Kommentar
Krankmeldungen via Telefon: Wider den Wartezimmer-Zwang
Die CSU illustriert zum Start des Jahres, wie man Sozialstaatsreformen simuliert. Die telefonische Krankschreibung soll fallen, damit die Wirtschaft gesundet. Warum diese Rechnung nicht aufgeht.
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AU-Bescheinigungen nach ausschließlich telefonischem Kontakt: Bitte erst die Evidenzlage prüfen.
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Neues Jahr, große Schritte!? 2026 soll das Jahr der Sozialstaatsreformen werden, meint Klaus Holetschek, CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag. Doch mit der Forderung, die telefonische Krankschreibung (Tele-AU) abzuschaffen, langt die Partei gleich zum Jahresauftakt daneben.
Im Entwurf für ein Beschlusspapier anlässlich der Fraktionsklausur im Kloster Seeon bedienen die Christsozialen das Narrativ, die Tele-AU sei Ursache für den seit der Corona-Pandemie gestiegenen Krankenstand.
Damit greift die CSU eine langgehegte Forderung der Arbeitgeberverbände auf. Das ist legitim. Nur hätte die Partei besser deren Evidenzgrundlage prüfen sollen.
Untersuchung von Zi und BARMER
Steigender Krankenstand: An der Tele-AU liegt es auf jeden Fall nicht
Es gibt einen breiten Expertenkonsens dazu, dass der starke Anstieg der AU-Tage seit der Pandemie insbesondere durch die Umstellung auf das elektronische Meldeverfahren ab 2022 getriggert wurde. Viele Versicherte haben zuvor offenbar vor allem bei kurzzeitiger Krankheit nicht die AU-Bescheinigung an ihre Krankenkasse übermittelt.
Hinzu kommt: Nach Untersuchungen der BARMER und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat der Anteil der Telefon-AU an allen Krankschreibungen im Jahr 2022 maximal 1,2 Prozent betragen, 2023 waren es nur noch 0,9 Prozent.
Der Anteil der nach Videosprechstunden ausgestellten AU-Bescheinigungen ist noch geringer. Losgelöst von der Empirie raunen Arbeitgeberverbände dennoch von „Entscheidungen an der Bettkante“, die von der Tele-AU befördert würden.
Ohne Zweifel sind die Kosten der Entgeltfortzahlung angesichts einer seit fast vier Jahren stagnierenden Wirtschaft ein Reizthema für Unternehmen. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft hat die Belastung zuletzt auf rund 82 Milliarden Euro pro Jahr beziffert – Wirtschaftsverbände verbinden den Hinweis mit Forderungen nach einem Karenztag oder Gehaltsabschlägen im Krankheitsfall.
Solche hoch unpopulären Forderungen macht sich die CSU freilich nicht zu eigen. Es brauche Reformen, „ohne dass das Land kälter wird“, lautet das Credo von Fraktionschef Holetschek.
Die Forderung nach dem Aus für die Tele-AU passt offenbar dazu: Die CSU kann sich als Reformkraft aufführen, ohne jemandem weh zu tun. Parteitaktisch ist das rational, klug ist es nicht.














