Ärzte Zeitung, 02.05.2014

Erna Eckstein-Schlossmann

Pionierarbeit für die Säuglingsfürsorge

Sie war Klinikleiterin, Vorreiterin in der Pädiatrie - und fast in Vergessenheit geraten: Nach Erna Eckstein-Schlossmann soll bald eine Straße in Düsseldorf benannt werden.

Von Anja Küger

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Die Düsseldorfer Kinderärztin Dr. Erna Eckstein-Schlossmann in den 1920er Jahren.

© Universitätsarchiv Düsseldorf

DÜSSELDORF. Nach ihrem Vater Arthur Schlossmann ist die Universitätskinderklinik in Düsseldorf benannt, auf dem Klinikgelände würdigt ihn ein Gedenkstein. An die Tochter Erna erinnert nichts in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt.

"Dabei hat sie auf dem Gebiet der Pädiatrie große Pionierarbeit geleistet", sagt die Publizistin Antje Olivier.

Jetzt soll in Düsseldorf eine Straße nach der Kinderärztin Dr. Erna Eckstein-Schlossmann benannt werden. Auf Initiative der Frauenberatungsstelle Düsseldorf stellen Olivier und andere einen entsprechenden Antrag an die Stadt.

"Zwei Dinge haben Erna Eckstein-Schlossmann angetrieben: der Wunsch, zu forschen und der Wunsch, zu helfen", sagt Olivier. Die Publizistin beschäftigt sich mit der Geschichte Düsseldorfer Frauen, die in Vergessenheit zu geraten drohen.

Medizinstudium in Düsseldorf

Erna Eckstein-Schlossmanns Vater baute die Sozialpädiatrie in Deutschland auf und war der erste Direktor der Düsseldorfer Kinderklinik.

Damit die 1895 geborene Tochter Erna Medizin studieren konnte, musste sie zunächst nach Heidelberg und Bonn gehen. Denn in Düsseldorf wurden vor 1919 keine Ärzte ausgebildet.

Das änderte sich, nachdem Erna Schlossmann mit 25 weiteren Studenten den Antrag auf Zulassung an der Medizinischen Akademie Düsseldorf stellte. Arthur Schlossmann war als Abgeordneter des Preußischen Landtags für die Demokratische Partei an der politischen Durchsetzung der Zulassung beteiligt.

"Erna Schlossmann war eine von vier Frauen, die das Medizinstudium in Düsseldorf aufnahmen", berichtet Olivier. 1988 verlieh die Universität Düsseldorf der Kinderärztin die Würde als Ehrensenatorin - sie war die erste Frau, die diese Auszeichnung erhielt.

Dazwischen liegen bewegte Jahre. "Ihr Lebensthema war die Säuglingsfürsorge", sagt Olivier. Von 1923 bis 1926 leitete die Medizinerin das Auguste-Victoria-Kinderhospital in Düsseldorf. 1926 organisierte sie bei der großen Düsseldorfer Leistungsschau "Gesundheit, Soziales und Leibesübungen" den Pavillon zum Thema Säuglinge.

Nach ihrer Hochzeit mit dem Pädiater Albert Eckstein und der Geburt des ersten Sohnes gab sie die Klinikleitung ab. "Als Frau eine Leitungsfunktion und Kinder zu verbinden, war damals nicht möglich", sagt Olivier.

Als Vater Schlossmann 1932 stirbt, übernimmt Schwiegersohn Albert Eckstein die Aufgabe als Direktor der Kinderklinik. Eckstein hat wie seine Frau jüdische Wurzeln. Als hochdekorierter Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs kann er zunächst unter den Nationalsozialisten im Amt bleiben.

1935 wandert die Familie in die Türkei aus

Aber nicht lange, die Repressalien werden unerträglich. Die Familie, inzwischen sind drei Söhne zur Welt gekommen, entschließt sich 1935 zur Emigration in die Türkei.

In Ankara wird Eckstein Leiter der Kinderklinik der "Numüne Hastanesi", einem staatlichen Musterkrankenhaus. "Noch heute steht im Foyer der Klinik eine Büste von Albert Eckstein", berichtet Olivier.

Eckstein ist Gründungsdekan der medizinischen Fakultät in Ankara. Er hat den Auftrag, die Säuglings- und Kinderpflege in der Türkei aufzubauen. Erna Eckstein-Schlossmann unterstützt ihren Mann.

Die beiden reisen ins Landesinnere, untersuchen Kinder, veranlassen Impfungen und geben Hygieneempfehlungen vor allem zum Trinkwasser. Sie sorgen für die Errichtung von Kliniken und die Ausbildung von Hebammen. Nach Schätzung der Kinderärztin werden nur ein bis zwei Prozent der Geburten von Hebammen begleitet.

"Es starb jedes dritte Kind vor Vollendung des ersten Lebensjahres", berichtete sie 1960 in dem Aufsatz "Das türkische Kind". Dank der Impulse der beiden Mediziner sank die Säuglingssterblichkeit bis 1960 auf zwölf Prozent.

Das Paar kehrt 1950 nach Deutschland zurück. Nur wenige Monate später stirbt Albert Eckstein an einem Herzinfarkt infolge eines allergischen Schocks. Erna Eckstein bleibt nur kurze Zeit in Deutschland - und ist sehr produktiv.

Sie kümmert sich um Besatzungskinder, schreibt ein Buch zur Kinderheilkunde und baut in Düsseldorf ein Hygienemuseum auf. Mitte der 1950er Jahre zieht es sie zurück in die Türkei, wo sie mit einem ehemaligen Oberarzt ihres Mannes eine Klinik aufbaut.

Im Alter von 102 Jahren gestorben

Ihren Lebensabend verbrachte Erna Eckstein-Schlossmann in Cambridge, wohin sie 1963 zu einem ihrer Söhne zog. Sie starb 1998 im Alter von 102 Jahren. "Eigentlich bin ich nirgendwo zu Hause", wird die Medizinerin in einer Würdigung zum 100. Geburtstag zitiert.

Dieses Zitat ist auch der Titel eines Buches über Erna Eckstein-Schlossmann, das der Dürener Kinderarzt Dr. Lorenz Peter Johannsen herausgegeben hat und das im Hentrich & Hentrich Verlag Berlin erschienen ist.

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