Ärzte Zeitung, 03.04.2017
 

Flüchtlinge

WG mit Kriegstrauma

Krieg, Verfolgung und Not haben sie nach Homberg-Efze verschlagen: In Hessens einziger Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlingsmädchen leben neun Jugendliche. Die öffnen sich nur zaghaft – doch wenn sie Hilfe brauchen, stehen Psychologen und Psychiater zur Verfügung.

Von Gesa Coordes

Flüchtlinge: WG mit Kriegstrauma

Vier von neun Bewohnerinnen der WG von Vitos Teilhabe (von links): Fadumo, Ruta, Miski und Diana.

© Rolf Wegst

HOMBERG. Über ihre Flucht möchten die meisten nicht sprechen. Dabei waren viele der jungen Mädchen ein Jahr lang unterwegs, bevor sie in der Wohngruppe der Jugendhilfeeinrichtung von Vitos Teilhabe landeten, einer Einrichtung der Jugend- und Behindertenhilfe, die an verschiedenen Standorten in Hessen tätig ist.

Die, die doch reden, berichten von wochenlangen Märschen durch die Wüste, von Gefängnissen, in denen Mithäftlinge gefoltert und ihnen selbst die Haare abrasiert wurden, sowie von der gefährlichen Fahrt in schrottreifen Booten über das Mittelmeer: "Ich hatte solche Angst zu ertrinken", sagt die aus Somalia stammende Miski: "Ich konnte nicht schwimmen." Jetzt kann sie es, ebenso wie ihre Mitbewohnerinnen, die alle erst in Deutschland schwimmen gelernt haben.

Gefragt sind Toleranz und Geduld

In der Altstadtvilla im nordhessischen Homberg-Efze haben sie Zuflucht gefunden: Neun Mädchen aus Eritrea, Somalia, Äthiopien, dem Jemen und Syrien. Aber im Laufe der vergangenen 20 Jahre kamen bereits Heranwachsende aus allen Krisenherden der Welt in die Wohngruppe. Die Mitarbeiterinnen haben gelernt, mit vielen unterschiedlichen Nationalitäten, Religionen und Charakteren umzugehen. Weihnachten wird ebenso selbstverständlich gefeiert wie der Ramadan.

"Hier gibt es keinen Stress zwischen Moslems und Christen", sagt Fachbereichleiterin Ute Zimmer: "Diese Toleranz haben sie." Rund um die Uhr ist ein Team von sieben Mitarbeiterinnen abwechselnd für sie da, unter ihnen auch eine muttersprachliche Kollegin. "Wir sind hier alles", sagt Teamleiterin Carmen Wink-Chiahou: "Mutter, Schwester, Lehrer, Hüter des Gesetzes, Berater in allen Lebenslagen, immer für sie da."

Der erste Schritt in der neuen Heimat ist indes die medizinische Versorgung, weil viele durch die lange Flucht und fehlende Versorgung in der Heimat Krankheiten mitbringen – das reicht von Verletzungen über Hautkrankheiten bis zu Tuberkulose und Hepatitis. Zahnarztbesuche sind ohnehin fast immer nötig.

Zentraler Treffpunkt ist die Küche. Die Wachstuchdecke auf dem großen Tisch hat Miski ausgesucht. Sie zeigen europäische Sehnsuchtsorte wie London, Paris und Berlin. "In Berlin war ich schon", sagt die 18-Jährige, die seit zweieinhalb Jahren in Homberg lebt: "Ich möchte gern nach Paris." An der Tür hängt der Putzplan. Die deutsche Mülltrennung wird sorgfältig mit Bildern erklärt. Einkaufs- und Küchendienst gibt es auch. Schließlich müssen die Jugendlichen nicht nur Deutsch lernen und zur Schule gehen. Sie sollen auch im deutschen Alltag ankommen – mit den pünktlich abfahrenden Bussen, den Sonderangeboten im Supermarkt und der deutschen Kehrwoche. Das deutsche Essen finden viele gewöhnungsbedürftig. "Kartoffelbrei, Rouladen und Nudelsalat hatte ich noch nie gegessen", erzählt Hawi, die vor drei Jahren aus Äthiopien floh.

Fast jede Woche backen die Mädchen eine afrikanische Spezialität – Ingerra, eine Art Fladenbrot aus vergorenem Teig, der mit roten Linsen und Rindfleisch gefüllt wird. Die 17-jährige Leyla aus dem Jemen kocht besonders gern und oft – meist sind es Gerichte aus der Heimat oder eigene Kreationen, die an edle Pralinen erinnern. Leyla, die vor dem Krieg in ihrer Heimat floh, besucht ebenso wie vier Mitbewohnerinnen eine Intensivklasse an der örtlichen Berufsschule. Die anderen Mädchen gehen in Haupt- und Realschulen. In der Wohngruppe fühlt sich Leyla gut aufgehoben. "Das ist meine zweite Familie", sagt die 17-Jährige.

