Ärzte Zeitung App, 14.03.2014
 

Reportage

Rollatortanz im Altenheim

Im Altenheim sitzen und Trübsal blasen? Das kommt nicht in Frage, wo Sylvia Scheerer auftaucht. Mit ihren Rollatortanzkursen bringt sie Schwung in den Alltag der Bewohner.

Von Christiane Badenberg

Rollatortanz im Altenheim

Rollator-Tanzstunde im Altenheim: Tanzlehrerin Sylvia Scheerer macht ausnahmsweise mal ohne Rollator vor, wie es geht.

© Michaela Illian

Die Frisuren sitzen, der Goldschmuck glänzt und die Gesichter strahlen - als der Foxtrott erklingt. "Bauch einziehen - los geht´s meine Damen", schallt die Anweisung von Tanzlehrerin Sylvia Scheerer durch den Raum.

"Wir tanzen acht Schritte vor, dann wieder tippen - und schön aufpassen, dass sie niemanden aufladen." Denn wer hier aus der Reihe tanzt oder aus dem Takt gerät, hat schnell einen unfreiwilligen Mitfahrer - auf dem Rollator.

"Ich war schon in der SWR-Sendung ‚Sag die Wahrheit‘, weil viele Leute nicht glauben, dass es so etwas wirklich gibt", sagt Cornelia Willius-Senzer. Die Rede ist vom Rollatortanz. Den will die Präsidentin des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes in Deutschland populär machen.

Dafür scheint sie prädestiniert zu sein. Denn wer es schafft, beim als überaus knauserig verschrieenen rheinland-pfälzischen AOK-Chef Walter Bockemühl Geld für ein solches Projekt locker zu machen, dem ist praktisch alles zuzutrauen.

Beide schauen im Mainzer Altenheim in der Altenauergasse wohlwollend auf ihr Werk. Tanzlehrerin Sylvia Scheerer ist in ihrem Element. Sie tanzt an diesem Tag parallel auf mehreren Hochzeiten.

Rollatortanzschülerinnen anleiten und gleichzeitig Rollatortanzlehrernachwuchs ausbilden, das schafft Scheerer mit links. Sie macht es so gut, dass kaum eine Teilnehmerin Ermüdungserscheinungen zeigt, obwohl der Altersdurchschnitt bei etwa 85 Jahren liegen dürfte.

Männer? Fehlanzeige!

Aber wieso fördert eine Krankenkasse die Ausbildung von Rollatortanzlehrern? "Weil es nicht die schlechteste Kassenleistung ist", sagt Bockemühl und nennt eine Vielzahl von Gründen für das Engagement der AOK.

Der geschulte Umgang mit dem Rollator habe einen stabilisierenden Effekt auf Körper und Psyche, so Bockemühl, der bis zum Jahresende 2013 AOK-Chef in Rheinland-Pfalz war.

Und die meisten Pflegebedürftigen in Deutschland seien AOK-versichert. "Dem Thema Stürze kann man gar nicht genug Aufmerksamkeit schenken", sagt er bei der Vorstellung des Projekts. Es komme darauf an, Menschen in ihrem gewohnten Umfeld zu stabilisieren.

Außerdem habe er das Gefühl, dass die Teilnehmer an diesem Kurs Spaß haben, weil sie mit anderen Menschen und Musik in Kontakt kommen.

Luise Tebbe, 93 Jahre alt, und ihre Freundin Magdalena Wuff (85) sind die lebenden Beweise, dass seine Vermutung stimmt.

"Ich bin ganz begeistert, es wäre schade, wenn wir hier nicht hingegangen wären. Bewegung ist einfach alles", schwärmt die frühere Geschäftsfrau und Gastwirtin Luise Tebbe. Magdalena Wuff nickt zustimmend.

Frau Tebbe behauptet, kaum noch etwas sehen und nur noch schlecht hören zu können. Davon ist allerdings weder im Gespräch, noch beim Tanzkurs etwas zu merken. Sie verpasst keinen Einsatz, bewegt sich im Takt und ist unermüdlich.

Für sie und Magdalena Wuff ist der Rollator nichts, was ihnen peinlich ist, sondern eine Hilfe, die ihnen Bewegungsfreiheit zurückgibt. Vor allem Frau Wuff weiß ihren Rollator zu schätzen.

Nach einem Schlaganfall vor zwei Jahren saß sie im Rollstuhl. "Luise hat mich immer gefahren", sagt sie. "Und dann hatte ich durch sie sogar den Mut, mit dem Rollator wieder rauszugehen." Das gibt den beiden die Möglichkeit, jeden Tag einen Abstecher in die nahe Mainzer Altstadt mit ihren Geschäften und Cafes zu machen.

Eine Parallele zu anderen Tanzkursen fällt dem Betrachter sofort ins Auge: Die Männer fehlen. "Nee, die kommen nicht mit", sagt eine alte Dame im Mainzer Altenheim. Und Tanzlehrerin Sylvia Scheerer bestätigt: "Männer ziehen leider oft wieder etwas muffelig ab."

Selbst Schuld, denn die alten Damen haben zusammen viel Spaß. Und Männer brauchen sie hier auch gar nicht. Tanzpartner ist schließlich der Rollator.

"Das gibt Chaos!"

Rollatortanz im Altenheim

Männer werden nicht benötigt: Tanzpartner der Frauen ist schließlich der Rollator.

