Ärzte Zeitung, 31.12.2013
 

Koreas Schwestern

Ihr Weg in die BRD

Vor rund 50 Jahren kamen Tausende Krankenschwestern aus Südkorea nach Deutschland. Eigentlich sollten sie nur drei Jahre bleiben, doch einige blieben ein Leben lang - wie Koon-Ja Steckner und Chung Chung-hee.

Von Pete Smith

Ihr Weg in die BRD

Viele der koreanischen Krankenschwestern leben noch heute in Deutschland.

© Familie Kim / g+h communication

Für die deutsch-koreanische Freundschaft ist 2013 ein besonderes Jahr: Vor 130 Jahren wurde der Handels-, Schifffahrts- und Freundschaftsvertrag zwischen Deutschland und Korea unterzeichnet, vor 50 Jahren das Anwerbeabkommen zwischen der BRD und der Republik Südkorea besiegelt, in dessen Folge zwischen 1963 und 1977 etwa 8000 koreanische Bergarbeiter und 10.000 Krankenschwestern nach Deutschland kamen. Anfang der 1960er Jahre zählte das geteilte Korea zu den ärmsten Ländern der Erde.

Nach der jahrzehntelangen Ausbeutung durch die japanischen Kolonialherren hatte der koreanische Bruderkrieg von 1950 bis 1953 die wenigen Industrieanlagen und fast die gesamte Infrastruktur des Landes zerstört. Mit dem Anwerbeabkommen verfolgte die Bundesrepublik nicht nur wirtschaftliche Ziele, sie wollte damit auch Solidarität für ein Land zeigen, das wie Deutschland ideologischer Gründe wegen geteilt war.

Am 16. Dezember 1963 trat das von Bundespräsident Heinrich Lübke und Südkoreas Präsident Park Chung-hee (dem Vater der aktuellen Präsidentin Park Geun-hye) ausgehandelte "Programm zur vorübergehenden Beschäftigung von koreanischen Bergarbeitern im westdeutschen Steinkohlebergbau" in Kraft, dem eine weitere Vereinbarung für Krankenschwestern folgte.

Die 18.000 Arbeitsmigranten, die bis 1977 in die Bundesrepublik einreisten, verfügten fast ausnahmslos über eine gute Ausbildung, die meisten hatten Abitur, viele sogar einen Hochschulabschluss. Die Hälfte von ihnen ist in Deutschland geblieben.

Die anderen kehrten nach Südkorea zurück oder wanderten in Drittstaaten aus, vor allem in die USA und nach Kanada. Heute leben gut 31.000 Koreaner in Deutschland, die meisten im Rhein-Main-Gebiet (etwa 5300) und in Nordrhein-Westfalen.

Sie gelten als vorbildlich integriert: 70 Prozent ihrer Kinder haben das Abitur oder ein Studium absolviert.

Wählen Sie selbst, wessen Lebensgeschichte Sie als Erstes lesen wollen: Die von Koon-Ja Steckner oder die von Chung Chung-hee:

Eigentlich träumte Koon-Ja Steckner von einem Pharmaziestudium. Dann wurde sie Krankenschwester und kam nach Deutschland.

"Ich hatte immer viel Glück", sagt Koon-Ja Steckner, "dafür bin ich sehr dankbar." Gerade kommt sie vom Nachtdienst, wo sie für eine erkrankte Kollegin eingesprungen ist. Obwohl sie schon seit drei Jahren in Rente ist, bleibt sie ihrem letzten Arbeitgeber, der Klinik Hohe Mark in Oberursel, treu. "Ich brauche die intensive Aktivität", sagt die deutsch-koreanische Krankenschwester. "Nur daheim bleiben könnte ich nicht."

Koon-Ja Steckner (koreanisch Steckner Koon-Ja) wurde 1945 als fünftes von acht Kindern in Japan geboren, wo die Familie beruflicher Verpflichtungen des Vaters wegen lebte. Ihre ersten beiden Lebensjahre verbrachte sie in Osaka, dann zog die Familie zurück nach Korea.

Als drei Jahre später der Krieg ausbrach, flüchteten sie in den Süden. In Yong-dong, einer Provinzstadt der Republik Korea, ging Koon-Ja bis zur neunten Klasse in die Schule. Dann wechselte sie zur Senior High School für Mädchen in Choong-ju, um sich dort mit einem ausgezeichneten Abitur fürs Studium zu qualifizieren.

"Mein Traum war immer, Pharmazie zu studieren", erzählt die 68-Jährige, "eine Apotheke zu eröffnen und später eine Familie zu gründen." Doch da zu jener Zeit viele koreanische Krankenschwestern ins Ausland gingen, änderte sie noch vor der geplanten Aufnahmeprüfung an der pharmazeutischen Fakultät ihren Entschluss und begann stattdessen eine dreijährige Ausbildung an der Nursing School in Cheong-Ju, die sie 1969 abschloss. Danach arbeitete sie ein Jahr im Severance-Hospital in Südkoreas Hauptstadt Seoul, bevor sie Ende Oktober 1969 an die Universitätsklinik Frankfurt am Main kam.