Tatsächlich ist vieles wie in einer Familie, allerdings mit klareren Regeln. So müssen die Handys beim Essen ausgestellt werden. Während der Mahlzeiten darf nur deutsch geredet werden. Es gibt feste Zeiten für Hausaufgaben, Essen und Nachtruhe. Jedes Wochenende kochen die Mädchen selbst, die zudem täglich wechselnde Küchen- und Einkaufsdienste übernehmen. "Deutschland hat für alles Regeln und Vorschriften", sagt Hawi.

Psychologen und Psychiater helfen

Teamleiterin Carmen Wink-Chiahou möchte den jungen Frauen dabei helfen, stark und selbstbewusst zu werden. Nicht nur, weil sie es mit ihrem exotischen Aussehen und den fremd klingenden Namen schwerer haben als ihre deutschen Schulkameraden, so Wink. Viele der Mädchen, die hier ankommen, haben schreckliche Fluchtgeschichten und traumatische Erlebnisse hinter sich, leiden unter Schlaflosigkeit oder haben Panikattacken. Bei Bedarf werden deshalb externe Psychologen oder Psychiater hinzugezogen. Doch meist wollen die Mädchen – wenn überhaupt – nur mit den Betreuerinnen sprechen. "Sie finden hier eine Sicherheit oder einen ruhigen Pol", weiß Carmen Wink-Chiahou. Zudem würden die psychischen Folgen oft erst nach einem Jahr spürbar, wenn sie wirklich in Deutschland angekommen seien.

Aber die jungen Frauen unterstützen sich gegenseitig. Ruta hat Hawi Zöpfchen ins dunkle Haar geflochten. Hibret hat Leyla beim Kochen geholfen. Und abends, wenn die Mädchen im Wohnzimmer reden, lachen und Fernsehen schauen, rücken sie ganz dicht zusammen.

Die Syrerin Diana zeigt ein Foto ihres verletzten Bruders auf ihrem Smartphone. Vor kurzem ist er in den Straßen von Aleppo von einer Maschinengewehrkugel getroffen worden. Vermutlich war es ein Irrläufer. Doch der Junge lag zwei Tage im Koma. "Das war sehr schlimm", sagt die 17-Jährige. Den ganzen Tag habe sie geweint. Glücklicherweise geht es ihm inzwischen wieder besser. Diana erzählt von zerstörten Häusern, fehlendem Wasser und wenig Essen. Sie vermisst ihre Familie – die Mutter lebt im Libanon, Vater und Brüder sind noch in Syrien. "Wenn es wieder wie früher wäre, würde ich sofort zurückgehen", sagt sie.

Die Homberger Betreuerinnen wissen um die Dramen, wenn Familienangehörige ihrer Mädchen schwer krank werden oder sterben. "Sie sind wahnsinnig traurig, weil sie nicht da sein und nicht helfen können", sagt Carmen Wink-Chiahou.

Heimweh ist ein großes Thema für die Jugendlichen, die in der Regel noch Kontakt zu ihren Angehörigen haben. Viele wurden von ihren Eltern auf die weite Reise geschickt, weil diese ihre Kinder in Sicherheit wissen wollten. Die aus Eritrea stammende Ruta findet Halt in ihrem Glauben. Ein großes Plakat mit Jesusbildern hängt über ihrem Bett. Jeden Sonntag fährt die 18-Jährige nach Kassel, um die Gottesdienste der griechisch-orthodoxen Kirche zu besuchen. Ins nordhessische Homberg-Efze wollten die Mädchen eigentlich alle nicht – zu weit weg von den großen Städten, in denen sie eher auf Landsleute treffen. Doch wenn sie im Alter von 18 oder 19 Jahren aus der Wohngruppe ausziehen, bleiben viele zur Ausbildung oder Arbeit in dem 14.000-Einwohner-Städtchen.

Meist brauchen die Jugendlichen sechs bis zwölf Monate, um Deutsch zu lernen: "Das ist der elementare Schlüssel", sagt Ute Zimmer. Es funktioniert: Fast alle verlassen die Betreuung mit einem Schulabschluss. Darunter sind Erfolgsgeschichten wie die der 16-Jährigen, die nach zwei Jahren einen Realschulabschluss mit Bestnoten hinlegte, dann ein bilinguales Gymnasium besuchte und nun studiert. Als Erfolg sehen die Betreuer aber auch, wenn ein Mädchen lesen und schreiben lernt, eine Familie gründet oder eine Ausbildung beginnt.

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