Apotheker plus, 25.09.2009

Chymiatrie: Im Dienst der Medizin

Die Philipps-Universität in Marburg feiert 400 Jahre Chemie und Pharmazie. Der Urvater dieser Fächer war ein armer Webersohn.

Chymiatrie: Im Dienst der Medizin

Mit Einführung der Chymiatrie wurden auch praktische Laborübungen für Studenten Pflicht.

Foto: Catalin Stefan©www.fotolia.de

Von Gesa Coordes

Über ihre Rezepturen mussten die Marburger Medizinstudenten schweigen. Das gelobten sie mit ihrer Unterschrift in dem alten Labortagebuch von 1609. Sie mussten sich auch einen Leinenschurz umbinden und ihren Degen ablegen, wenn sie gemeinsam mit Professor Johannes Hartmann opiumhaltige Präparate oder englisches Trinkgold zubereiteten.

Die Marburger Philipps-Universität hat Hartmann die Geburtsstunde von zwei Wissenschaften zu verdanken: Vor 400 Jahren wurde mit ihm weltweit zum ersten Mal ein Professor für das Fach "Chymiatrie" berufen. Später wurden daraus die Fächer Chemie und Pharmazie. Johannes Hartmann (1568-1631) war eigentlich ein armer Webersohn, der erst nach der Buchbinderlehre studierte. Doch der vielseitig interessierte Landgraf Moritz von Hessen machte ihn im Alter von 36 Jahren zum Professor. Die auf Paracelsus zurückgehende Lehre der "Chymiatrie" stellte die Chemie damals ganz in den Dienst der Medizin. Auch Hartmann unterrichtete vor allem angehende Ärzte. Er führte jedoch auch praktischen Laborübungen ein. "Das war damals noch ganz ungewöhnlich", erklärt der Marburger Pharmaziehistoriker Christoph Friedrich. Besonders wichtig war das Destillieren auf einem großen, mit Holz und Kohle betriebenen Ofen, berichtet Friedrich. Hartmann versuchte, auch Mineralien und Metalle zu destillieren. Gegen Schlaflosigkeit gab es ein Mittelchen mit Opium. Wen Magen und Darm drückten, der nahm Glaubersalz.

Chymiatrie: Im Dienst der Medizin

PC wie Labor gehören heute zum Alltag.

Foto: R. Gerlach-Riehl

Todesursache konnte die Krankheit oder Therapie sein

Mit den Studenten experimentierte er mit pflanzlichen Drogen und Antimonverbindungen als Universalarzneimittel gegen alle möglichen Krankheiten. Für die Patienten war das mitunter nicht ungefährlich. Antimon ist häufig verunreinigt mit Arsen. "Es war damals nicht immer auszumachen, ob die Patienten an der Krankheit oder an der Behandlung starben", erzählt Friedrich. Dem Ruf der Uni schadete dies nicht. Bis heute haben die Marburger Chemiker und Pharmazeuten einen Spitzenruf. Einige Beispiele: Die ersten metallorganischen Verbindungen wurden in Marburg hergestellt. Nobelpreisträger Otto Hahn studierte hier und Robert Bunsen, Erfinder des Bunsenbrenners, entwickelte in Marburg die Kohle-Zink-Batterie, die bis zur Erfindung des Dynamo die ergiebigste Quelle für elektrischen Strom blieb. Hans Meerwein begründete die physikalisch-organische Chemie.

Die Marburger Pharmazie wurde Ende des 19. Jahrhunderts ein Mekka für dieses Fach. Ernst Schmidt (1845-1921) und sein Schüler Johannes Gadamer begründeten wissenschaftliche Schulen. Sie beschäftigen sich vor allem mit Pflanzenwirkstoffen wie Coffein, Morphin, Nikotin und Ephedrin. Bis heute studieren nirgendwo in Deutschland mehr angehende Apotheker als in Marburg.

Vorgemerkt

Über 1000 Pharmazeuten und Chemiker aus ganz Europa werden zu dem Symposium "400 Jahre Chemie und Pharmazie in Marburg" am 30. Oktober an der Philipps-Universität erwartet. Höhepunkt ist die Rede des Chemie-Nobelpreisträgers Gerhard Ertl im Audimax der Hochschule.

Weitere Infos: www.uni-marburg.de/fb15/aktuelles/news

 

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