Ärzte Zeitung online, 25.08.2017
 

50 Jahre Marburg-Virus

Die mysteriöse "Affenseuche"

Eine rätselhafte Krankheit versetzte die Universitätsstadt Marburg vor 50 Jahren in einen Ausnahmezustand. Insgesamt 31 Menschen erkrankten im Spätsommer 1967 an schweren inneren Blutungen, sieben starben. Die Stadt war in Panik.

Von Gesa Coordes

Die mysteriöse "Affenseuche"

Grüne Meerkatzen aus Uganda galten lange als Wirtstiere des Marburg-Virus. Erst vor gut zehn Jahren wurde klar, dass sie lediglich Zwischenwirte waren.

© M. Woike / dpa

Gegen das Marburg-Virus gibt es allerdings bis heute keine Medikamente. Dabei führt die Krankheit in Afrika in bis zu 90 Prozent der Fälle zum Tod. "Dagegen hilft bislang nur sehr gute Intensivtherapie mit Infusionen und Bluttransfusionen", sagt Becker. Es gibt zwar einen Impfstoff, doch dieser konnte bislang nur an Mäusen und Affen getestet werden.

Als die Mitarbeiter der Marburger Behringwerke am 14. August 1967 zur Arbeit gingen, ahnte noch niemand, welche Dramen sich in den kommenden Wochen hier abspielen würden. Auch Friederike Moos, damals 19-jährige Auszubildende, plauderte ahnungslos mit einem Tierpfleger, der kaum länger bei dem größten Industrieunternehmen Marburgs arbeitete als sie selbst.

Beiläufig erzählte er, dass es ihm nicht gut gehe. Er habe Kopfschmerzen und sei irgendwie erschöpft, ohne sich das recht erklären zu können.

Am Tag darauf fehlten bereits drei Tierpfleger, alles junge Männer, die in der Affenhaltung arbeiteten. Innerhalb weniger Tage erkrankten weitere Mitarbeiter mit dramatischen Krankheitssymptomen: Nach den ersten grippeähnlichen Anzeichen, Kopfschmerzen und Durchfall rangen die Patienten mit sehr hohem Fieber, Lungenentzündungen, großen Schmerzen und Hautausschlägen.

Fast alle Organe – vor allem Leber und Gehirn – wurden angegriffen. Diagnostiziert wurde ein hämorrhagisches Fieber, bei dem sich Blutgefäße und Gewebe buchstäblich auflösen. Der Erreger war jedoch völlig unbekannt.

Boulevardmedien verbreiten Panik

Im Universitätsklinikum wurde eine Isolierstation eingerichtet. Die Angehörigen durften sich aber nur von der Balkongalerie aus durch die geschlossenen Fenster mit den Kranken verständigen – und auch das nicht immer.

In Marburg erkrankten 23 Patienten, darunter eine Ärztin und eine Krankenschwester. Und in der Nacht zum 24. August 1967 starben die ersten Mitarbeiter – ein Tierpfleger und ein Mitarbeiter des Gerinnungslabors. Fünf weitere Todesfälle in Marburg und Frankfurt sollten folgen.

Boulevardmedien verbreiteten mit Nachrichten von der "Marburger Affenseuche" Panik. Zunächst erkrankten nämlich nur Beschäftigte der Behringwerke, die Kontakt mit Blut oder Organen von Grünen Meerkatzen aus Uganda gehabt hatten.

Das galt auch für zwei weitere Patienten in Belgrad und vier Infizierte im Paul-Ehrlich-Institut, die Affen aus dem gleichen Transport erhalten hatten. Insgesamt erkrankten in Frankfurt sechs Menschen, von denen zwei starben. Der Erreger übertrug sich offenbar über Blut und Schleimhäute.

Gezielt Gerüchte gestreut

Allein 1967 benötigten die Marburger Behringwerke 3606 Affen. Man war auf ihre Nieren angewiesen, um aus ihnen Impfstoffe gegen Kinderlähmung und Masern herzustellen. Kurz nach den ersten Krankheitsfällen wurde die Produktion der beiden Vakzine gestoppt. Die 500 Affen, die zu diesem Zeitpunkt in den Ställen der Behringwerke lebten, wurden getötet.

Das Gesundheitsamt schickte so genannte "Verweser" in die Haushalte der Kranken, die komplett desinfiziert wurden. Trotzdem gab es Anfragen aus ganz Deutschland, ob man noch unbeschadet nach Marburg reisen könne. "Um die Häuser der Erkrankten wurden weite Bögen geschlagen", erinnert sich der emeritierte Marburger Virologieprofessor Werner Slenczka (82).

