Ärzte Zeitung, 03.03.2012

"Mach's Maul auf": Geist in der Zahnarztpraxis

Vor 30 Jahren bestimmte Geist "Chopper" die Schlagzeilen. In einer Zahnarztpraxis in der Oberpfalz beschimpfte er Patienten, hielt Polizei und Post zum Narren. Bis sich alles als schlechter Spuk entpuppte. Der ehemalige Ermittler erinnert sich an die ungewöhnliche Zeit.

Von André Jahnke

"Mach's Maul auf": Geist in der Zahnarztpraxis

Helferin Claudia und Zahnarzt Kurt Bachseitz in der damaligen Praxis.

© dpa

NEUTRAUBLING. Unverschämt, rotzfrech, beleidigend und wochenlang ein weltweit beachteter Medienstar. Vor 30 Jahren spukte in einer Oberpfälzer Zahnarztpraxis der Geist "Chopper".

Selbst Fernsehteams aus Japan, Neuseeland und den USA berichteten live von dem Geistertreiben in Neutraubling bei Regensburg.

Als das scheinbar übersinnliche Phänomen immer abenteuerlichere Dimensionen annahm, rückte eine Sonderkommission der Regensburger Kriminalpolizei und des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) aus und machte dem gespenstischen Treiben am 3. März 1982 ein Ende.

Der Spuk hatte im Sommer 1981 begonnen. Erst kamen Anrufe mit verstellter Stimme, wenig später drangen die Worte von "Chopper", wie er sich selbst nach dem Motorrad nannte, auch ins Sprechzimmer.

Und obwohl der "Geist" die Patienten mit "Mach's Maul auf" oder "Du stinkst aus dem Maul" beleidigte, strömten immer mehr in die Praxis.

Als schließlich die Medien "Chopper" für sich entdeckten, drehte er zur Höchstform auf. Angeblich quäkte er aus Spucknäpfen und Kloschüsseln. Nette Worte fand er nur für die Auszubildende Claudia.

"Es war ein ungeahnter Aufschwung für die Praxis. Alle wollten den Geist hören", erinnert sich Norbert Czerny.

Der damals 38 Jahre alte Kriminalhauptkommissar bei der Kripo Regensburg hatte am Rosenmontag 1982 die Sonderkommission übernommen und den Fall wenige Tage später gelöst: Die damals 16 Jahre alte Zahnarzthelferin Claudia, ihr Chef und dessen Ehefrau hatten die Patienten, die Polizei, die Medien und auch Parapsychologen mit bloßer Stimmakrobatik zum Narren gehalten.

Czerny vermutet, dass Claudia den Spuk aus Geltungsbedürfnis inszeniert hatte. Sie wurde in den Monaten von den Fernsehteams hofiert und es soll auch eine Anfrage von einem Musikproduzenten gegeben haben.

Der Ruhm währte nur kurz, das Trio endete vor Gericht: Die 16-Jährige wurde im Jugendverfahren verwarnt und musste 1500 Mark Geldbuße zahlen. "Sie hat sich eine Figur geschaffen, um von ihr bewundert zu werden", befand der Richter.

Ungewöhnliche Umstände

Der damals 62 Jahre alte Zahnarzt und seine ein Jahr jüngere Frau bekamen wegen Vortäuschung einer Straftat und Beleidigung zusammen eine Geldstrafe im fünfstelligen Bereich.

Freiwillig ließen sie sich in die Psychiatrie einweisen. Zudem schickte die Post dem Ehepaar eine Rechnung über 35.000 Mark. Monatelang hatte das damalige Staatsunternehmen mit Hilfe von Fangschaltungen versucht, "Chopper" auf die Schliche zu kommen.

Es sei schon erstaunlich, dass der Fall nicht schneller gelöst werden konnte, sagt der heute 68-jährige Czerny. So stürmte ein Beamter in die Toilette, weil dort Schreie von "Chopper" gehört wurden.

"Als er die Tür aufriss, stand dort Claudia mit hochrotem Kopf und stammelte, der Geist habe sie dorthin befohlen." Niemand habe anfangs geglaubt, dass die zierliche junge Frau alle zum Narren hält.

Die damaligen Umstände waren auch ungewöhnlich für die Ermittler. "Zehn Tage lang konnten wir nicht mit dem Arzt und seinen Mitarbeitern sprechen, weil die Praxis überfüllt war mit Kamerateams", schildert Czerny.

Im Mittelpunkt stand der Freiburger Parapsychologe Hans Bender, der dem Pulk von Journalisten die Phänomene erläuterte. Claudia wurde zum Medium hochstilisiert und in den derben "Chopper"-Sprüchen verstanden manche gar "Botschaften aus dem Jenseits".

Überführt mit Lippenbewegungen

Die Beamten fühlten sich wie Statisten in einer Daily-Soap. Ihnen entging aber nicht, dass der Geist immer nur dann sprach, wenn Claudia im Raum war.

Als dann noch ein Kollege die Lippenbewegungen der Auszubildenden in einem Spiegel beobachtete, beendeten sie das Treiben. "Wir haben alle drei in ein Nebengebäude gebracht. Nach ein paar Stunden haben sie alles zugegeben."

Die Akte "Chopper" wurde geschlossen, die Kameras abgebaut und im beschaulichen Neutraubling kehrte wieder Ruhe ein. Norbert Czerny verfolgte der Fall aber weiter.

Monatelang bekam er Briefe und Anrufe von Menschen, die von übersinnlichen Phänomenen belästigt wurden. "Das hat mich sehr berührt, weil ich niemals geglaubt hätte, dass so viele Menschen darunter leiden."

Aber heute, 30 Jahre später, hat auch er genug vom Spuk. "Jetzt begrab ich den "Chopper" endgültig". (dpa)

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