Ärzte Zeitung, 28.02.2007

Im Anatomischen Theater fand er selbst den Tod

Vor 300 Jahren wurde der Frankfurter Arzt Johann Christian Senckenberg geboren / Tragischer Sturz von Gerüst

FRANKFURT/MAIN (dpa). Dramatischer konnte der Tod eines Mäzens der Wissenschaft kaum sein: Als der Frankfurter Arzt Johann Christian Senckenberg im November 1772 die Baustelle des von ihm finanzierten "Anatomischen Theaters" besichtigte, fiel er vom Gerüst und starb an den Folgen eines Schädelbruchs. So wurde der heute vor 300 Jahren geborene Arzt selbst der erste Mensch, dessen Leiche im noch unfertigen Bau des Hörsaals für Leichensektionen geöffnet wurde.

Besucher betrachten in Frankfurt/Main während des Lichterfestes "Luminale" das bunt erleuchtete Senckenberg-Museum. Fotos: dpa

"Senckenbergs Lebenswerk wirkt bis heute fort", berichtet Senckenberg-Biograf Thomas Bauer. Sein 223 Seiten starkes Buch erscheint am 26. Februar im Frankfurter Societäts-Verlag. Viele wissenschaftliche Einrichtungen in Frankfurt am Main sind entweder direkt von Senckenberg gegründet oder später nach ihm benannt worden. Dazu zählen ein Krankenhaus, der Botanische Garten, das Naturkundemuseum und die Universitäts-Bibliothek. Für Frankfurt sei Senckenberg wichtiger als Goethe, findet Bauer.

Goethe äußerte Ehrfurcht für Senckenbergs Stiftung

Arzt, Naturforscher, Mäzen: der Frankfurter Johann Christoph Senckenberg (1707-1772).

Der Dichter kannte den Arzt und schätzte ihn. In "Dichtung und Wahrheit" spricht er mit Hochachtung von Senckenberg und äußerte "Ehrfurcht" für seine Stiftung. Goethe schildert den Arzt als "Mann von großer Rechtschaffenheit", macht sich aber auch über dessen schwankenden Gang lustig, den Biograf Bauer mit einem Hüftleiden erklärt. Goethe fand eine poetischere Begründung: "Spottvögel sagen, er suche durch diesen abweichenden Schritt den abgeschiedenen Seelen aus dem Wege zu gehen, die ihn in gerader Linie wohl verfolgen möchten."

Senckenberg spürte als Arzt die Defizite der Medizin zu jener Zeit nicht nur in seiner täglichen Arbeit. Er erlitt sie auch in seiner eigenen Familie: Drei Mal wurde er Witwer, seine beiden einzigen Kinder starben kurz nach der Geburt. Im Nachhinein betrachtet müsste man fast sagen "zum Glück", denn so hatte er keine Erben und entschied sich 1763, sein gesamtes privates Vermögen in Höhe von 95 000 Gulden in eine Stiftung zu stecken. Das Geld hatte er größtenteils von seiner ersten Frau geerbt, einer reichen Juweliers-Tochter. Im Stiftungsbrief nannte Senckenberg seine schweren Schicksalsschläge, die "Ermangelung ehelicher Leibes-Erben" sowie die Liebe "zu meinem Vaterland" als Beweggründe.

Zwei Drittel des Geldes zur "Förderung der Heilkunde"

Mit dem Geld finanzierte Senckenberg zunächst ein Hospital, in dem Arme kostenlos behandelt wurden. Zwei Drittel des Geldes sollten zur "Förderung der Heilkunde" verwendet werden. Zu diesem Zweck gründete er eine Reihe von Forschungseinrichtungen, die bis heute bestehen: ein medizinisches Institut, einen botanischen Garten, eine Bibliothek, eine naturhistorische Sammlung, ein chemisches Laboratorium und das Anatomische Theater, in dem er selbst den Tod fand.

Die Senckenbergischen Forschungsinstitute bildeten den Grundstock der 1914 gegründeten Frankfurter Universität. Trotzdem wurde die Hochschule nach Goethe benannt. Das Senckenberg-Museum, Deutschlands bedeutendstes Naturkundemuseum, das unter anderem die größten Dinosauriersammlung des Landes beherbergt, wurde erst nachträglich als Würdigung seiner Verdienste nach dem Frankfurter Arzt benannt.

Ganz Frankfurt betrauerte Senckenbergs Tod

Dabei war der Arztsohn ein Spätzünder. Erst mit 23 begann er in Halle das Medizinstudium, das er dann gar nicht beenden konnte, weil er sich mit Kollegen in theologische Auseinandersetzungen verstrickte. Er war sehr religiös und stand dem Pietismus nahe. "Und er war bestimmt kein einfacher Mensch", sagt Biograf Bauer. Dennoch betrauerte ganz Frankfurt seinen Tod und trug ihn mit Fackelschein zu Grabe.

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