Ärzte Zeitung online, 29.10.2017
 

Verschiedene Facetten

Das Gesicht – und was dahinter steckt

Das menschliche Gesicht zeigt häufig auf den ersten Blick, woher wir stammen, wie wir leben und wie viel Zeit wir in die Körperpflege investieren. Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden widmet dem Antlitz nun eine Ausstellung – und bezieht auch plastische Chirurgie ein.

Von Sven Eichstädt

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Plastik eines Charakterkopfs: Geruch, der zum Niesen reizt.

© Galérie mesta Bratislavy

Diese Ausstellung berührt. Gleich zu Beginn der Sonderausstellung "Das Gesicht" im Deutschen Hygiene-Museum Dresden wird der Blick der Besucher auf Berührungen gelenkt. Im Film "Touch" von Asta Gröting von 2015 ist zu sehen, wie die in Berlin lebende Künstlerin die Gesichter von neun Freunden, Kollegen oder Familienmitgliedern anfasst und sie dabei im wörtlichen Sinn berührt.

Für diese Berührungen nimmt sie sich Zeit und untersucht die Gesichter sehr genau mit ihren Händen. "Gewöhnlich wird dieser sensible Teil des Körpers nicht berührt, sondern distanziert betrachtet", sagt die Kuratorin der Ausstellung, Kathrin Meyer. "Nähe entsteht über Blickkontakt."

Im Gesicht zeigt sich das Leben

Rund 150 Bilder und Objekte werden präsentiert, die meisten davon stammen aus den vergangenen 200 Jahren. "Das eigene Gesicht macht Arbeit", sagt Kuratorin Meyer. "Es soll einen guten Eindruck hinterlassen, also wird es eingecremt, rasiert, geschminkt, möglicherweise auch operiert."

Dabei weist die Kuratorin darauf hin, dass in vielen Fällen "ein individuelles Gesicht das Produkt medizinischer und kosmetischer Arbeitsschritte ist, deren Ausführung und Wahrnehmung kulturell bedingt und veränderlich ist".

Albert Schweitzer wird der Satz zugeschrieben, dass "mit 20 Jahren jeder das Gesicht hat, das Gott ihm gegeben hat, mit 40 das Gesicht, das ihm das Leben gegeben hat, und mit 60 das Gesicht, das er verdient".

Einen Teil der Schau beherrschen Exponate zur Physiognomik, also dem Versuch, aus dem Gesicht auf den Charakter eines Menschen zu schließen. Im 18. Jahrhundert versuchte dies etwa Johann Caspar Lavater, im 20. Jahrhundert die Nationalsozialisten.

Ein weiterer Aspekt der Gestaltung des Gesichtes wird im Anschluss beleuchtet: die plastische Chirurgie. "Die Leute dekorieren alle paar Jahre ihr Wohnzimmer um, und ich finde, eine Gesichtsoperation ist nichts anderes", sagte etwa der mittlerweile verstorbene Pop-Sänger Pete Burns im Jahr 2011, der zahlreiche Gesichtsoperationen hinter sich hatte. "Mein Gesicht zu verändern ist wie ein neues Sofa kaufen."

Burns hoffte, dass "Gott mich erkennt, wenn ich 80 bin und in den Himmel komme". Allerdings starb er 2016 im Alter von 57 Jahren an Herzversagen. Der Tod war vermutlich zumindest mitverursacht dadurch, dass er jahrzehntelang Medikamente nahm.

Freizügig kreativ

Ermöglicht wurde ein solch "freizügig kreativer Umgang mit dem eigenen Gesicht", wie Burns ihn betrieb und wie die Kulturwissenschaftlerin Uta Kornmeier es formuliert, durch zwei Fortschritte der Medizin im 19. Jahrhundert: Die Ausschaltung von Schmerz und Bewusstsein während der Operation durch die Anästhesie in den 1840er Jahren und die Kontrolle von Infektionen durch die Antisepsis in den 1860er Jahren.

Eine weitere wichtige Entwicklung vollzog sich am Anfang des 20. Jahrhunderts, als 1904 der Berliner Chirurg Jacques Joseph Korrekturen der Nasenform vornahm, bei denen keine äußeren Narben zurückblieben, da nur innerhalb der Nase operiert wurde.

Während des Ersten Weltkriegs leitete Joseph die neue Abteilung für Gesichtsplastik an der Berliner Charité, an der er Soldaten behandelte, die verheerende Schussverletzungen an Kopf, Kiefer und Gesicht überlebt hatten. "Für die Betroffenen war es unerträglich, ihr Gesicht verloren zu haben und zum Schrecken ihrer Mitmenschen geworden zu sein", sagt Kornmeier, "viele litten unter Depressionen und Ängsten".

Depressionen und Ängste spielten auch an anderer Stelle eine Rolle: Mit dem Aufstieg der plastischen Chirurgie, bei der es bei weitem nicht nur um die Behandlung von Kriegsverletzungen ging, veränderte sich auch der Begriff von Krankheit, woran Kornmeier erinnert: "Er wurde um die Kategorie der psychischen Leiden an physischen Zuständen erweitert." Pete Burns, der Popkünstler, meinte 2010: "Ich bin meine eigene Tonerde, die ich immer ummodelliere."

Die Schau wäre nicht vollständig ohne Bilder zur alltäglichen Gesichtskosmetik wie Schminken und Rasieren: Der tägliche Blick in den Spiegel. "Ein Kind ist oft ab einem Alter von 18 Monaten fähig, sein Bild im Spiegel als eigenes Spiegelbild zu erkennen und es selbstbezüglich zu gebrauchen", sagt der Soziologe Rolf Haubl. "In den Monaten zuvor erkennt es sich nicht, hält sein Spiegelbild gar für einen Spielkameraden."