© Illian

Doch wie funktioniert so ein Rollatortanzkurs? Auch nicht viel anders als eine Tanzstunde. Es gilt nur einige Besonderheiten zu beachten. "Nehmen Sie den Rollator und dann geht es los, so einfach geht das natürlich nicht", sagt Sylvia Scheerer.

So gibt zwar die Tanzlehrerin die Anweisungen, aber für sie selber ist oberstes Gebot: "Nie mit einreihen und mitmachen. Das gibt Chaos, weil ihre Schüler manchmal nicht wissen wohin", weist Sylvia Scheerer die angehenden Rollatortanzlehrerinnen an, als die Auszubildenden unter sich sind. "Sie stehen vorne und geben die Anweisungen", lautet ihre Order.

Und als zur Musik die erste Runde geprobt wird, sind die Azubis dem Vollprofi viel zu schnell. Wird es etwas schwieriger, zum Beispiel wenn ein Tanz ansteht, bei dem Zweierreihen gebildet werden und dann im Reissverschlusssystem abgebogen werden muss, "dann gehen sie hin und zeigen den Damen, wie es geht", rät Scheerer.

Klar ist auch, die Lehrerin muss ein genaues Auge nicht nur auf Rhythmus und Bewegung haben, sondern auch auf die Verfassung ihrer Kursteilnehmer.

Bildet sich Schweiß auf der Stirn oder den Lippen, wie bewegt sich jemand, ist eine Pause notwendig? "Man muss sehen, was jemand kann", so Scheerer. Außerdem müssen immer ausreichend warme oder kalte Getränke in der Nähe sein, je nach Jahreszeit.

"Rüber, Nüber - Lächeln!"

Claudia Krehn-Azghandi, selbst seit 32 Jahren Tanzlehrerin, lässt sich jetzt von Sylvia Scheerer im Rollatortanz ausbilden. Sie hat viel Erfahrung im Seniorentanz und hält es für sinnvoll, nach Musik zu tanzen, die die Tanzschüler aus ihrer Jugend kennen. Das weckt schöne Erinnerungen.

Krehn-Azghandi ist vom Rollatortanz begeistert: "Wenn man am Rollator steht, vergisst man das Gerät", fasst sie ihre ersten Eindrücke zusammen.

Außer ihr lassen sich an diesem Tag auch Mitarbeiter des Altenheims und ehrenamtliche Helferinnen zu Rollatortanzlehrern schulen. Alle folgen den Anweisungen von Sylvia Scheerer "rüber, nüber - lächeln" aufmerksam. Aber hier wird nicht nur professionell gelächelt, hier wird auch viel von Herzen gelacht.

"Wenn Sie von einer Sache begeistert sind, schaffen sie es schnell, andere zu überzeugen", sagt Sylvia Scheerer. Schaut man in die Gesichter der Teilnehmerinnen, dann ist ihr das bestens gelungen.

[17.03.2014, 20:42:08]
Dr. Christoph Luyken 
Problem Rollator
Eine nette Idee, der Rollator-Tanzkurs... Aber letzten Endes wird hier nur "gute Miene zum bösen Spiel" gemacht! Denn Rollatoren haben sich zu einem echten Problem entwickelt. Die Masse an Rollatoren ist längst zum Sicherheitsrisiko und zu einer organisatorischen Herausforderung in Altenheimen geworden. Schon mancher Altenheimbewohner ist mittags im Rollator-Stau vor dem Aufzug steckengeblieben und hat kein warmes Essen im Speisesaal mehr abbekommen....
Im Ernst: Auch medizinisch sehe ich manchen Schaden beim Patienten, der durch (gut gemeint) nicht indizierte Verordnung eines Rollators hervorgerufen wird: Die Benutzung des Rollators führt zur „Umprogrammierung“ der vom Kleinhirn automatisch ausgeführten Bewegungsabläufe beim Gehen(gebeugte Körperhaltung, Verzicht auf Mitschwingen der Arme, Einkalkulieren einer dem Körper vorgelagerten Abstützung) mit der Folge, daß normales Gehen „verlernt“ wird und Gehen ohne Rollator künftig zu Angst und Unsicherheit führt. Dieses „Verlernen“ erfolgt überraschend schnell, und ist mit zunehmendem Alter immer weniger reversibel. Fazit: Ein Rollator ist in der Regel ein nur gelegentlich sinnvolles, vorübergehendes Hilfsmittel in der Rehabilitation. Die Dauer-Verordnung eines Rollators sollte eine Ultima ratio sein, die nur für Patienten in Betracht kommt, bei denen aufgrund ihres Gesamtzustandes und der Lebenssituation die Fähigkeit zu einem normalen, aufrechten Gang auf Dauer nicht mehr möglich und/oder nicht mehr wünschenswert erscheint.
Als geriatrisch erfahrener Hausarzt bin ich – aus Erfahrung klug geworden – bezüglich Rollatoren sehr zurückhaltend geworden und spreche häufiger Warnungen als Empfehlungen aus. Denn: Einmal Rollator – immer Rollator. Deshalb sage ich: Es gibt nichts Besseres bei Gehunsicherheiten, als das Einhaken am Arm einer Hilfsperson.
(Daß es an solch einer „Hilfsperson“ heute oft mangelt, steht auf einem anderen Blatt... so wie die fehlenden Männer im Tanzkurs.)
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