Ärzte Zeitung online, 18.02.2014

US-Krankenversicherung

Zwei Babys bringen AOL ins Wanken

Die betriebseigene Krankenversicherung von AOL ist in eine schwere Krise geraten. Zwei Babys mit extrem hohen Behandlungskosten sollen schuld sein. Firmenchef Tim Armstrong will die Altersversorgung der Mitarbeiter kürzen. Doch eine betroffene Mutter bläst erfolgreich zur Gegenattacke.

Von Claudia Pieper

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Musste seine forsche Ankündigung, die Altersversorgung zu kürzen, zurücknehmen: AOL-Chef Tim Armstrong.

© Bernd von Jutrczenka / dpa

WASHINGTON. AOL-Chef Tim Armstrong ist mal wieder in den Schlagzeilen gelandet. Diesmal ging es nicht um Umsatz und Gewinne, sondern um die Gesundheitsversorgung seiner Mitarbeiter. Die ist ihm nämlich im vergangenen Jahr zu teuer geworden.

Als Ausweg aus dem Kostendilemma kündigte Armstrong vor Kurzem eine Kürzung der Altersversorgungsbeiträge für seine Mitarbeiter an, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der Grund dafür zum einen Obamacare und zum anderen die kostspielige Behandlung von "zwei äußerst kranken Babys" sei.

Der deutsche Leser mag sich wundern. Erstens: Wie kommt es, dass der Vorstandsvorsitzende intimes Wissen über Gesundheit und Krankheitskosten seiner Mitarbeiter und deren Familien hat? Und zweitens: Warum schlägt sich eine schwere Gesundheitskrise weniger Betroffener auf die Unternehmensbilanz nieder?

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass große US-Unternehmen oft selbst die Rolle der Krankenversicherung für ihre Arbeitnehmer übernehmen. "Self-Insurance", Selbst-Versicherung wird das in den Vereinigten Staaten genannt.

Laut Nachrichtensender CNN wird heute schon oft Unternehmen mit 500 Mitarbeitern zur "Self-Insurance" geraten, mit der Begründung, dass ab dieser Größe die Risikogemeinschaft groß genug sei, um sich das Geld für eine herkömmliche Versicherung zu sparen.

"Stop-Loss-Insurance" begrenzt Risiko

Unternehmen, die sich für eine Selbst-Versicherung entscheiden, zahlen anfallende Gesundheitsversorgungskosten aus eigener Tasche oder aus angelegten Reserven. Viele begrenzen allerdings ihr Risiko durch eine sogenannte "Stop-Loss Insurance", die ab einer vertraglich abgestimmten Summe die Krankheitskosten übernimmt.

AOL hat rund 5000 Mitarbeiter und ist laut CNN offensichtlich selbst-versichert, obwohl den Arbeitnehmern der Eindruck vermittelt wurde, dass sie sich für Versicherungspläne außer Haus entschieden hatten. Im Jahr 2012 wurden, wie jetzt öffentlich geworden ist, zwei Mitarbeitern Babys mit schweren Gesundheitsproblemen geboren.

"Self-Insurance" in US-Unternehmen

61 Prozent: Anteil der versicherten Arbeitnehmer, die durch "Self-Insurance" ihrer Arbeitgeber abgedeckt sind (1999 betrug der Anteil 44 Prozent).

94 Prozent: Anteil der Unternehmen mit 5000 und mehr Mitarbeitern, die selbst ihre Mitarbeiter versichern (1999 betrug der Anteil 62 Prozent).

Tim Armstrong drückte es in seiner Rede an die Arbeitnehmer so aus: "Wir hatten zwei AOLer, die äußerst kranke Babys zur Welt brachten. Es hat uns jeweils eine Million Dollar gekostet sicherzustellen, dass diese Babys allgemein o.k. waren. Diese Dinge haben unsere Sozialleistungskosten in die Höhe getrieben."

Die Rechnung, durch Selbst-Versicherung Geld zu sparen, ging damit für AOL im Jahr 2012 nicht auf. Offensichtlich hatte die Unternehmensführung zusätzlich beschlossen, auch bei der "Stop-loss"-Versicherung zu geizen. Denn eine Auszahlung erst ab einer Million US-Dollar zu begrenzen sei für eine Firma in der Größenordnung von AOL "verrückt", meinte eine Versicherungsberaterin im Gespräch mit CNN.

Wusste AOL-Chef Armstrong zum Zeitpunkt seiner Ankündigung, wer die betroffenen Familien waren? Das ist nach Ansicht von Experten unwahrscheinlich. Selbst-versicherte Unternehmen schließen oft Verträge mit Krankenversicherungen zur Abwicklung der gesundheitsbezogenen Ansprüche ab.

Unternehmen erhält Daten über Kosten

Im Rahmen dieses Vertragsverhältnisses erhält die Unternehmensführung regelmäßig Daten über die Höhe der Gesundheitskosten. In ungewöhnlich teuren Fällen werden oft auch allgemeine Informationen dazu geliefert, was der Grund für die Ausgaben war, wie zum Beispiel eine Krebserkrankung oder, wie in diesem Fall, eine problematische Schwangerschaft und Geburt.

Namen erhält die Führungsriege in diesem Zusammenhang nicht, obwohl man argumentieren kann, dass es vor allem bei mittelgroßen Arbeitgebern durchaus möglich ist, die "Schuldigen" herauszufinden.

Unter dem Deckel "Fitness und Gesundheit" wird in vielen amerikanischen Unternehmen schon heute die Grenze zur Privatsphäre überschritten, wenn mittels "Disease Management" etwa Diabetikern Hilfe beim Management ihrer Krankheit angeboten wird oder übergewichtige Mitarbeiter Anreize zum Fitnesstraining erhalten.

Mittlerweile kennt Tim Armstrong zumindest eine der beiden betroffenen Familien. Deanna Fei, die Mutter eines der gefährdeten Babys, ärgerte sich nämlich so über seine Äußerungen, dass sie im Internetmagazin "Slate" dazu Stellung nahm. Ihr Baby sei nach fünfmonatiger scheinbar normaler Schwangerschaft viel zu früh geboren worden und habe danach viele Wochen in Lebensgefahr geschwebt.

Dass die verzweifelte Situation ihrer Familie jetzt dafür verantwortlich gemacht werde, für alle AOLer die Altersversorgung zu kürzen, halte sie für eine Zumutung. Fei war mit ihrer Meinung nicht allein.

Arbeitnehmer kennen sich nicht aus

Armstrongs Äußerungen traten einen Sturm der Entrüstung los, sodass der für seine Derbheit bekannte Vorstandsvorsitzende sich gezwungen sah, sich erstens zu entschuldigen und zweitens die Sozialleistungskürzungen zurückzunehmen.

Der Rest der Landsleute kann Tim Armstrong eigentlich dankbar sein. Viele haben nämlich keine Ahnung, dass ihre Gesundheitsversorgung finanziell voll in den Händen ihres Arbeitgebers liegt. Das Beispiel AOL hat sich also als lehrreich erwiesen. Und vielleicht überdenken einige Unternehmensführungen, ob ihr finanzielles Risiko durch Selbst-Versicherung nicht zu hoch ist.

Ironischerweise kann Obamacare hier bald helfen: Ab 2017 sollen Großunternehmen ihre Mitarbeiter über die neuen Versicherungsbörsen versichern können (zumindest in den Bundesstaaten, die es bewilligen).

Durch den Beitritt in eine viel größere Risikogemeinschaft könnte damit vermieden werden, dass einige wenige Mitarbeiter mit hohen Gesundheitskrisen ein Unternehmen finanziell in die Knie zwingen.

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