Ärzte Zeitung, 28.01.2008

Skandal um Ex-Nazi in Schweden

Ärzte wollen "keinen Mörder als Kollegen" / Welle der Empörung rollt durchs Land

FRANKFURT/MAIN. Darf ein verurteilter Mörder und Ex-Nazi Medizin studieren, um später als Arzt tätig zu werden? An dieser Frage erhitzen sich derzeit in Schweden die Gemüter.

Von Pete Smith

Während die einen dafür plädieren, dem Mann nach Verbüßung seiner Strafe eine zweite Chance zu geben, sind die anderen empört darüber, dass Patienten künftig Vertrauen zu einem Arzt haben sollen, der vorsätzlich einen Menschen umgebracht hat.

Der Ex-Nazi, dessen Name ungenannt bleibt, hat am 12. Oktober 1999 mit zwei Komplizen den Gewerkschafter Benny Söderberg erschossen. Es war ein Rachemord. Aufgrund seines Engagements gegen rechts wurde Söderberg regelrecht hingerichtet. Der Mörder wurde im Jahr darauf zu elf Jahren Haft verurteilt und im Februar 2007 unter Bewährung entlassen. Er bewarb sich am renommierten Karolinska-Institut in Stockholm, das auch den Nobelpreis für Medizin vergibt, um einen Studienplatz - und wurde angenommen.

Wer sich am Karolinska-Institut bewirbt, muss ein anspruchsvolles Auswahlverfahren durchlaufen. Hervorragende Noten sind selbstverständlich. Darüber hinaus werden den Statuten des Instituts gemäß "empathisches Vermögen, soziale Fähigkeiten, Reife und Stressresistenz" vorausgesetzt. 130 angehende Ärzte stellten diese Eigenschaften im vergangenen Jahr unter Beweis - einer von ihnen der verurteilte Mörder.

Das renommierte Karolinska-Institut hat die Bewerbung angenommen.

Allerdings hat der inzwischen 30-Jährige sowohl in einem für die Aufnahme erforderlichen Aufsatz zu seiner Biografie als auch in einem 45-minütigen Gespräch mit einem Psychologen seine dunkle Vergangenheit verschwiegen. Zudem hat er seinen Namen geändert, so dass er nicht ohne weiteres identifiziert werden konnte.

Erst im September, so berichtet die Rektorin des Instituts, Harriet Wallberg-Henriksson, einem Online-Bericht der englischsprachigen schwedischen Zeitung "The Local" zufolge, habe sie durch zwei anonyme Schreiben erfahren, wen ihr Institut da zum Medizinstudium zugelassen hat. Daraufhin habe die Universität mit Hilfe der Polizei überprüft, ob der Ex-Nazi für seine Kommilitonen eine Gefahr darstellen könnte und ob er umgekehrt nach seinem Outing gefährdet sei. Beides verneinten die Beamten. Zwingende Gründe für eine Exmatrikulation hätten nicht vorgelegen, so Wallberg-Henriksson, daher darf der Mann nun weiterstudieren.

Seit Bekanntwerden der wahren Identität des Studenten rollt eine Welle der Empörung durchs Land. "Ich bin wütend und bestürzt, dass sie über seine Vergangenheit erst erfuhren, nachdem sie ihn zum Medizinstudium zugelassen haben", reagierte beispielsweise Eva Nilsson Bågenholm, Präsidentin der Schwedischen Ärztekammer. "Wir sind der Auffassung, dass ein Mörder kein Arzt werden darf." Auch auf der Internetseite "Dagens Medicin" entrüsten sich Ärzte, dass sie "keinen Mörder als Kollegen" wollen.

Rektorin Harriet Wallberg-Henriksson kann all diese Bedenken verstehen: "Es ist ein ethisches Dilemma", sagt sie. "Aber sollte jemand eine zweite Chance im Leben bekommen - oder nicht?"

Der Betroffene selbst, berichtet "The Local", hat in der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" um Nachsicht gebeten: "Wenn jeder um die Vergangenheit des anderen wüsste, könnte die Gesellschaft nicht funktionieren."

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