Es sei sogar gezielt das Gerücht gestreut worden, dass die Behringwerke mit biologischen Waffen experimentieren würden. "Das war natürlich Unsinn", sagt der Wissenschaftler.

Vor 50 Jahren gehörte er zu einem Forscherteam, das in den Wochen nach dem Ausbruch fieberhaft nach dem rätselhaften Erreger suchte. Sämtliche bis dahin bekannten Viren wurden ausgeschlossen.

Experimentiert wurde unter Bedingungen, die angesichts des heutigen Hochsicherheitslabors unvorstellbar sind: "Ich arbeitete ohne Handschuhe und Mundschutz einfach auf dem Tisch. Wir haben Glück gehabt, dass nichts passiert ist", sagt Slenczka, der als Entdecker des Virus gilt.

Virus nach drei Monaten isoliert

In der Rekordzeit von nur drei Monaten isolierte er den unbekannten Erreger. Man taufte ihn nach dem Ort seiner ersten Entdeckung "Marburg-Virus". In Leber und Milz von Meerschweinchen, denen Patientenblut übertragen wurde, wiesen die Mediziner die Spur des gefährlichen Erregers nach.

Neun Jahre nach dem MarburgVirus-Ausbruch kam es zu ähnlichen Erkrankungen in Afrika. Man isolierte Erreger, die im Elektronenmikroskop wie das Marburg-Virus aussahen. Es handelte sich aber um Ebola, dessen Krankheitsbild fast identisch mit dem des Marburg-Virus ist, jedoch größere Ausbrüche verursacht

 Bei der letzten großen Epidemie, die 2014 in Westafrika grassierte, starben mehr als 11.000 Menschen. Ganze Länder wurden dadurch destabilisiert. Erst 2016 wurde die Epidemie von der Weltgesundheitsorganisation für beendet erklärt. Trotzdem gibt es vereinzelt neue Ausbrüche und Verdachtsfälle wie zuletzt im Mai im Kongo.

Affen zu Unrecht beschuldigt

Auch Ausbrüche des Marburg-Virus gab es immer wieder. 1999 forderte die Krankheit 136 Todesopfer im Kongo, 2005 starben in Angola mehr als 300 Menschen, auch in Uganda ließ das Virus Menschen innerlich verbluten.

Erst rund 40 Jahre nach dem ersten Auftreten des Marburg-Virus wurde das Wirtstier der vermeintlichen "Affenseuche" gefunden. Es handelt sich um den Nilflughund, eine Fledermausart. Entdeckt wurde dies bei der Marburg-Virus-Epidemie in einer Goldmine im Kongo, in der zahlreiche Flughunde leben.

Forscher fanden heraus: Für die Fledermäuse ist das Virus offenbar ungefährlich, geht jedoch über Affen als Zwischenwirte immer wieder auf Menschen über.

Die Struktur des Marburg-Virus ist bis heute auf der Fassade des Hochsicherheitslabors zu sehen: Ein fadenförmiges Gebilde, das sich auch zu Kringeln, Angelhaken und der Ziffer 6 krümmen kann. Es erinnert an eine einprägsame Phase in der Stadtgeschichte – und der Wissenschaft.

"Dramatischer Einschnitt für die Stadt"

Von seinem Schreibtisch aus schaut auch der heutige Leiter des Instituts für Virologie, Professor Stephan Becker, auf ein Foto des Marburg-Virus. "Das war ein dramatischer Einschnitt für die Stadt", sagt der Virologe. Seit rund 30 Jahren forscht er am Marburg-Virus, aber auch an Ebola, Lassa, Sars und anderen hochgefährlichen Viren.

Die Wissenschaft der Universitätsstadt hat durchaus von dem Ausbruch profitiert. Seit 2007 steht ein Hochsicherheitslabor der Stufe 4 auf den Marburger Lahnbergen. Vergleichbare Einrichtungen gab es damals nur in Stockholm, London und Lyon. In dem fast luftdicht von der Außenwelt abgeschotteten Labor haben nur 20 Wissenschaftler Zutritt.

Bei knapp 200 Minusgraden werden hier die gefährlichsten Viren der Welt aufgewahrt. Jedes Mal, wenn irgendwo in Deutschland der Verdacht aus Ebola-, Lassa- oder Marburg-Viren besteht, machen die Wissenschaftler Überstunden.

Gegen das Marburg-Virus gibt es allerdings bis heute keine Medikamente. Dabei führt die Krankheit in Afrika in bis zu 90 Prozent der Fälle zum Tod. "Dagegen hilft bislang nur sehr gute Intensivtherapie mit Infusionen und Bluttransfusionen", sagt Becker. Es gibt zwar einen Impfstoff, doch dieser konnte bislang nur an Mäusen und Affen getestet werden.

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