Ärzte Zeitung online, 14.07.2017

Klinikgärten

Natur als Ressource

Krankenhäuser gestalten ihre Gärten zu Therapie- und Erholungsorten für Patienten. Steht der Einsatz des Gartens als Therapeutikum in Deutschland vor einer Renaissance?

Von Susanne Werner

Natur als Ressource

Garten der Sinne in der Mittelrhein-Klinik Boppard, Baumwurzel als Krake.

© DRV/Mittelrhein-Klinik Boppard

"Man muss nicht erst sterben, um ins Paradies zu gelangen, solange man einen Garten hat." So lautet der Lieblingsspruch von Dr. Matthias Rudolph. Damit sei eigentlich schon alles gesagt, meint der ärztliche Direktor der Mittelrhein-Klinik. Dass der Garten selbst eine therapeutische Wirkung habe, davon ist der Facharzt für psychosomatische Medizin überzeugt. Seine Rehaklinik in Boppard, die der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Rheinland-Pfalz gehört, zählt bundesweit zu jenen Einrichtungen, die das üppige Grün rund ums eigene Haus konsequent nutzen.

In den letzten dreizehn Jahren ist dort ein 25 Hektar großer Klinikpark entstanden, der alle Sinne weckt: Patienten können sich am Duft von Rosmarin, Thymian, Salbei und anderen Kräutern satt riechen, Blumenbeete mit bunten Sommerblumen laden die Augen zum Staunen ein und auf dem Barfußpfad können die Patienten spüren, dass sie der Boden unter den eigenen Füßen trägt.

Psychosomatiker Rudolph knüpft damit an eine alte, medizinische Tradition an, die in der technikorientierten Moderne vergessen scheint. Im alten Ägypten, so heißt es, haben die Hof-Ärzte jenen Patienten, die nicht bei Sinnen schienen, Gartenspaziergänge verordnet. Der Klostergarten im Mittelalter diente nicht nur als Nutzgarten, sondern sollte auch zum besinnlichen Aufenthalt in der Natur – zur Vita Contemplativa – anstiften. Nun scheint es, dass der Einsatz des Gartens als Therapeutikum vor einer Renaissance steht. Der Präsident der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft Professor Dr. Klaus Neumann hat jüngst beim Kongress "Garten und Medizin" in Berlin angekündigt, die beiden Bereiche verstärkt in einen Dialog bringen zu wollen. Denn Klinken sollten keine Verwahranstalten sein, sondern Orte, an denen die Menschen gesund werden. Für Neumann gehört dann ein Garten dazu – am besten von Anfang an. Vor allem bei Neubauten seien die Grünflächen entsprechend zu gestalten und später zu nutzen.

Blick aufs Grün stärkt die Genesung

Ein Gartenbeet ergänze oft gut das Krankenbett, sagt Neumann und verweist auf Forschungen, die den therapeutischen Nutzen des Grüns belegen. Bereits 1984 habe der Architektur-Professor Roger S. Ulrich eine Studie veröffentlicht, nach der sich Patienten in Zimmern mit Aussicht auf eine natürliche Umgebung nach einer Operation schneller erholten, als eine Kontrollgruppe in Zimmern mit Blick auf eine Ziegelwand.

Schaut man sich heutige Klinikbauten an, so scheint es weniger um Ästhetik und Natur zu gehen, als vielmehr um Technik und Funktionalität. Das Bild des Uniklinikums Aachen ist dafür zum Symbol geworden. Das größte Krankenhausgebäude Europas wird als Mekka der Medizin gelobt. An der futuristischen Stahlbetonkonstruktion, die von unzähligen Versorgungsröhren umrankt ist, scheiden sich die Geister: Architekten loben die moderne Form, Kritiker sehen darin ein kaltes Gebäudemonster.

Macht so viel Beton und so wenig Natur krank? Dr. Ernst Erypasch ist froh, dass sein OP-Saal ein Fenster hat und die Sicht auf grüne Bäume und ein Stückchen Himmel ermögliche. Der Chefarzt am Heilig-Geist-Krankenhaus in Köln steht als Chirurg kaum im Verdacht, Fortschritte der Medizin gering zu schätzen. Umso authentischer klingt der Appell, den er auf der Tagung loswird: "Die Kliniken müssen sich verstärkt mit der Gestaltung der Grünflächen rund um das eigene Haus auseinandersetzen – zum Wohle der Patienten."

Patienten nutzen den Klostergarten

Seine Klinik grenzt an ein noch bestehendes Kloster. Den dazu gehörenden Garten nutzten die Patienten gerne, um sich vom Klinikalltag zu erholen. "Der Garten gibt ihnen Bodenhaftung und regt sie an, übers Lebens nachzudenken", sagt Erypasch. Dies helfe insbesondere jenen Menschen, die eine schwere Diagnose erhalten haben. In der Natur könnten sie Ruhe finden und neue Kraft schöpfen.

Ein Klinikgarten, so Erypasch, sollte durchaus mehreren Zwecken dienen: In einem Wandelgarten, der die Sinne anspricht, können die Patienten frische Energie tanken. Ein Therapiegarten böte Schutz, um beispielsweise mit Demenzpatienten in freier Natur zu arbeiten. Und schließlich brauche jedes Haus– Erypasch seufzt ein wenig – auch einen Rauchergarten. "Die Idee eines rauchfreien Krankenhauses ist eine Illusion. Man kann das nicht kontrollieren", sagt er. An vielen Klinikstandorten geht es aus seiner Sicht zunächst einmal darum, die Grünanlagen rund um das eigene Gebäude als Ressource zu erkennen und zu nutzen.