Nun ist es allerdings so, dass nicht nur Menschen sich selbst im Spiegel erkennen. Schimpansen gelingt dies auch und zwar dann, wenn sie über ausreichende soziale Erfahrungen mit ihren Artgenossen verfügen. "Erst der Umgang mit anderen ermöglicht es, das Spiegelbild zum Selbstbild zu machen", sagt Haubl. "Dies trifft auch und umso mehr auf Menschen zu."

Mienenspiel oder Pokerface?

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Ein Computer erkennt Geschlecht, Alter und auch Gemütszustand mit einem Blick durch die Kamera.

© Oliver Killig, Hygiene Museum Dresden

Beim Blick in den Spiegel kann man auch Grimassen schneiden, womit der Übergang zum zweiten Ausstellungsabschnitt genommen wäre, der Mimik und dem Ausdruck. "Wenn man sich von Angesicht zu Angesicht begegnet, achtet man – bewusst oder unbewusst – auf mimische Ausdrücke", sagt Kuratorin Meyer, "spiegelt oder kommentiert sie mehr oder weniger willkürlich mit dem eigenen Mienenspiel, oder man bemüht sich, ein Pokerface zu wahren".

Besonders wichtig ist der mimische Austausch zwischen Eltern und ihren Kindern: "Während der ersten beiden Lebensjahre bildet die Interaktion von Angesicht zu Angesicht die Grundlage nicht nur für das Erlernen der mimischen Sprache, sondern für die Entwicklung des Kindes zu einem emotionalen, empathiefähigen Wesen überhaupt", sagt Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel. Erhalten Kinder eine zu geringe affektive Resonanz, "kann dies zu psychischen Störungen führen", wie Weigel sagt, "von emotionaler Unsicherheit bis zum Autismus".

Sie weist darauf hin, dass die Mimik von Schauspielern älter ist als das Konzept, das in der Mimik den Ausdruck bestimmter Gefühle sieht. "Die Herkunft der Mimik aus dem Schauspiel wirkt aber fort bis in die wissenschaftlichen Bemühungen, ihrer habhaft zu werden", ergänzt Weigel, "als Verdacht, dass im Gegenüber ein Schauspieler steckt, der uns Gefühle vorgaukelt".

In einer weiteren Abteilung der Schau, "Punkt-Punkt-Komma-Strich" überschrieben, geht es um das Erkennen von Gesichtern: bei Passfotos, Fahndungsfotos und auch bei der Gesichtserkennung durch Kameras und Software. "Die Entwicklung der Passfotografie zeigt, dass ihre Ausschlussprinzipien immer kategorischer wurden und zunehmend Persönlichkeitsrechte tangieren", sagt die Literaturwissenschaftlerin Mona Körte.

Körte weiter: "Ob analog oder digital, im Modus der Atelierfotografie oder streng biometrisch, die Richtlinien zielen auf die regelhafte Abschaffung alles Privaten und Zufälligen." So war bis 2010 "immerhin auch das Ohr ein Identifikationsmerkmal" und die Darstellung im Halbprofil noch erlaubt. Außerdem würden beim Passfoto "die unendlichen Möglichkeiten der Gesichtsdarstellung auf einen endlichen, für zehn Jahre gültigen Zustand verpflichtet", ergänzt Körte.

Identifizierbare Merkmale

Mit dem Fahndungsfoto wiederum "verändert sich nicht nur der Status des Gesichts, sondern auch der seiner Bilder", wie der Medienwissenschaftler Ulrich Richtmeyer sagt.

"Wurde in den physiognomischen Studien vom Ausgang des 18. Jahrhunderts noch direkt auf den Charakter einer Person geschlossen, so präsentiert das Fahndungsfoto die Gesichtszüge unter dem Anspruch der Identifizierbarkeit."

Die digitale Überwachungstechnik registriert laut Richtmeyer Gesichter "beiläufig": "Hierfür ist keine besondere Situation wie die klassische erkennungsdienstliche Behandlung notwendig, ihre Anfertigung geschieht ohne einen kriminellen Anlass."

In der Ausstellung erfahren die Besucher die Möglichkeiten der Gesichtserkennung am eigenen Leib: Zu Beginn der Schau werden sie von einer Kamera aufgenommen, die Software schätzt Alter, Geschlecht und den Gemütszustand – und das ziemlich präzise.

Im dritten Teil der Ausstellung fotografiert eine weitere Kamera die Gesichter abermals, sucht automatisch das Foto, das zu Beginn gemacht wurde, heraus und zeigt beide Aufnahmen nebeneinander.

Als letzter Raum der Ausstellung schließt der Abschnitt "Das Gesicht als Bildnis" an. "Erst mit der Fotografie wurde das Porträt für jedermann möglich", sagt Kuratorin Kathrin Meyer. "Mithilfe digitaler Medien werden so schnell wie nie zuvor und so viele Images wie nie zuvor produziert, verschickt und vergessen.

Ein Gesicht hat gegenwärtig nicht nur viele, sondern potenziell unzählige Gesichter." So können Besucher denn auch Selfies zur Ausstellung schicken und damit Teil der Schau werden – und Jahreskarten für das Museum gewinnen.

Die Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden läuft noch bis zum 25. Februar 2018.

Lesen Sie dazu auch das Interview:
Die Mimik als Schlüssel einsetzen!

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