Ärzte Zeitung, 23.04.2013

Hightech statt Dschungel

Online-Netzwerk für Kinder in Not

Allgemeinärztin Dr. Angelika Schultze hilft mit Leidenschaft in der Dritten Welt. Jetzt will sie Helfer und Hilfesuchende auf einer Online-Plattform vernetzen.

Von Rebekka Höhl

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Angelika Schultze im Einsatz: Untersuchung am Rande einer Müllhalde in Manila.

© Privat

FULDA. "Wir leben in einer solchen Hightech-Welt, das muss man doch auch für Hilfsprojekte nutzen können."

Gesagt, getan: Gemeinsam mit zwei Kollegen, einer Bankkauffrau, einer Konstrukteurin sowie zwei Studenten hat die Allgemeinmedizinerin Dr. Angelika Schultze vor über einem Jahr den Verein Kinderhilfe-grenzenlos e.V. gegründet, mit dem Ziel, eine Austausch-Plattform für Hilfesuchende und Helfer bereitzustellen.

Und innerhalb nur eines Jahres ist einiges passiert. Auch wenn die Hausärztin aus Fulda gerne längst mehr erreicht hätte. Denn egal, wo sie bislang gewesen sei, das Hauptproblem ist: "Jeder wurstelt so vor sich hin."

Und das bedeute eben auch, dass viel Zeit und Energie dabei verloren gehe, dass man dieselben Fehler immer wieder macht und auch auf Probleme und Hürden treffe, für die andere ja längst eine Lösung haben. Genau hier setzt der Verein an, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, Kindern, die in Armut leben, zu helfen.

Schultze und ihre Vereinskollegen wollen Partnerschaften zwischen europäischen und afrikanischen Ländern bilden. Diese sollen sich vor allem unter Kindergärten, Schulen, Kliniken und sozialen Einrichtungen entwickeln.

Damit dies gelingt, braucht es aber eben eine Plattform. Und genau diese bietet der Verein mit seiner Website www.kinderhilfe-grenzenlos.de.

Deutschlandkarte mit Adressen

Über eine Afrika-Karte können sich Interessierte Partner für einen Austausch oder für Hilfsprojekte suchen. Andersherum funktioniert das natürlich auch: Auf einer Deutschlandkarte werden Kontaktadressen etwa zu Praxen oder Schulen genannt. Doch es sind erst wenige Adressen.

"In Afrika ist es schwierig, richtige Kontaktadressen zu bekommen", sagt Schultze. Man bekommt zwar den Namen einer Schule oder Organisation, aber es fehle häufig ein fester Ansprechpartner, der sich kümmert.

"Hier braucht es viel Geduld" Die Ärztin würde sich daher wünschen, dass auch Hilfsorganisationen, die bereits Gemeinschaftsprojekte auf die Beine gestellt haben, die Plattform nutzen.

Dem Verein geht es darum, ein großes Netzwerk zu schaffen, in dem man voneinander lernen kann. Und einen Werkzeugkasten für Hilfsprojekte zur Verfügung zu stellen, den alle mit befüllen. Die ersten Werkzeuge gibt es bereits auf der Website.

So steht ein komplettes Untersuchungsheft für Kinder mit Impfpass und den U-Untersuchungen in englischer und französischer Sprache zum Download bereit. Spannend sind auch die Präventionspiktogramme: Sie sollen in Bildsprache - um Kommunikationsbarrieren zu durchbrechen - wesentliche Regeln zur Hygiene bei Kindern aufzeigen.

Acht Stück hat der Verein bereits gestalten lassen. Zudem gibt es Infos rund um den internationalen Postverkehr und Hilfsgütertransport. Allerdings stehen die meisten Infos nur registrierten Nutzern zur Verfügung. Aus gutem Grund: Die Plattform ist für wirklich interessierte und seriöse Nutzer gedacht.

Gerade für das integrierte Forum zum Austausch ist das den Vereinsgründern wichtig. "Derzeit arbeiten wir auch an Medikamentenlisten für verschiedene Länder", berichtet Schultze.

"Dafür bräuchten wir noch Unterstützung." Diese Listen sollen Ärzten, die direkt in Afrika helfen wollen, zeigen, welche Medikamente sie vor Ort beziehen können. "Man kann ja nicht alles von hier mitschleppen."

Auch Ärzte werden vermittelt

Denn auch das bietet der Verein: Es gibt eine Vielzahl von Infos für Ärzte, die für eine bestimmte Zeit in afrikanischen Krankenhäusern helfen wollen. "Wir vermitteln auf Wunsch auch Ärzte an Hilfsorganisationen."

Und das müsse nicht gleich ein monatelanger Einsatz sein. Im St.Gabriels Hospital in Malawi werden etwa für die 100-Betten starke Kinderstation dringend Kinderärzte gebraucht.

"Schön wäre es, wenn wir es schaffen würden, mit mehreren Ärzten einen Jahresplan aufzustellen, bei dem ein Arzt zwei Wochen, ein anderer die nächsten drei Wochen usw. übernimmt."

Doch wie kommt eine Hausärztin überhaupt dazu, so viel Engagement aufzubringen. Schließlich kostet Schultze nicht nur der Aufbau der Web-Plattform täglich nach der Sprechstunde und in den Pausen Arbeit.

Sie macht auch mit Vorträgen und Aktionen, wie Hilfsgütertransporten für die Müllbergkinder in Manila, immer wieder die Öffentlichkeit aufmerksam - auf die Armut, die vielerorts herrscht, und auf den Verein.

"Alles fing damit an, dass ich eines Abends auf der Fahrt von Frankfurt - meinem Studienort - nach Fulda im Radio einen Aufruf der Rudolf-Walter-Stiftung für einen Lebensmittel-Hilfstransport für Bosnien hörte." Noch am selben Abend telefonierte sie herum, um Hilfsgüter einzusammeln.

"In drei Tagen hatte ich die ganze Garage voll mit gepackten Bananenkisten." Die Hilfsbereitschaft der Menschen hat sie angespornt. Im März 2006 hatte die Ärztin auf den Philippinen dann ihren ersten Auslandseinsatz, dem noch viele folgen sollten.

"Wenn man einmal solche Armut gesehen hat, muss man einfach etwas tun." Dabei bekommt sie auch von ihren Patienten viel Unterstützung. "Wir haben einmal allein mit dem, was ich über einen Aufruf in der Praxis gesammelt habe, 600 Müllbergfamilien in Manila mit allem versorgt, was die Familien so brauchten", berichtet sie begeistert.

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