Ihre Ankunft in Deutschland ist Koon-Ja Steckner in lebendiger Erinnerung geblieben. "Es war ein wunderschöner Herbsttag mit strahlend blauem Himmel, überall leuchteten die bunten Blätter. Der Empfang war überaus herzlich. In meinem Zimmer im Personalhaus hatte man Käse und Obst, Apfelsaft und Wasser bereitgestellt." Von der Klinik indes war sie anfangs etwas enttäuscht. "Das Severance-Hospital war supermodern, die verstreuten Häuser der Frankfurter Uniklinik dagegen sahen ziemlich altmodisch aus."

Eigentlich lieber in die USA

Deutschland, gesteht Koon-Ja Steckner, sei für sie eigentlich nur zweite Wahl gewesen, lieber wäre sie in die USA gegangen, nach San Francisco, wohin sie sich auch bewarb. Doch die deutschen Arbeitgeber reagierten schneller.

Vor allem das 1963 zunächst für koreanische Bergarbeiter und später auf koreanische Krankenschwestern übertragene Beschäftigungsprogramm zwischen Deutschland und Südkorea ebnete für Koon-Ja Steckner den Weg nach Europa. Um ihre Anstellung habe sie sich selbst wenig kümmern müssen, "alles ging sehr schnell, es gab keine Probleme".

Ihre Arbeit an der Frankfurter Uniklinik begann auf der Privatstation für Endokrinologie, wo sie herzlich aufgenommen worden sei. Über ihre Schützlinge, sagt sie, hätte sie bald einen Roman schreiben können, so exzentrisch seien viele gewesen.

 "Ein Araber hatte einen Koffer voll Geld im Gepäck, weil er sich in Deutschland einen Mercedes kaufen wollte, ein anderer kam mit drei Frauen, und eine Prinzessin brachte ihre Dienerinnen mit. Einer meiner Patienten hat mir sogar ein Ein-Jahres-Abo für die Frankfurter Oper geschenkt." Später wechselte sie auf die Privatstation für Gastroenterologie, wo sie eigenem Bekunden nach ihre beste Zeit erlebte.

So gut ihr der Job von Anfang an gefallen habe, so sehr habe sie sich doch auch umstellen müssen. Aufgrund ihrer qualifizierten Ausbildung durften Krankenschwestern in Korea die Ärzte während der Visiten begleiten, Infusionen legen oder Medikamente verabreichen. In Deutschland musste sie auf solche Kompetenzen verzichten. Als ihr eine Kollegin auch noch sagte, sie solle das Zimmer putzen, habe sie sich geweigert.

"Das wollte ich nicht, das war bei uns nicht üblich", sagt Koon-Ja Steckner, "danach hat das auch nie wieder jemand von mir verlangt."

Zurück in die Klinik

Elf Jahre bleibt sie an der UniklinikFrankfurt, wo sie schon bald zur Zweiten Stationsschwester aufsteigt. Auch ihr privates Glück lässt nicht lang auf sich warten. 1974 lernt sie ihren Mann Friedbert kennen, fünf Jahre später erwarten sie ihre erste Tochter, zwei weitere folgen.

Koon-Ja Steckner verbringt dreizehn Jahre daheim. Doch sie vermisst ihre Arbeit in der Klinik. Nach einem Intermezzo in einem Offenbacher Altenheim zieht sie mit ihrer Familie Anfang der 1990er Jahre nach Oberursel, wo sie an der Klinik Hohe Mark angestellt wird,eine psychiatrische Klinik, in der sie bis zur Pensionierung 18 Jahre lang bleibt.

"Wenn ich zurückblicke", sagt die Deutsch-Koreanerin, "hatte ich viel Glück, sowohl in meinem Beruf als auch mit den Menschen, denen ich begegnet bin." Glück empfindet Koon-Ja Steckner zudem beim Reisen. Europa kennt sie wie ihre Westentasche, in den USA war sie auch schon.Alle paar Jahre fliegt sie nach Südkorea, wo ihre Geschwister leben und wo sie neue Kraft tankt. Zurückkehren will sie aber nicht. "Mein Zuhause", sagt sie, "ist hier, wo mein Mann und meine Kinder sind." (Smi)

Sie sehe nicht deutsch aus, handele aber so, sagt Chung Chung-hee. Eine Rückkehr nach Südkorea kann sie sich nicht mehr vorstellen.

Ein kalter Morgen Ende Januar 1970. Chung Chung-hee, 21 Jahre alt, ist eine von knapp 100 Krankenschwestern, die am Flughafen Daegu in Südkorea eine Chartermaschine nach Deutschland besteigen. Mit an Bord ist der Direktor der Mainzer Universitätsklinik, der die jungen Frauen gemeinsam mit Kollegen und Dolmetschern aus ihrer Heimat abgeholt hat.

