Ärzte Zeitung online, 21.09.2018

Welt-Alzheimertag

Demenz in D-Moll

Mit Demenzpatienten in ein Konzert gehen? Viele Angehörige scheuen das. Das WDR-Sinfonieorchester bietet Erkrankten und Angehörigen nun eine ganz besondere Konzertreihe – mit drei verschiedenen Konzertformaten.

Von Pete Smith

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Konzerte des WDR-Sinfonieorchesters: ein Erlebnis – nicht nur für Menschen mit Demenz.

© WDR/ H. Marie Breer

"Viele unserer Bewohner werden heute vergessen haben, dass sie gestern im Konzert waren, aber gestern waren sie glücklich", schreibt die Wohnbereichsleiterin eines Seniorenhauses in einem Dankesbrief an den Kölner Kulturbegleiter Jochen Schmauck-Langer von dementia+art. "Dieser Nachmittag hat unser aller Wohlbefinden gefördert."

Genau darum geht es: Menschen mit Demenz wie auch für deren Begleiter und Betreuer höchsten Kunstgenuss in einer Wohlfühlatmosphäre zu bieten. Gemeinsam mit dem WDR-Sinfonieorchester haben Schmauck-Langer und sein Team in den vergangenen sechs Jahren 25 dieser exklusiven Kammerkonzerte zur Aufführung gebracht.

Aus Anlass des Welt-Alzheimertages steht an diesem Freitag im Kleinen Sendesaal des WDR in Köln ein weiteres Konzert auf dem Programm, in dem vier Ensemblemitglieder Werke von François Devienne und Max Reger darbieten.

Furcht vor Reizüberflutung

130 Konzert-, Rundfunk- und Opernorchester gibt es in Deutschland – eine weltweit einzige Vielfalt, die die Hörgewohnheit ganzer Generationen geprägt hat. In unserer alternden Gesellschaft wächst aber die Zahl jener Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Konzerthäuser mehr besuchen können und denen damit verwehrt wird, eine lieb gewonnene Tradition zu pflegen und orchestrale Musik mit all ihren Sinnen zu erleben.

Unter ihnen sind immer häufiger auch Demenzkranke, die körperlich durchaus zu einem Konzertbesuch in der Lage wären, deren Angehörige jedoch die Unwägbarkeiten eines solchen Ausflugs fürchten. Manch einen treibt die Angst um, die ungewohnte Reizüberflutung werde den Patienten überfordern, anderen, und das sind die meisten, graut vor der Vorstellung, dass sich plötzlich alle Augen auf sie richten könnten, da ihr Schützling wieder mal auffällig wird.

"Mit den Eigenarten eines Demenzkranken umzugehen, ist ja in erster Linie für die Angehörigen schwierig, nicht für die Demenzkranken selbst", sagt Siegwald Bütow, Manager des WDR-Sinfonieorchesters und einer der Initiatoren der Konzertreihe.

Bütow weiter:  "Daher kam die Idee auf, einen geschützten Rahmen zu bilden, in dem man speziell Konzerte für Demenzkranke und ihre Angehörigen anbietet und in dem grundsätzlich alles erlaubt ist. Allein das hat einen wahnsinnigen Druck von den Begleitern genommen und dadurch die Möglichkeit eröffnet, dass die Familien mit ihrem demenzkranken Angehörigen ganz entspannt eine gute Zeit miteinander verbringen."

Drei verschiedene Formate

Zu diesem Zweck haben Bütow und Schmauck-Langer drei Formate entwickelt: Regelmäßige Kammerkonzerte für Menschen mit Demenz finden im barrierefrei zugänglichen Kleinen Sendesaal des Kölner Funkhauses statt, in ausgesuchten Konzertsälen nordrhein-westfälischer Städte (bislang Essen, Münster, Bonn und Burscheid) sowie in Senioren- und Pflegeeinrichtungen.

Zudem bietet der WDR Menschen mit leichter Demenz die Möglichkeit, sogenannte Happy-Hour-Konzerte des Sinfonieorchesters in der Kölner Philharmonie zu besuchen, wo man für sie spezielle Plätze oberhalb der Sitzreihen reserviert, die auch mit Rollstuhl und Rollator gut zu erreichen sind. Bei einem dieser Konzerte, erzählt Schmauck-Langer, habe ihm eine ehrenamtliche Begleiterin gesagt, dass für sie nicht die 2000 Konzertbesucher das Problem darstellten, "sondern der Herr Müller, der plötzlich weg war, weil er dorthin wollte, wo jahrzehntelang sein fester Abo-Platz war". Auf dem Programmzettel der Happy-Hour-Konzerte findet sich mittlerweile der Hinweis, dass Menschen mit Demenz besonders willkommen sind.

