Ärzte Zeitung online, 29.09.2017
 

Gewalt in Familien

Söhne werden Beschützer ihrer Mütter

Kinder sind immer betroffen von häuslicher Gewalt. Auch wenn sie gar nicht die direkten Opfer sind. Experten fordern mehr Aufmerksamkeit für diesen fatalen Zusammenhang.

Von Angela Mißlbeck

"Was die Mama an Schlägen bekam, spürte ich im Bauch", sagt die zwölfjährige Amela. Mit diesem Beispiel bringt Professor Barbara Kavemann, Sozialwissenschaftlerin mit einschlägiger Erfahrung im Kinder- und Gewaltschutz, ihre Erkenntnisse auf den Punkt: Gewalt in der Familie geht an Kindern nicht spurlos vorbei, auch wenn sie sich nicht unmittelbar gegen sie richtet. Welche Folgen es haben kann, wenn Kinder häusliche Gewalt miterleben, hat die mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Expertin unter anderem in Frauenhäusern und Jugendhilfeeinrichtungen untersucht.

Söhne werden zu Beschützern

Albträume, Angst vor dem Täter und Angst um das Opfer plagen Kinder aus Familien mit häuslicher Gewalt demnach oft. Die Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung seien nicht zu unterschätzen, so Kavemann. Die Kinder schonen ihre Mütter, die Mütter haben keine Ressourcen für die Bedürftigkeit ihrer Kinder, Söhne übernehmen oft die Rolle des Beschützers, Töchter werden zur Besänftigung eingesetzt. Auch Bindungsstörungen beobachtet die Expertin bei Kindern von Müttern aus Frauenhäusern sehr häufig. Die – mitunter lang anhaltenden – Folgen sind Kavemann zufolge Belastungen der körperlichen und seelischen Gesundheit, Beeinträchtigungen der intellektuellen Entwicklung und Probleme im sozialen Miteinander.

Oft leiden betroffene Kinder an Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten, oder es fehlen ihnen die Konfliktlösungsmuster, so dass es zu Problemen im Umgang mit Gleichaltrigen kommt. Manchmal passiert auch beides. Und manchmal keines von beiden. "Ich bin ganz erstaunt, wie viele Kinder trotz dieser Erfahrungen ein gutes Leben führen können", sagt Kavemann. Bei weitem nicht alle Kinder seien traumatisiert. Viele hätten eine große Resilienz.

Dennoch warnt die Forscherin, dass betroffene Kinder ein hohes Risiko haben, das Verhalten der Eltern zu wiederholen und selbst Gewalt in der Beziehung zu akzeptieren. Kavemann verweist auf eine laufende Studie mit Mädchen im Jugendhilfesystem: "Fast alle haben häusliche Gewalt erlebt und sind Gewalt in Beziehungen ausgesetzt."

Appell an Ärzte und Sozialarbeiter

Die Wissenschaftlerin fordert deshalb mehr Aufmerksamkeit für die Zusammenhänge zwischen häuslicher Gewalt und Gewalt gegen Kinder. Sie appelliert an Ärzte und Sozialarbeiter: "Wenn wir Gewalt gegen Kinder haben, schaut: Wie ist es zwischen den Eltern? Wenn wir Gewalt in der Beziehung haben, schaut: Wie geht es den Kindern?"

In den gängigen Hilfesystemen ist das jedoch mitunter gar nicht möglich. Viele richten sich entweder an Frauen oder an Kinder, nur wenige stehen beiden Gruppen offen. "Wir haben richtige Versorgungslücken für Gewaltbetroffene und ihre Kinder", stellt Kavemann fest.

Das unterstreicht auch Marion Winterholler von der Koordinierungsstelle des medizinischen Gewaltschutzprojektes Signal e.V. in Berlin.

Der Verein fordert, dass es einen Versorgungsauftrag für Betroffene häuslicher Gewalt im Landeskrankenhausgesetz gibt. "Mehr als andere Hilfesysteme werden medizinische Einrichtungen aufgesucht", sagt Winterholler.

Signal schult seit 18 Jahren Mitarbeiter in den Notaufnahmen der Krankenhäuser und Ärzte im Umgang mit Patienten, die nach Gewalterfahrungen medizinische Hilfe suchen. "Unser Anliegen ist, dass die Interventionsschritte einfach überall bekannt sind", sagt Winterholler. Für Ärzte gehöre das Thema in die Aus-, Fort-, Weiterbildung.

Kindeswohl gefährdet

Die Zahlen, die Signal präsentiert, unterstreichen die Dringlichkeit dieses Anliegens: Jede vierte Frau in Deutschland berichte über mindestens eine Erfahrung körperlicher oder sexueller Gewalt. 30 Prozent geben Winterholler zufolge an, dass die Gewalt in der Schwangerschaft oder mit der Geburt des Kindes begann. Für Winterholler steht fest: "Häusliche Gewalt gefährdet immer das Kindeswohl." Deshalb müssten beide Themen auch in den Hilfesystemen miteinander verbunden werden, fordert sie.

Weitere Informationen:

www.signal-intervention.de

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