Ärzte Zeitung online, 14.07.2017

Gartentherapie

Ein Korb voller Pflanzen fürs Beet

Vor-Ort-Besuch im Berliner Klinikum Königin Elisabeth Herzberge: Die Gartentherapie gehört dort in der Gerontopsychiatrie schon seit Jahren zum Behandlungsplan.

Von Susanne Werner

Ein Korb voller Pflanzen fürs Beet

Gartentherapeutin Marlit Bromm.

© Werner

Bei Torsten Kratz sind es die Radieschen. Er liebt die kleinen roten Knollen mit dem scharfen Geschmack. Als kleiner Bub, so erinnert er sich, habe er Radieschen mit großer Freude im elterlichen Garten gepflanzt. Inzwischen ist Torsten Kratz Medizin-Professor und leitet die Gerontopsychiatrie am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge (KEH) in Berlin-Lichtenberg. Noch immer aber freut er sich, wenn Radieschen in seiner Familie auf dem Tisch stehen.

Der Mediziner mit insgesamt drei Facharzt-Ausbildungen – Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie und Nervenheilhunde – ist überzeugt, dass der Kontakt mit der Natur für viele Menschen heilsam ist. "Natur ist gekoppelt an eine emotional angenehme Erinnerung und meist verbunden mit der eigenen Kindheit", sagt er. Diese Überzeugung setzt Professor Kratz auch in der Praxis um. In seiner gerontopsychiatrischen Abteilung gehört die Gartentherapie an zwei Tagen pro Woche zum festen Bestandteil im Behandlungsplan.

Heute ist es wieder so weit. Gartentherapeutin Marlit Bromm hievt einen Korb voller Pflanzen auf den Tisch der Klinikterrasse. Auf den Stühlen ringsherum sitzen sechs Frauen und drei Männer, alle im Seniorenalter. "Wer von ihnen kennt diese Pflanze denn?", fragt sie in die Runde und hebt ein grünes Gewächs in die Höhe – lange, robuste Stängel und oben kräftige, ausladende Blätter. Genau in diesem Moment eilt Herr K. herbei. Der Mittsechziger hat sich verspätet, aber den Namen weiß er sofort: "Eine Canna!" Die Gartentherapeutin ist hoch erfreut: "Toll!" Rund zwei Dutzend des indischen Blumenrohrs sollen heute ins Beet direkt am Bettenhaus gesetzt werden, dazu rosa Ziertabak, tiefroter Salbei, gelbe Löwenmäulchen, lila Astern, orange Studentenblumen, rosa Zinnien, bunte Mittagsblumen. Kübel mit Wasser stehen bereit, dazu kleine Schaufeln, Harken, Rechen.

Marlit Bromm gibt einen Plan in die Runde. Darauf hat sie eingezeichnet, was wo gepflanzt werden soll. Die meisten Patienten werfen einen kurzen Blick darauf und reichen ihn schnell weiter. Herr K. wartet nicht lange. Er schnappt sich den Korb mit den Cannas und läuft sofort von der Terrasse ans Beet. Frau Z. und Frau M. bleiben hingegen sitzen und holen erst mal alle Jungpflanzen aus den Plastikpaletten, damit Bromm diese auf dem Beet verteilen kann. Dort hat Herr K. schon den großen Spaten angesetzt und gräbt in der hintersten Reihe die Erde auf. Eine ältere Dame mit schwarzem T-Shirt holt sich einen Stuhl, setzt sich an den Beet-Rand und schaut den anderen Patienten zu.

"In der Gartentherapie muss man nicht groß erklären. Die älteren Patienten wissen, wie man Pflanzen setzt", sagt Marlit Bromm, deren erste Ausbildung eine Gärtnerlehre war. In diversen privaten Gärten sowie in großen Anlagen wie etwa der Humboldt-Universität in Berlin hat sie Berufserfahrung gesammelt. Danach folgten das Studium der Landespflege sowie Arbeiten im Garten- und Landschaftsbau. Von 2008 bis 2010 ließ sie sich zur Gartentherapeutin ausbilden.

Frau Z. und Frau M. stehen mittlerweile mitten im Beet, bücken sich mit einem Schäufelchen in der Hand tief hinunter und stechen in die Erde, um kleine Pflanzlöcher auszuheben. Sie setzen Aster um Aster, wirken bald wie versunken in die Arbeit. Herr K. drückt seine achte Canna in die Erde. Er hat in einem ungeheuren Tempo die Erde aufgebrochen, die Pflanze aufgestellt und dann schnell mit den Händen die Erde aufgehäufelt. Als das letzte Blumenrohr gesetzt ist, richtet er sich unvermittelt auf und schreitet schnell weg von den anderen Patienten in den weiten Klinikgarten.

Bromm beobachtet ihre Patienten und spricht sie immer wieder an. "Die Gartenarbeit", sagt sie, "hilft ihnen dabei, gedanklich nicht andauernd um die eigene Erkrankung zu kreisen." Jeder Patient sei frei, sich nur auf das einzulassen, was ihm guttue. Herr K. habe beispielsweise einen unglaublichen Tatendrang und steige schnell in die Arbeit ein, andere wie Frau Z. und Frau M. sind ausdauernd und konzentriert dabei. "Für alle sichtbar aber ist Tage später noch, was sie in diesen Nachmittagsstunden gemacht haben", sagt Bromm.

In einer Gartentherapie-Ausbildung werden das Wissen um die Pflanzen und die Gartengestaltung mit therapeutischen und medizinischem Kenntnissen zusammengeführt. So lernen die Teilnehmer beispielsweise, wie die Sinnesorgane funktionieren, vertiefen sich in die Ernährungsmedizin und erstellen erste Therapiepläne. Je nach Termingestaltung dauert die Ausbildung ein bis zwei Jahre. Neben den Therapiestunden am KEH arbeitet Bromm auch in Seniorenheimen und unterrichtet an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule als Gastdozentin.

Im Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) findet sich die Gartentherapie nicht, wohl aber ist sie als Leistung der medizinischen Rehabilitation als Sonderform der Ergotherapie abrechenbar.

An einem Akuthaus wie dem KEH müssen sie daher aus dem engen Klinik-Etat herausgeschnitzt werden. Das sei es allemal wert, sagt Kratz. Im Unterschied zu anderen Formen der Ergotherapie sei die Gartentherapie "ausgeprägt emotionaler". Gerade Demenzpatienten könnten so erreicht werden. Ihnen helfe es, bei der Gartenarbeit angestaute Aggressionen abzubauen und ihre innere Unruhe zu mildern. "Die Patienten können selbst aktiv werden und bauen ihr Selbstwertgefühl wieder auf", sagt Kratz. Auch für die Abteilung zahle sich dies aus: Die Gartentherapie trage auch dazu bei, dass sich die Zahl der Medikamente verringere, die Liegedauer verkürze und zugleich die Lebensqualität der Patienten deutlich steige.

Ein Korb voller Pflanzen fürs Beet

© Susanne Werner

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