Ärzte Zeitung online, 26.10.2017

Ernährung

Kein Schnitt in Sicht – Bio-Boom in Deutschland ungebrochen

Für Marktforscher ist Bio "der erfolgreichste Trend überhaupt". Fast 10 Milliarden Euro gaben Deutsche im vergangenen Jahr für ungespritztes Obst und Biofleisch aus. Und das Wachstum hält an – gerade auch in Zeiten von regelmäßigen Lebensmittel-Skandalen.

Von Erich Reimann

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Egal ob Biofleisch, ungespritztes Obst und Gemüse oder Bio-Eier – es gibt kaum Warengruppen, bei denen kein Umsatzplus zu verzeichnen ist.

DÜSSELDORF. Die deutschen Verbraucher greifen immer öfter zu Bioprodukten. Nach einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat sich der Bioanteil beim Lebensmittel- und Getränkeeinkauf in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt – von knapp drei auf fast sechs Prozent. Bio sei im Konsumgüterbereich "der erfolgreichste Trend überhaupt", urteilen die Marktforscher.

Egal ob es um Biofleisch, ungespritztes Obst und Gemüse oder Bio-Eier geht, die Nachfrage steigt. Nach Berechnungen des Arbeitskreises Biomarkt kauften die Deutschen im vergangenen Jahr für 9,48 Milliarden Euro Bio-Lebensmittel und -Getränke. Das bedeute eine Steigerung von rund zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. "Es gab kaum Warengruppen, bei denen kein Umsatzplus zu verzeichnen war", beobachtet der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

An den Grenzen des Möglichen

In einigen Bereichen bringt das den Handel gelegentlich schon an die Grenzen seiner Möglichkeiten. So berichtet Dirk Heim, Bereichsleiter Nachhaltigkeit beim Handelsriesen Rewe: "Seit zwei Jahren beobachten wir enorme Zuwachsraten im Bereich Biofleisch. Die Nachfrage ist so groß, dass wir ab und zu den Bedarf gar nicht decken können." Rewe versucht inzwischen, durch langfristige Verträge mit strategischen Partnern eine ausreichende Versorgung mit Bioprodukten sicherzustellen. Aber wenn die Ernte so schlecht ausfalle, wie etwa in Deutschland in diesem Jahr bei den Äpfeln dann sei das "ein Riesenproblem". Rewe allein hat im vergangenen Jahr rund eine Milliarde Euro Umsatz mit Bioprodukten gemacht.

Die Zeiten, in denen umweltbewusste Verbraucher mühsam nach Bio-Produkten suchen mussten und nur in Naturkostläden fündig wurden, sind längst vorbei. Fast zwei Drittel der Umsätze mit Bio-Produkten werden inzwischen in Supermärkten, bei Discountern und in Drogeriemärkten gemacht – und ihr Anteil steigt.

Für Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Co. ist Bio gleich aus mehreren Gründen attraktiv. Zum einen, weil die Kasse klingelt: Bioprodukte sind nach Berechnungen der GfK im Durchschnitt um 64 Prozent teurer als konventionelle Produkte. Zum anderen wegen der Zielgruppen, die mit Bioprodukten erreicht werden: "Vor allem jüngere Leute und Familien mit Kindern, aber auch höhere Einkommensgruppen lassen sich damit ansprechen. All das sind interessante Zielgruppen", sagt Rewe-Manager Heim.

Kein Ende in Sicht

Eine Ende des Bio-Booms ist für den Chef des Bio-Labels Alnatura, Götz Rehn, denn auch nicht in Sicht. Er prognostizierte kürzlich im Gespräch mit dem Branchenfachblatt "Lebensmittel Zeitung": "Bio steht erst am Anfang."

Kein Wunder, kommt es doch auch in Deutschland regelmäßig zu Lebensmittelskandalen. Zuletzt sorgte der Fund des Insektengifts Fipronil in Eiern für Aufregung, betroffen waren jüngsten Angaben zufolge 45 Länder innerhalb und außerhalb der EU. Große Mengen von Eiern wurden aus dem Handel genommen und vernichtet. Pferdefleisch in der Lasagne, Mäusekot im Brotteig, Darmkeime an Sprossen: die Liste der schlagzeilenträchtigen Lebensmittelverunreinigungen ist lang. Das Prädikat "Bio" kann nicht vor allem schützen, doch das subjektive Sicherheitsempfinden beim Verbraucher ist dennoch höher.

"Ich denke, dass man vielleicht eine größere Zahl von Kontrollen hat im Bereich der ökologischen Produktion, dass aber Vorfälle auch bei Bio-Produkten nicht verhindert werden können", sagte Professor Michael Kühne von der niedersächsischen Kontrollbehörde Laves der Deutschen Presse-Agentur schon 2013 in Hannover.

Ob der Bio-Boom auf Dauer weitergehen werde, bezweifelt Rewe-Manager Heim. Wichtig würden in Zukunft auch Themen wie Regionalität, Fairness und Tierschutz. (dpa)

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