Ärzte Zeitung online, 15.03.2017
 

Traumahelfer

Ein Anker für Kinder in seelischer Not

Wenn Kinder und Erwachsene nach dem gewaltsamen Tod eines Angehörigen zurückbleiben, sind die Traumahelfer der Aetas Kinderstiftung da. Sie helfen, in akuten Krisen zu stabilisieren.

Von Christina Bauer

Ein Anker für Kinder in seelischer Not

Erleben Kinder einen plötzlichen Verlust, hilft die Organisation Aetas, Trauma zu bewältigen.

© bramgino / stock.adobe.com

MÜNCHEN. Ein tödlicher Unfall, ein Selbstmord oder Mordversuch – wenn das passiert, bleiben Menschen zurück, oft auch Kinder. Nicht selten waren sie selbst beim Ereignis dabei. Aus der psychologischen Forschung ist bekannt, dass das eine große Belastung bedeutet. Traumafolgestörungen, Depressionen oder chronische Ängste können entstehen. Tita Kern und Simon Finkeldei sind mit solchen Extremen jeden Tag konfrontiert.

Die Psychotraumatologin und der Psychotherapeut sitzen in einem hellen Gesprächsraum bei Aetas. Seit 2013 arbeiten sie mit dem Bestattungsunternehmen zusammen. Von hier aus helfen sie Kindern und Jugendlichen auf die Beine, deren Leben erschüttert wurde.

Nachahmer in aller Welt

Beide arbeiteten lang beim Krisen-Interventions-Team KIT. Das gibt es in München seit 1994, das Modell fand weltweit Nachahmer. Heute ist die seelische Soforthilfe weithin bekannt. Denn wenn Rettungskräfte und Notärzte körperliche Wunden versorgt haben, sind die seelischen immer noch da. Krisenintervention erklärt, hilft einordnen und fängt die erste Erschütterung auf.

Aber sie endet schnell. Oft erfuhr Kern von Familien, die nur Stunden nach einem Vorfall sich selbst überlassen waren. Wege zu Beratung oder Psychotherapie brauchen Zeit und Kraft, und oft ist nicht sofort ein geeignetes Angebot verfügbar.

Daher entwickelte Kern mit ihrem Kollegen Finkeldei einen eigenen Hilfsansatz. "Es braucht ein sehr niedrigschwelliges, traumaspezifisches und aufsuchendes Angebot, das die Betroffenen Hand in Hand von der Krisenintervention übernimmt", erklärt sie. Ergebnis: die Aufsuchende Psychosozial-Systemische Notfallversorgung (APSN). Das Konzept setzten die Initiatoren erstmals 2007 ein. Anfangs beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), dann beim Trauma Hilfe Zentrum, schließlich bei Aetas. Die dortigen Geschäftsführer gründeten die Aetas Kinderstiftung. Sie ist spendenfinanziert, das Angebot damit kostenfrei. Auch räumlich ist es leicht zugänglich, die Helfer besuchen die Familie zu Hause.

Die Betreuung läuft bis zu ein Jahr und orientiert sich am individuellen Bedarf. Außer den Gründern sind heute elf Menschen im Team, darunter Angestellte, Honorarkräfte und Ehrenamtliche. Acht davon arbeiten betreuend, in Gruppenangeboten oder Einzelbegleitungen. Es sind Psychotherapeuten, Psychologen und Sozialpädagogen. Alle haben Vorerfahrungen und eine traumaspezifische Fortbildung nach den Standards der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGTP) und der Bundesarbeitsgemeinschaft Traumapädagogik.

Mit ihnen sollen Kinder lernen, das Erlebte zu verarbeiten. Kern fasst das in ein anschauliches Bild: "Wir können durch Psychoedukation und Intervention das Ganze so bauen, dass der Boden möglichst stabil wird."

Wie viel Hilfe jemand braucht, ist gerade anfangs schwer einzuschätzen. Der erste Schock ermöglicht keine gute Prognose. "Eine Traumafolgestörung ist nicht Folge eines Moments, sondern eines Verarbeitungsprozesses", stellt Finkeldei dazu fest. Daher sind Anamnese und Verlaufseinschätzung wichtig.

Lernen, den Kopf zu verstehen

Parallel sollen therapeutische Methoden einer negativen Entwicklung entgegenwirken. Betroffene Kinder lernen, warum ihr Kopf ihnen immer wieder schlimme Eindrücke zeigt, sogenannte Flashbacks. Sie trainieren, ihre Aufmerksamkeit zu lenken. Etwa mit dem Bild einer Taschenlampe, mit der sie in verschiedene Richtungen leuchten können. Außerdem üben sie, mit starken, negativen Gefühlen zurechtzukommen, wie Trauer, Angst, Schuld und Wut. Dabei fördern die Helfer eine gemeinsame Sprache für Kinder und Erwachsene, gemäß dem Hauptziel: Hilfe zur Selbsthilfe.

Dass Kern auch Systemische Familientherapeutin ist, kommt nicht von ungefähr. Die systemische Sichtweise ist wesentlich für APSN. Außer den privaten werden auch professionelle Bezugspersonen berücksichtigt, wie Lehrer oder Erzieher. "Wir versuchen, alle Beteiligten im Umfeld zu vernetzen und einen traumasensiblen Blick bei ihnen zu fördern", so Kern.

Bei Bedarf stellt Aetas später die Brücke zu weiterführender Hilfe her. Einige tausend Menschen begleitete das Team seit 2007, knapp 1300 allein im vergangenen Jahr.

Inzwischen ist APSN regelmäßig Thema bei Fachkongressen und Fortbildungen, erhielt mehrere Auszeichnungen. Tita Kern lässt keinen Zweifel über steigende Herausforderungen: Verstärkung wäre willkommen.

1300 Menschen hat Aetas 2016 psychologisch bei der Traumabewältigung begleitet.

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