Ärzte Zeitung, 24.05.2015

Weltraumarzt berichtet

Wenn Astronauten im All krank werden

Auf ihren Missionen sind Astronauten sehr weit weg: von der Erde, von ihren Familien - und auch von Ärzten. Was also geschieht, wenn Raumfahrer im All krank werden? Ein Weltraumarzt der ESA berichtet.

Von Meike Mittmeyer-Riehl

Wenn Astronauten im All krank werden

Bitte nicht krank werden! Einblicke in eine unbekannte Welt: Ein Weltraumarzt und seine sehr speziellen Patienten.

© Alexander Gerst / ESA / NASA / dpa

KÖLN. Kein Arzt weit und breit - in Zeiten des Ärztemangels ein Satz, von dem viele Patienten sagen, er sei ihnen bekannt. Auch zwischen Volker Damann und seinen Patienten liegen mitunter schon mal schlappe 400 Kilometer.

Um sie zu überwinden, bräuchte er allerdings eine Rakete. Denn es geht nicht etwa nach Norden, Süden, Westen, Osten, sondern steil gen Himmel - raus ins All.

Damann ist Weltraumarzt bei der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA. Er leitet die medizinische Abteilung beim Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln, wo Astronauten für ihre Missionen im All ausgebildet werden.

Zu dieser Ausbildung gehört nicht nur das fachspezifische, technische Wissen für Experimente an Bord der Internationalen Raumstation (ISS), sondern auch eine intensive medizinische Vorbereitung auf die Strapazen eines Raumflugs und einen mehrmonatigen Aufenthalt in der Schwerelosigkeit.

Immer am Boden bleiben

Weltraumarzt: das klingt im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich abgehoben. Tatsächlich bleibt der Radiologe Damann selbst allerdings am Boden.

So nahe wie er kommen dem Weltall trotzdem nur sehr wenige Ärzte, denn Weltraummediziner gibt es gerade mal eine Handvoll, schildert der 56-Jährige.

Zum 25-köpfigen Team zählen drei Ärzte, außerdem sind Psychologen, Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler, Ingenieure und IT-Spezialisten mit im Boot. Oder - um im Raumfahrer-Jargon zu bleiben - an Bord.

Derzeit betreut die medizinische Abteilung sechs Raumfahrer, die sich auf anstehende Missionen vorbereiten oder bereits auf der Internationalen Raumstation (ISS) sind. "Das klingt jetzt erst mal toll: Drei Ärzte und ein gesamtes Spezialistenteam auf sechs Patienten", sagt Damann.

Aber die Betreuung dieser Patienten der etwas anderen Art gehe schließlich weit über einen gewöhnlichen Arzt-Patienten-Kontakt hinaus.

Müller-Wohlfahrt der Astronauten

Volker Damann

Wenn Astronauten im All krank werden

© ESA

Volker Damann (56) studierte Medizin in Marburg, anschließend war er zunächst als Assistenzarzt in der Marburger Uniklinik tätig. Später hat er gemeinsam mit zwei Kollegen in einer Praxis für Radiologie und Nuklearmedizin gearbeitet.

1989 wechselte Damann zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Seit 1995 ist Damann bei der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA tätig, seit 1997 leitet er die weltraummedizinische Abteilung.

"Wenn ein Astronaut zwei Jahre vor dem Flug für eine Mission nominiert wird, wird auch ein Arzt mitsamt Team nominiert, der die gesamte Mission betreut", erläutert Volker Damann. "Der mit lernt und mit trainiert, um ein Verständnis dafür zu bekommen: Was geschieht auf der Mission eigentlich?"

Je näher der Flug rückt, desto intensiver werde auch die Arbeit. "Wie bei einem Mannschaftsarzt vor der Weltmeisterschaft", führt Damann als Vergleich an. "Wir sind also eine Art Müller-Wohlfahrt, nur nicht für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, sondern die europäischen Raumfahrer."

Durch die intensive gemeinsame Vorbereitungszeit lernt der Mannschaftsarzt seinen Patienten gut kennen, weiß genau, wie fit er ist und wo es vielleicht kleine Schwachstellen gibt.

Und das sei auch besonders wichtig, betont Damann. Denn die Schwerelosigkeit wird den Körper des Astronauten verändern, davor schützen selbst gute Fitness und Krafttraining an Bord nicht zu 100 Prozent.

"Die Bilder von Schwerelosigkeit sehen immer so leicht und einfach aus, so ist es im Prinzip auch, und genau das ist das Problem", schildert Damann. "Der Körper passt sich sehr, sehr gut an die neue Situation an."

Das Herz etwa muss plötzlich nicht mehr gegen die Schwerkraft anpumpen, und Knochen und Muskeln müssen kein Körpergewicht mehr tragen.

Muskelkraft lässt nach

Also lassen Herzleistung, Knochensubstanz und Muskelkraft im Laufe der Zeit nach. Ein ganz normaler Prozess eigentlich. "Zum Problem wird das erst bei der Rückkehr auf die Erde", sagt Damann.

"Unsere Aufgabe ist es deshalb, den gesundheitlichen Zustand des Astronauten vor dem Flug zu konservieren, um möglichst wenige negative Effekte dieses körperlichen Abbaus zu haben und anschließend schneller rehabilitieren zu können."

