Ärzte Zeitung, 30.11.2005

"Ich bin nur Kinderarzt und heiße nicht Scholl-Latour, eine Lösung habe ich nicht"

Deutsche im Irak entführt / Arzt aus Hannover berichtet über seinen Einsatz im Land

Die Gewalt im Irak reißt nicht ab. Jetzt ist erstmals eine Deutsche entführt worden. Wie bekannt wurde, lebt die Archäologin seit vielen Jahren in dem Land. Die Entführer fordern von der Bundesregierung, die Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung einzustellen. Dabei ist der Irak weiter dringend auf Hilfe angewiesen, wie Dr. Thorsten Wygold, Chefarzt aus Hannover, berichtet. Er war selbst für sechs Wochen im Irak im Einsatz.

Ein verwundeter Iraker wird im Yarmouk-Hospital in Bagdad versorgt. Er wurde Opfer eines Selbstmordattentats. Foto: dpa

Es waren nur sechs Wochen, die Dr. Thorsten Wygold unmittelbar nach dem Krieg im Irak gearbeitet hat. Doch auch zwei Jahre später läßt ihm das Schicksal der Menschen in dem von Kontrasten geprägten Land keine Ruhe.

Will dem Irak helfen: Dr. Thorsten Wygold. Foto: di

"Ich bin nur Kinderarzt und heiße nicht Peter Scholl-Latour. Eine Lösung habe ich nicht." Wenn Wygold über den Irak spricht, wird schnell klar, daß er sich detailliert mit den vielschichtigen Problemen zwischen Sunniten und Schiiten auskennt. Einen Ausweg aufzuzeigen, maßt er sich jedoch nicht an.

Eines aber kann Wygold bewirken: Er macht auch zwei Jahre nach seinem Aufenthalt in Bagdad auf die Situation im Land aufmerksam. "Es hat sich ja auch nicht viel verbessert - im Gegenteil: Außerstaatliche Hilfsorganisationen sind nicht mehr im Land", berichtete Wygold in Lübeck, wo er bis vor kurzem als Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin gearbeitet hat.

Daß er als Helfer in den Irak ging, war ein spontaner Entschluß. Er hatte sich auf eine E-Mail der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin gemeldet und erhielt schon wenige Minuten später einen Rückruf der Hilfsorganisation Cap Anamur. Wygold: "Ich hätte schon am nächsten Tag hinfliegen können."

Einige Tage später fand er sich im Flugzeug nach Jordanien wieder. Es folgte eine zweitägige Fahrt durch die syrische Wüste mit Übernachtung an der jordanisch-irakischen Grenze, bevor er Bagdad erreichte. Was dann folgte, hat den damals 40jährigen nachhaltig geprägt.

Ein mangelernährtes Kind. Der armen Bevölkerung im Irak fehlt es an allem, während sich die Reichen auch teure Medizin leisten können. Foto: Wygold

"Ich habe ein beeindruckendes Land mit wundervollen Menschen kennengelernt", schwärmt Wygold. Zugleich aber mischt sich Wehmut in seine Schilderungen, weil die 27 Millionen Einwohner bis heute nicht zur Ruhe kommen und durch Terror und Entführungen in Angst und Schrecken versetzt werden, ohne daß eine Ende in Sicht wäre.

Wygold, dessen Einsatz unter dem Schutz eines lokalen Kirchenoberhauptes stattfindet, lernt ein Land und ein Gesundheitssystem der Gegensätze kennen. Auf der einen Seite Prunk und Reichtum. Wer Geld hat, kann sich auch nach dem Krieg jedes gewünschte Medikament besorgen. Auf der anderen Seite Armut: Es fehlt breiten Bevölkerungsschichten an fließend Wasser, Durchfallerkrankungen breiten sich aus, Medikamente sind schwer erhältlich.

"Diese Kontraste gab es aber auch schon vor dem Krieg. Der Irak war kein medizinisches Niemandsland und hatte für eine privilegierte Bevölkerungsschicht ein funktionierendes Gesundheitssystem", berichtet Wygold.

So gab und gibt es etwa vergleichsweise moderne Herzchirurgie, Neurochirurgie und Hämatologie, auf der anderen Seite aber auch Erkrankungen, die ein europäischer Arzt oft nur noch aus Lehrbüchern kennt: Tuberkulose, Rachitis und Unterernährung. Wygold sieht Kinder mit nicht behandelter Schilddrüsen-Unterfunktion oder Gelbsucht.

"Auffällig war, daß absolut keine Prävention betrieben wurde", erinnert sich Wygold. Viele Menschen sind noch immer bewaffnet, auffällig viele Schußverletzungen sind zu versorgen - nicht immer aus Kampfhandlungen.

"Die Kalaschnikow ist der Männerschmuck im Irak. Ich habe eine Reihe von Menschen mit Schußverletzungen behandelt, die eindeutig durch Unachtsamkeit beim Hantieren mit der eigenen Waffe passiert sind", erzählt der Kinderarzt.

Ins Schwärmen kommt Wygold, der inzwischen Chefarzt in Hannover ist, wenn er von privaten Begegnungen mit den Menschen im Irak berichtet. Zugleich bangt er um diese Menschen. Ganz besonders um einen jungen Kollegen, mit dem er vor zwei Jahren zusammengearbeitet hat.

"Vor acht Wochen hat mich eine E-Mail erreicht, in der er um Hilfe bittet. Er steht auf der Todesliste von Terroristen, nur weil er für eine westliche Hilfsorganisation gearbeitet hat."

Wann Wygold in den Irak zurückkehren kann, ist derzeit vollkommen offen. Eines aber ist für klar: "Ich würde gerne wiederkommen."

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