Vorbilder, wie sich Klinikgärten gestalten und nutzen lassen, gibt es genug: Die Kraichtal-Kliniken in Nordbaden beispielsweise haben ihren 1,5 Hektar großen Garten im asiatischen Stil mit Teichen und Teehäusern angelegt. Das Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt am Main hat den ersten Diabetesgarten in Deutschland aufgebaut. Angepflanzt wurden 50 Pflanzen, die gegen unterschiedliche Erkrankungen wirken.

Die onkologische Reha-Klinik Luise von Marillac Klinik in Bad Überkingen hat auf ihrem Gelände einen Fußwohlfühlpfad gestaltet. Patientinnen können dort ihre Körperwahrnehmung stärken. An der Mittelrhein-Klinik arbeitet die Kunst- und Gartentherapeutin Patty Muller mit ihren Patienten nicht nur in der "Ressource Natur", sondern gestaltet diese auch gemeinsam mit ihnen. Eine mächtige Baumwurzel beispielsweise wurde so in eine farbige Krake verwandelt. "In einem Garten erleben sich die Patienten wieder als aktiv", sagt sie. Fern ab vom beruflichen Kontext erfahren sie, wie belastbar sie sind. Erst über das Arbeiten in der Natur entdeckten viele Patienten nach schweren Krankheiten wieder ihre Lebensfreude.

Vorzeigegarten im Ruhrgebiett

Bei einer Aufzählung der Vorzeigegärten an Kliniken darf ein Name nicht fehlen: Die Klinik Hattingen im südlichen Teil des Ruhrgebiets. Andreas Niepel, der dort die Abteilung Garten und Gartentherapie leitet, ist so etwas wie der Pionier auf diesem Gebiet. Die mehr als 150.000 Quadratmeter große Anlage an der Reha-Klinik des Helios-Konzerns gilt vielen als Vorbild für therapeutische Gärten. Aus Niepels Sicht wirkt die Gartentherapie vor allem deshalb, weil der Mensch ein Teil der Natur ist und ihn der sinnliche Kontakt mit der Erde und den Pflanzen beruhige.

"Viele Menschen leiden heute unter einem eklatanten Naturentzug", sagt er. Gerade in Reha-Kliniken kommen Menschen an, die über Monate hinweg stationär behandelt wurden. "Viele von ihnen waren über ein Jahr lang nicht mehr draußen", sagt er. Die Gartentherapie (siehe nebenstehender Beitrag) gehe in ihrer gesundheitsförderlichen Wirkung weit über eine Sporteinheit in frischer Luft hinaus. Es sei eben nicht nur die Bewegung, die die Muskeln stärke, oder die Entspannung durch das viele Grün.

Garten als Metapher fürs Leben

Ein Garten erinnere daran, dass der Mensch die Verantwortung hat, die Natur zu pflegen und zu bewahren: Der Garten sei die Metapher dafür, in einem System die eigene Rolle zu erkennen und zu übernehmen. Niepel nennt es eine "selbstwirksame Rückkopplung". Schließlich ist das eigene Handeln in einem Garten noch Tage später sichtbar. "Der Patient erfährt dann: ,Ich bin der, der sich um etwas kümmert‘." Ein 14-jähriger Patient, der nach einem Unfall an einem schweren Hirntrauma litt, habe ihm einmal erzählt, dass er sich in einem Garten nie alleine fühle. Da dort Leben um ihm herum sei, brauche er keine Angst mehr zu haben.

In Ländern wie Australien, den USA, Kanada oder England sind Klinikgärten und die damit verbundene Gartentherapie längst keine Orchideenthemen mehr. Vorreiter in Europa ist vor allem auch Österreich. Vor allem rund um Wien gibt es viele Hospitäler und Pflegeheime, die ihre Garten in die Behandlung einbinden.

Andreas Niepel selbst hat in der Gartentherapie des New Yorker Uniklinikums hospitiert. Im Zentrum der High-Tech-Medizin wird in einem kleinen Innenhof auf einer überschaubaren Gartenfläche gemeinsam mit den Patienten gearbeitet. Er selbst fand den Ort inmitten der Geräuschkulisse von Manhattan nicht gerade beschaulich. Die Amerikaner aber hätten die Gabe, so erzählt Niepel, selbst über die kleinsten Pflänzchen in einem solchen Ambiente zu staunen. Auch einer seiner Patienten blickte eine Weile versunken auf die Blumen. Nach einiger Zeit wandte er sich Niepel zu und meinte: "Das ist doch hier ein Paradies!"

Gartentherapie

- Ziel: Sinne wieder für die Natur öffnen, sich berühren lassen, Halt und Trost finden, Schönheit wahrnehmen

- Kreatives Arbeiten in Projektgruppen

- Training der Konzentration und Aufmerksamkeit

- Übungen, die Wahrnehmung schulen und für Genussempfinden sensibilisieren.

Natur als Ressource

© Mittelrhein-Klinik

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