Als der Flieger am alten Flughafen in Frankfurt am Main landet, ist es bereits dunkel. In der Empfangshalle werden die jungen Frauen offiziell begrüßt. Dann geht es weiter zum Schwesternwohnheim in Mainz, wo sie nach einer kleinen Feier auf ihre Zimmer verteilt werden.

Herzlich sei das Willkommen in der "anderen Welt" gewesen, erzählt Chung Chung-hee. Die Gastgeber hätten sogar Reis für die asiatischen Schwestern gekocht, "allerdings Milchreis, das kannten wir gar nicht". Nach einem dreimonatigen Deutschkurs werden die koreanischen Krankenschwestern auf die verschiedenenStationen verteilt.

Chung Chung-hee landet auf der Notfall- und Intensivstation. "Technisch und medizinisch gab es keine Probleme", erinnert sich die heute 63-Jährige, "schließlich waren wir gut ausgebildet. Aber bis wir sprachlich alles verstanden, verging eine Weile."

Abends tauschen sich die jungen Frauen in ihren Zimmern aus und berichten einander, was sie tagsüber erlebt haben. "Natürlich hatten wir anfangs Heimweh", sagt Chung Chung-hee, "Nachrichten aus Südkorea gab es kaum". Briefe zwischen Europa und Asien benötigten zu dieser Zeit zwei Wochen, Telefonate waren teuer oder kamen gar nicht zustande.

Gewürze von daheim

Die Heimat zaubern sich die jungen Koreanerinnen in die Küche. Gewürze haben sie von daheim mitgebracht. Und das Nationalgericht Kimchi lässt sich statt mit Chinakohl auch mit Weißkohl zubereiten. Deutschland bedeutete für die 1950 in Daegu geborene Chung Chung-hee in erster Linie Hoffnung auf ein besseres Leben.

"Alle hatten den Traum, aus Südkorea herauszukommen, am liebsten nach Europa, dessen große Kulturtradition wir schon in der Schule kennengelernt hatten. Als Tourist gab es für uns keine Möglichkeit, dorthin zu gelangen, beruflich schon."

Als Chung Chung-hee ein entsprechendes Inserat in der Zeitung entdeckt, zögert sie keinen Moment. "Meine Eltern waren erst einmal überrascht, als ich ihnen meinen Entschluss mitteilte", erinnert sie sich. "Aber ich habe schon als Kind stets für mich entschieden. Meine Eltern haben mich dabei immer unterstützt, so auch diesmal, als sie mir Kleider kauften, mir Taschengeld gaben und mich schließlich zum Flughafen brachten."

Der Dreijahresvertrag, den Chung Chung-hee anfangs von ihrem deutschen Arbeitgeber erhält, wird verlängert. Fast zehn Jahre bleibt die Koreanerin an der Universitätsklinik Mainz, bevor sie an die Uniklinik Frankfurt wechselt, um sich als Op-Fachschwester fortzubilden.

In der Folge ist sie knapp zehn Jahre in sämtlichen Fachabteilungen der Uniklinik tätig. Irgendwann beschließt sie, kürzer zu treten. "Wenn man älter wird", sagt Chung Chung-hee, "braucht man eine ruhigere Arbeit." Die findet sie im Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt am Main, wo sie nun seit 23 Jahren tätig ist.

"Meine Arbeit macht mir großen Spaß", erklärt sie. "Es erfüllt mich, kranken Menschen zu helfen." Kraft schöpft die 63-Jährige zudem aus ihrem Glauben. Die koreanischen Katholiken im Rhein-Main-Gebiet unterhalten eine eigene Gemeinde, die fast 500 Mitglieder zählt. Darüber hinaus treibt Chung Chung-hee viel Sport, fährt Rad, spielt Golf und schwimmt. "Nur wer körperlich gesund ist", sagt sie, "bleibt geistig fit."

"Ich handle wie eine Deutsche"

Nach ihrer Pensionierung 2017 will Chung Chung-hee in Deutschland bleiben. "Südkorea ist meine erste Heimat, aber dauerhaft leben könnte ich dort nicht mehr, dafür bin ich hier zu sehr verwurzelt", sagt sie. "Ich sehe zwar nicht deutsch aus, aber ich handle wie eine Deutsche." Das bestätigen auch ihre fünf Geschwister, die Chung Chung-hee während ihres Urlaubs jedes Jahr in Südkorea besucht.

So weit ist ihr Geburtsland nun nicht mehr entfernt. Über das Internet sind jederzeit Nachrichten aus der Heimat abrufbar, koreanisches Essen lässt sich in speziellen Supermärkten kaufen oder in Restaurants genießen, und beim Telefonieren kann man sich dank der neuen Technik sogar über Kontinente hinweg in die Augen blicken.

Im Ruhestand möchte Chung Chung-hee statt wie bisher vier Wochen bis zu vier Monate im Jahr in Südkorea verbringen. Ihr Lebensmotto entlehnt sie dem 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher: "Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles." (Smi)

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