgebildete männliche Glied - von den Griechen Phallos genannt - avancierte zum Symbol der Manneskraft. Der Phallosvogel - eine Art Penis mit Flügeln - gab der "Sache an sich" den Namen: Vögeln.

Sex wurde fortan als Vergnügen angesehen. Allerdings blieben Konventionen bestehen. Darstellungen ehelicher Liebe waren tabu. Als Zeugnis für die Nachwelt "vögelten" die Griechen in allen Lagen nur mit Prostituierten.

Die Römer gingen gleichfalls offen mit Sex um, wenn auch nicht so ausschweifend. "Liebe und Sex sind dort bodenständiger, sachlicher, vielleicht auch prosaischer", sagt Kurator Gliwitzky. Grafittis aus Bordellen in Pompeji belegen die Direktheit: "Geiler Kerl, wie viele Frauen hast Du gebumst?", schrieb ein römischer Freier an die Wand.

Offiziell hatte diese Freizügigkeit bald ein Ende. Das Christentum formulierte enge Moralvorstellungen, die sich in der kirchlichen Praxis später nicht selten als Doppelmoral erwiesen. Dichter wie Giovanni Boccaccio nahmen den lüsternen Priester gern aufs Korn.

Die ersten Kondome stammen aus dem 16. Jahrhundert

Exponate zum "Sex im Mittelalter und der Neuzeit" beschließen die Schau. Die ersten Kondome aus dem 16. Jahrhundert sind genauso zu sehen wie der deformierte Schädel eines Syphilis-Kranken oder hölzerne Dildos aus dem 18. Jahrhundert. "Die hatten sogar schon eine Spritzfunktion", sagt ein Mitarbeiter der Ausstellung.

Gliwitzky hält die Eingrenzung auf Europa und die Zeit bis zum 19. Jahrhundert für notwendig. Alles andere hätte den Rahmen gesprengt. Die heutige Sex-Industrie sei nun mal ein Kapitel für sich. (dpa)

Weitere Informationen im Internet unter www.archsax.sachsen.de

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Patienten häufigste Täter

Medizinstudierende erleben sexuelle Belästigung vor allem im PJ

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

© AndreasReh, Ljupco, tinydevil, shapecharge | istock

rHWI

Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

© Dr_Microbe | Adobe Stock

In vitro-Studien

Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Empagliflozin reduzierte auch bei niedriger Ausgangs-eGFR die Progression der chronischen Nierenkrankheit (Test für Heterogenität/Trend: a) 12=0,06, p=0.81; b) 12=6,31, p=0,012)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [6]

Chronische Nierenkrankheit

SGLT2-Inhibition: Nephroprotektiv auch bei stark erniedrigter eGFR

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Ko KG, Ingelheim am Rhein
Abb. 2: Sekundärer Endpunkt der BOREAS-Studie: Veränderung der Lungenfunktion unter Dupilumab versus Placebo

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Typ-2-Inflammation bei COPD

Bessere Lungenfunktion und mehr Lebensqualität durch IL-4/-13-Hemmung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Berlin, und Regeneron GmbH, München
Abb. 1: AIO-KRK-0424/ass-Registerstudie: Leitlinienadhärenz

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [5]

BRAFV600E-mutiertes mCRC nach systemischer Vortherapie

Registerstudie weist auf Defizite in der Umsetzung der Leitlinienempfehlungen hin

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pierre Fabre Pharma GmbH, Freiburg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Vergleich bei dreimonatiger Therapie-Zeit

Apixaban vs. Rivaroxaban: Welches DOAK hat das geringere Blutungsrisiko?

Exklusiv Bundesgesundheitsministerin im Interview

Nina Warken über Reformdruck: „So wie bisher kann es doch nicht weitergehen“

Lesetipps