Ärzte Zeitung, 12.10.2005

Der Phallosvogel gab der Sache an sich den Namen

"100 000 Jahre Sex": Ausstellung in Dresden / Intime Vorstellungen und Praktiken unserer Vorfahren

Hier geht’s zur Sache: ein Liebespaar auf einem antiken Mischgefäß aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Fotos: dpa

Von Jörg Schurig

Über den ersten Beischlaf der Menschheitsgeschichte ist wenig bekannt. Im paradiesischen Sündenfall von Adam und Eva ging es bekanntermaßen mehr um Erkenntnisdrang. In der Steinzeit wurde die schönste Sache der Welt dagegen nachweislich zum großen Thema.

Symbolhafte Darstellung der Manneskraft: eine figürliche Vase aus Herculaneum aus dem ersten Jahrhundert.

Zumindest sind bei Figuren aus jener Zeit die Geschlechtsmerkmale überdimensional gestaltet. "Der Sex ist so alt wie der Mensch. Wir sind der lebende Beweis dafür", sagt der Dresdner Archäologe Christian Gliwitzky. Zusammen mit Kollegen hat er eine Ausstellung aus dem Drents Museum in Assen (Niederlanden) erweitert.

Unter dem Titel "100 000 Jahre Sex" erhält der lustvolle Besucher im Japanischen Palais von Dresden bis Anfang Januar Einblicke in die intimen Vorstellungen und Praktiken der Vorfahren. Auch wenn sich am Liebesakt nur wenig geändert haben dürfte, zeugt der Umgang mit dem Thema Nummer 1 von stetigem Wandel.

250 Exponate aus 60 Museen zusammengetragen

Als der Homo sapiens Europa eroberte, entstanden die ersten erotischen Gegenstände - zunächst Frauenstatuetten mit üppigen Brüsten und nicht minder ausladenden Hüften. "Ob es um realistische Darstellungen oder Wunschvorstellungen ging, bleibt unklar", sagt der Forscher.

Etwa 250 Exponate aus 60 Museen mehrerer europäischer Länder wurden zusammengetragen, um die Geschichte der Sexualität zu illustrieren. In der Abteilung "Sex in der Vorgeschichte" ist unter anderem der Adonis aus dem sächsischen Zschernitz zu sehen.

Die etwa 7000 Jahre alte Tonfigur mit Penis wird einem Bruchstück aus der gleichen Grabung zugeordnet, das vermutlich die Beine einer nach vorn gebeugten Frau darstellt. "Es ist nicht ausgeschlossen, daß er sie von hinten penetriert hat. Wenn das so wäre, hätten wir eine der ersten Darstellungen des Geschlechtsaktes", meint Gliwitzky.

Knabenliebe galt den Griechen als Erziehungsideal

Beim "Sex in der Griechischen Antike" geht es eindeutig zur Sache. Prostitution, Päderastie, Homosexualität und Sexorgien- die Alten Griechen hatten weit mehr als Philosophie im Sinn. "Von dieser Epoche an gab es Sex unabhängig von Fortpflanzung und Fruchtbarkeit", sagt der Archäologe.

Die Knabenliebe habe als Erziehungsideal gegolten. Der Liebhaber sollte den Geliebten in die Erwachsenenwelt einführen. Zeus war den Griechen ein Idol. Der stets potente Göttervater konnte es in jeder Position - selbst als Schwan oder Stier.

Das auf Vasen und Trinkgefäßen abgebildete männliche Glied - von den Griechen Phallos genannt - avancierte zum Symbol der Manneskraft. Der Phallosvogel - eine Art Penis mit Flügeln - gab der "Sache an sich" den Namen: Vögeln.

Sex wurde fortan als Vergnügen angesehen. Allerdings blieben Konventionen bestehen. Darstellungen ehelicher Liebe waren tabu. Als Zeugnis für die Nachwelt "vögelten" die Griechen in allen Lagen nur mit Prostituierten.

Die Römer gingen gleichfalls offen mit Sex um, wenn auch nicht so ausschweifend. "Liebe und Sex sind dort bodenständiger, sachlicher, vielleicht auch prosaischer", sagt Kurator Gliwitzky. Grafittis aus Bordellen in Pompeji belegen die Direktheit: "Geiler Kerl, wie viele Frauen hast Du gebumst?", schrieb ein römischer Freier an die Wand.

Offiziell hatte diese Freizügigkeit bald ein Ende. Das Christentum formulierte enge Moralvorstellungen, die sich in der kirchlichen Praxis später nicht selten als Doppelmoral erwiesen. Dichter wie Giovanni Boccaccio nahmen den lüsternen Priester gern aufs Korn.

Die ersten Kondome stammen aus dem 16. Jahrhundert

Exponate zum "Sex im Mittelalter und der Neuzeit" beschließen die Schau. Die ersten Kondome aus dem 16. Jahrhundert sind genauso zu sehen wie der deformierte Schädel eines Syphilis-Kranken oder hölzerne Dildos aus dem 18. Jahrhundert. "Die hatten sogar schon eine Spritzfunktion", sagt ein Mitarbeiter der Ausstellung.

Gliwitzky hält die Eingrenzung auf Europa und die Zeit bis zum 19. Jahrhundert für notwendig. Alles andere hätte den Rahmen gesprengt. Die heutige Sex-Industrie sei nun mal ein Kapitel für sich. (dpa)

Weitere Informationen im Internet unter www.archsax.sachsen.de

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