Ärzte Zeitung online, 24.08.2017
 

Fakt oder Mythos

Sex-Studie klärt Deutschland auf

Wie viele Deutsche verwenden ein Kondom, haben Männer oder Frauen mehr Sexpartner? Eine Studie liefert nun Fakten zum deutschen Sexleben und medizinischen Implikationen.

Sex-Studie klärt Deutschland auf

Let's talk about Sex: Eine neue Studie hat sich diesem Thema auch vor einem medizinischen Hintergrund gewidmet.

© Tony Bowler / stock.adobe.com

BRAUNSCHWEIG. Männer in Deutschland haben nach eigenen Angaben im Leben im Schnitt schon mit zehn Partnerinnen geschlafen – Frauen aber nur mit fünf Partnern. So lautet ein Ergebnis einer repräsentativen Studie zum Sexualverhalten in Deutschland, die im "Deutschen Ärzteblatt" veröffentlicht wurde. 2524 Menschen ab 14 Jahren wurden per Fragebogen befragt.

Auch wenn Männer sich wohl eher gerne als Verführer begreifen und Frauen als schwer zu erobern, so scheint das Verhältnis erstaunlich hoch und ist statistisch kaum zu erklären.

Neu sind diese Unterschiede nicht: Solche Diskrepanzen hätten sich in der bisherigen Sexualforschung auch schon ergeben, schreiben die Forscher um die Erstautorin Julia Haversath von der Technischen Universität Braunschweig. Beteiligt waren auch Psychologen aus Hildesheim, Jena und Hannover.

Beim Antworten schummelten die Befragten vermutlich, meinen die Psychologen: Sie sprechen wissenschaftlich von "selbstwertdienlichen Verzerrungen und geschlechtsspezifischem Antwortverhalten" als Erklärungen.

Selbstinszenierung der Männer

Arne Dekker vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), der nicht an der Studie beteiligt war, hat eine ähnliche Erklärung: "Sie inszenieren damit auch ihre Geschlechterrollen", sagt er.

Manche Männer glauben, es sei attraktiv und gesellschaftlich anerkannt, viele Sexpartner zu haben, bei Frauen sei oft das Gegenteil der Fall. Trotzdem überrascht Dekker die Diskrepanz: "Man würde ja denken, es sollte irgendwie aufgehen."

Einer der statistischen Faktoren könnte sein, dass acht Prozent der befragten Männer schon zu Prostituierten gegangen sind. Diese Gruppe hatte im Mittel mit vier Prostituierten sexuellen Kontakt. Die Forscher fragten zudem nicht, ob die Teilnehmer Sex im Ausland hatten.

Weitere Erkenntnisse: Die meisten Menschen haben Erfahrungen mit Vaginalverkehr gemacht: 88 Prozent der Männer und 89 Prozent der Frauen hatten schon solchen Sex. Oral befriedigt wurden schon einmal 56 Prozent der Männer und 48 Prozent der Frauen.

Über 8 von 10 sehen sich als heterosexuell

Die große Mehrheit der Männer (86 Prozent) und Frauen (82 Prozent) gaben an, heterosexuell zu sein. 5 Prozent der Männer und 8 Prozent der Frauen hatten schon einmal gleichgeschlechtliche Kontakte. Jeweils ein Prozent gab an, rein homosexuell zu sein. Einige machten keine Angaben oder gaben an, dass keine dieser Kategorien zutreffe.

Und wie halten es die Menschen in Deutschland mit der Treue? Auch hier gibt es Unterschiede zwischen Mann und Frau: Eigenen Angaben nach ist rund jeder fünfte Mann (21 Prozent) in einer Partnerschaft schon einmal fremdgegangen. Bei den Frauen betrug der Anteil 15 Prozent.

Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) hatte einen festen Partner. 76 Prozent verhüten in ihrer Beziehung nie mit Kondomen. In etwa jede zweite Frau (51 Prozent), die 50 Jahre oder jünger ist, nimmt die Pille oder ähnliche orale Verhütungsmittel. 5 Prozent verzichten auf Verhütung, weil sie einen Kinderwunsch haben.

Verdienstvolle Ergänzung zur Studienlandschaft?

Nach Angaben der Autoren fehlen in Deutschland bevölkerungsbasierte Daten zur Häufigkeit von verschiedenen sexuellen Verhaltensweisen. Die aber seien wichtig, "besonders in Bezug auf die Prävention und Behandlung sexuell übertragbarer Infektionen".

Das sieht der Hamburger Forscher Dekker ähnlich. Er wertet die Studie als "kleine, verdienstvolle Ergänzung, die erstmals repräsentative Angaben zum Sexualleben der Gesamtbevölkerung macht". Aber Rückschlüsse auf die Verbindungen von Sexualverhalten und medizinischen Fragen erlaube sie kaum. Dafür seien die Daten nicht kleinteilig genug.

Hierfür bräuchte es stattdessen "große Bevölkerungsstudien" zum Sexualverhalten, wie es sie in anderen europäischen Ländern gebe, sagt Dekker.

Forscher warnen Hochrisikogruppe

Sorgen machte den Forschern eine kleine Gruppe der Befragten (2,5 Prozent): Sie gaben an, während ihrer aktuellen Beziehung sexuelle Außenkontakte gehabt zu haben und das auch schon ohne Kondom.

Für die Forscher gehören die Menschen zu einer Hochrisikogruppe, weil sie einer höheren Gefahr ausgesetzt sind, an einer sexuell übertragbaren Infektion wie HIV, Gonorrhö oder Syphilis zu erkranken. Jene Personen hatten außerdem dreimal so viele Sexpartner wie der Durchschnitt: Männer 38, Frauen 17.

Generell empfehlen die Autoren der Studie dringend: Wer bei wechselnden Sexpartnern nicht ständig Kondome benutzt, sollte sich regelmäßig sexualmedizinisch untersuchen lassen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wie Grippeviren ihr Erbgut steuern

Forscher haben nachgewiesen, wie Gene von Influenza-A-Viren an- und abgeschaltet werden. Die Erkenntnisse sollen die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben. mehr »

Mehr Transparenz soll die Wogen der SPRINT-Studie glätten

Der Streit um die SPRINT-Studie hält an. Im Fokus steht die genutzte Methode der Praxisblutdruckmessung, um die sich Gerüchte rankten. Jetzt hat die SPRINT-Gruppe für mehr Transparenz gesorgt. mehr »

Vorsorge für den Brexit – Ansturm auf das Aufenthalts-Zertifikat

Viele Gesundheitsfachkräfte aus EU-Ländern haben Großbritannien schon verlassen. Diejenigen, die bleiben wollen, versuchen nun, das "Settled-Status"-Zertifikat zu erlangen. mehr »