Die intensive medizinische Betreuung am Boden sei auch deshalb so wichtig, weil die Astronauten, einmal auf der ISS in rund 400 Kilometern Höhe angekommen, für viele Wochen oder sogar Monate nicht mehr einfach mal schnell zum Arzt gehen können.

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst etwa war zuletzt sechs Monate lang im All. Darum werde natürlich schon bei der Auswahl darauf geachtet, dass die Raumfahrer keine gravierenden Vorerkrankungen haben.

Dennoch: "Ein technischer Systemausfall ist deutlich weniger wahrscheinlich als ein Ausfall des biologischen Systems", sagt Damann. Sprich: Es kann immer irgendetwas sein.

"Wir bilden Astronauten deshalb so aus, dass sie in etwa bis zu dem Niveau eines Rettungssanitäters als verlängerter Arm der Mediziner am Boden Erste Hilfe leisten können, wenn es wirklich zu einem Notfall kommt."

Konkret heißt das: Die Raumfahrer lernen Zähne zu ziehen, Platzwunden zu nähen, Brandwunden zu versorgen und Wiederbelebungsmaßnahmen.

Außerdem gibt es an Bord eine Art Hausapotheke mit Tabletten gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit, ganz alltägliche Wehwehchen also, die selbst den fittesten Astronauten mal treffen können. "In der Bordapotheke gibt es auch einige verschreibungspflichtige Medikamente, die wir vom Boden aus verordnen können."

Bei schlimmen Erkrankungen muss Astronaut zurück zur Erde

Die medizinische Betreuung der Astronauten bleibt also auch an Bord intensiv, selbst wenn dann die gesamte Erdatmosphäre zwischen Arzt und Patient liegt.

Für jedes Crew-Mitglied gibt es regelmäßige ärztliche Sprechstunden, sagt Damann - anfangs täglich 15 Minuten, später dann wöchentlich.

Die laufen natürlich nicht über einen öffentlich zugänglichen Funkkanal, sondern verschlüsselt. Denn auch außerhalb der Erde gilt die ärztliche Schweigepflicht.

Bei den Gesprächen gehe es nicht immer nur um medizinische Fragen, sondern etwa auch um die Arbeitsbelastung oder um Neuigkeiten aus dem privaten Umfeld, berichtet der ESA-Weltraumarzt.

"Wir sind auch so ein bisschen der Verbindungsarm zur Familie, eine Vertrauensperson eben."

Alle Erkrankungen, die über kleine Wunden oder Zahnschmerzen hinausgehen, übersteigen allerdings die fachlichen und auch die technischen Möglichkeiten in der Raumstation.

"Dann muss der Astronaut runter auf die Erde", macht Damann deutlich.

Für den Fall der Fälle sei bei der ESA alles streng reglementiert: "Innerhalb von 24 Stunden muss die Möglichkeit bestehen, die Crew in eine Klinik der Vollversorgung zu bringen, egal, wo auf der Welt sie landet."

Die ISS sei noch nah genug an der Erde dran, um das im Ernstfall gewährleisten zu können.

Beim Flug zum Mars Arzt an Bord?

Bei künftigen bemannten Missionen zum Beispiel zum Mars sehe das anders aus. Zumal hier noch ganz andere Gefahren auf die Raumfahrer zukommen: etwa die extreme Strahlenbelastung.

Die ist schon in der relativ geringen Höhe von 400 Kilometern nicht ohne - sie liegt laut Damann in der Größenordnung von einer Röntgenaufnahme der Lunge pro Tag.

Ein Klacks im Vergleich zu der Dosis, die bei einem Flug zum Mars drohen würde. Über die Langzeitfolgen von Strahlung sowohl für den Astronauten selbst als auch für die nächste Generation wisse man noch nicht alles, sagt der Radiologe.

Es müssten also dringend technische Möglichkeiten gefunden werden, die Strahlenbelastung bei weiten Raumflügen zu reduzieren. Doch selbst wenn das gelingt: Eine Mission zum roten Nachbarplaneten würde Jahre dauern. Jahrelang ohne Arzt - unmöglich.

Eigentlich, glaubt Volker Damann, liegt der Schlüssel zur Zukunft der Weltraummedizin in der Vergangenheit: "Schon Christopher Columbus hatte einen Arzt an Bord. Und wenn man mal in der Menschheitsgeschichte zurückblickt, gab es immer einen Arzt an Bord. Nur in der Raumfahrt nicht. Ich denke, dass bei künftigen Missionen - zum Mars oder wohin auch immer - ein Arzt an Bord sein wird."

Die Weichen dafür werden schon jetzt gestellt. Damann ist federführend am Aufbau eines neuen Studiengangs am King's College in London beteiligt, der in genau diese Richtung zielt.

Langfristig schwebt ihm eine Space Medicine Akademie vor, in der junge Leute die Laufbahn eines raumfahrenden Weltraummediziners einschlagen können.

Die Chancen stehen also offenbar nicht schlecht, dass künftige Ärztegenerationen dem All noch viel näher kommen, als wir uns das heute vorstellen können.

Lesen Sie dazu auch:
ESA-Astronaut: "30 Blutabnahmen, das sah wild aus am Arm"

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