Ärzte Zeitung online, 16.06.2018

Notfall im Wasser

Welche Baderegel Humbug ist

Männer sind oft leichtsinnig, viele Kinder schwimmen nicht sicher und Senioren geht schnell die Kraft aus: Was das Ertrinken in der Badezeit anbelangt, sind viele Risiken, aber auch Mythen im Umlauf. Nicht jede Vorsichtsmaßnahme hält, was sie verspricht.

Von Fabian Nitschmann und Anne-Sophie Galli

Manche Baderegel ist ein Irrglaube

Daumen hoch: Dieser Jungspund hat Spaß im Nass.

© Natallia Vintsik / stock.adobe.com

BERLIN. Sommerzeit ist Badezeit. Doch jedes Jahr ertrinken in Deutschland Hunderte Menschen. Zur Vorsicht rät die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) – und sieht Gründe für Notfälle unter anderem in zu wenig Schwimmunterricht, Unbedarftheit und Übermut.

Wie viele Menschen sterben jährlich im Wasser?

2017 sind nach Angaben der DLRG 404 Menschen ertrunken. "Binnengewässer sind nach wie vor die Gefahrenquelle Nummer 1", sagt DLRG-Präsident Achim Haag. 329 Menschen verloren ihr Leben in Flüssen, Bächen, Seen und Kanälen. Nach Angaben der Gesellschaft waren drei von vier Opfern männlich. 756 Menschen wurden vor dem Tod in den Fluten gerettet.

Wann ertrinken die meisten Menschen?

Bei gutem Wetter gibt es mehr Badeunfälle. Im vergangenen Jahr ertranken die meisten Menschen im Juni (69), im Juli starben 55 Personen im Wasser. Im Jahr zuvor waren es jedoch insgesamt und auch in den Sommermonaten deutlich mehr (August 2016: 92). Die DLRG führt das auch auf das schlechtere Sommerwetter 2017 zurück. Im Winter gibt es deutlich weniger Fälle, aber auch im Januar und Februar ertranken jeweils 22 Menschen.

Was sind die Hauptgründe für diese Unglücke?

"Leichtsinn, Übermut und Unkenntnis über Gefahren spielen dabei eine große Rolle", sagt DLRG-Sprecher Achim Wiese zu der hohen Zahl männlicher Ertrunkener. Senioren gehe schnell die Kraft aus, Herzprobleme oder Diabetes seien ebenfalls oft ein Problem. Darüber hinaus sei die Schwimmfähigkeit insgesamt rückläufig.

Laut einer Eltern-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der DLRG kann mehr als die Hälfte der Grundschüler in Deutschland nicht richtig schwimmen. Ein Grund dafür sei, dass jede vierte Grundschule keinen Zugang zu Bädern habe. Unter 404 im Jahr 2017 ertrunkenen Menschen seien auch 23 Flüchtlinge. Die Retter führen diese tragischen Unglücke auch darauf zurück, dass viele Geflüchtete nie schwimmen gelernt hätten oder Warnschilder nicht lesen könnten.

Ist es wirklich gefährlich, mit vollem Magen ins Wasser zu gehen?

Wer hat diese Baderregel nicht schon mal gehört? Doch das Amerikanische Rote Kreuz fand in einer großen Überblicksanalyse bei Jugendlichen und Erwachsenen keinen lebensgefährlichen Einfluss eines vollen Magens. "Die Bewegungen fallen mit vollem Bauch aber schwerer", sagte DLRG-Sprecher Martin Holzhause.

Die DLRG warnt vor dem Gang ins Wasser mit ganz vollem Bauch insbesondere mit Blick auf Kinder. Sie übernähmen sich eher mal, ergänzte Holzhause. Wenn ihnen beim Baden oder Schwimmen übel wird, sie gar erbrechen und möglicherweise Wasser schlucken, könne es lebensgefährlich werden.

Die DLRG-Statistik

404 Menschen sind im Jahr 2017 in Deutschland ertrunken.

Nach Geschlechtern waren dies 310 Männer, 83 Frauen sowie elf Menschen ohne Angabe.

Spitzenmonate waren der Juni mit 69, der Juli mit 55 und der August mit 42 Ertrunkenen.

In Bayern ertranken mit 86 die meisten Menschen, gefolgt von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mit je 55 Opfern.

"Wir raten daher davon ab, dass Kinder direkt nach dem Essen ins Wasser gehen." Zudem sollten Kinder ohnehin beim Baden immer überwacht werden.

Ein leerer Magen könne dagegen wirklich bei jedem zum Problem werden, sagte sein Kollege Achim Wiese. Denn zum Schwimmen braucht der Körper viel Energie: In zehn Minuten wird ungefähr die Energie eines Apfels verbraucht.

Bleibt das Herz beim Sprung ins kalte Wasser stehen?

Bei warmem Wetter fließt Blut vermehrt in Arme und Beine. Bei einem Sprung in kaltes Wasser ziehen sich die Gefäße zusammen und pumpen das Blut auf einmal zum Herz.

"Dies belastet die rechte Herzkammer stark und kann bei Menschen mit unerkannten Herzerkrankungen – auch Kindern – zu Rhythmusstörungen führen", erklärt Martin Halle, ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München.

Außerdem werde ein Reflex ausgelöst, wenn kaltes Wasser auf das Gesicht trifft. "Herzfrequenz und Blutdruck sinken schnell und manchmal sehr stark." In den seltensten Fällen sei so ein Ereignis tödlich. Allerdings kann es im Wasser zum Verlust der Orientierung oder zu Bewusstlosigkeit kommen.

Im Notfall: Macht nasse Kleidung das Überleben schwerer?

Kleidung erhöht den Widerstand beim Schwimmen. Man braucht mehr Kraft und kommt langsamer voran. Dass nasse Kleidung im Wasser jedoch gefährlich nach unten zieht, ist ein Irrglaube.

Stattdessen könne sie sogar Auftrieb geben, schreiben Michael Tipton und Frank Golden in ihrem Fachbuch zum Überleben auf See.

Je nach eigener Bewegung kann für eine Zeit die Luft aus der Kleidung am Körper bleiben. Und die sorgt im Notfall für wichtige Wärme in kalten Gewässern.

Wieso ist es schwierig, einen Ertrinkenden zu retten?

Wenn Menschen im Wasser in Not geraten, werden sie oft panisch: Sie schlagen um sich und versuchen, sich an irgendetwas festzuhalten. Für Laien ist es ausgesprochen schwierig, einen Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen und sich aus den oft sehr festen Griffen zu befreien. Rettungsschwimmer lernen in ihrer Ausbildung genau das.

Außerdem kann das Gewässer Gefahren bergen, die vom Ufer aus nicht zu erkennen sind. Die DLRG rät für den Notfall daher: Hilfe holen und der Person im Wasser Schwimmhilfen oder andere Gegenstände zuwerfen, an denen sie sich festhalten kann. (dpa)

Die DLRG-Baderegeln Die DLRG-Baderegeln sind online abrufbar.

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