Insgesamt, so schätzt Orchestermanager Bütow, sind seit 2012 mehr als 3000 Menschen mit Demenz sowie deren Begleiter und Angehörige in den Genuss eines vom WDR-Sinfonieorchester veranstalteten Kammerkonzerts gekommen. "Wir machen die überraschende Erfahrung, dass bis zur Hälfte der Besucher noch nie in einem klassischen Konzert waren", sagt Bütow. "Überraschend war auch, dass die Gruppen nicht nur aus Köln, sondern aus dem Kölner Großraum kommen, von Wuppertal bis Aachen und Bonn, aus der Eifel, dem Bergischen Land und sogar aus Düsseldorf."

Dass die Kammerkonzerte kostenfrei sind, mag ein Grund dafür sein, ein anderer ist sicher, dass das Prozedere der Anmeldung denkbar einfach ist: Ein Anruf bei dementia+art genügt, und schon ist die entsprechende Zahl von Plätzen fürs nächste Konzert reserviert.

Auftritte in wechselnder Formation

Das WDR-Sinfonieorchester tritt dabei in wechselnden Besetzungen auf. Mal sind es Holz- oder Blechbläser, mal Streicher, Perkussionisten oder Harfenisten, in der Regel drei bis sechs Musiker pro Auftritt. "Zu Beginn habe ich gedacht, dass ich die Leute im Orchester zu dieser Art von Konzerten mühsam überreden muss, aber das Gegenteil war der Fall", erzählt Manager Bütow. "Tatsächlich war von Anfang an eine extrem große Bereitschaft da, weil fast jeder in seinem Umfeld jemanden hat oder kennt, der genau mit diesem Problem konfrontiert ist."

Nicht alle Konzerte finden im Sendesaal des Kölner Funkhauses statt. Die Profis und die "Akademisten", hochqualifizierte Nachwuchsmusiker des Orchesters, gastieren auch in Konzertsälen anderer Städte oder gehen in Senioreneinrichtungen, um für Menschen zu spielen, die ihre Pflegeeinrichtung selbst mit Begleitung nicht mehr verlassen könnten. Den Kulturauftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten empfindet Bütow dabei weniger als Auftrag denn als Dienst an der Gesellschaft.

In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft derzeit 1,7 Millionen Menschen mit Demenz, laut Bundesforschungsministerium könnten es im Jahr 2050 mehr als drei Millionen sein. Ihre soziale und kulturelle Teilhabe sowie die ihrer Angehörigen zu gewährleisten, gilt als eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft.

"Kulturelle Teilhabe ist ein Menschenrecht", sagt Klaus Besselmann, Leiter des Bereichs Projektentwicklung im Kuratorium Deutsche Altershilfe. "Und Kulturerlebnisse können über die durch sie gelebte Emotionalität das Leben mit Demenz wesentlich erleichtern – nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern ebenfalls für pflegende Angehörige und andere Betreuungspersonen."

Belege für diese These lieferte vor einigen Jahren das vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien geförderte Pilotprojekt "Auf Flügeln der Musik", an dem Orchester, Hochschulen, Kulturinstitutionen, Musikvermittler, Altershilfe, Alzheimer-Gesellschaft, Diakonie, Wohlfahrtsverbände und Pflegeeinrichtungen beteiligt waren. Ziel war unter anderem, die Rahmenbedingungen abzustecken, die die Kulturteilhabe von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen erleichtern.

Das kam heraus

Nach der Evaluierung des Projekts ergaben sich folgende Erkenntnisse:

  • Die Atmosphäre während der Konzerte wirkte stimulierend auf die Demenzpatienten und regte einen Austausch über das Musikerlebnis sowie damit assoziierte Gedanken und Erinnerungen an.
  • Menschen mit Demenz reagieren intensiv auf Melodik, insbesondere auf bekannt klingende Melodien.
  • Der "zirzensische" Effekt von Virtuosität ist nicht hoch genug zu bewerten; die spektakuläre Beherrschung des Instruments in der Live-Darbietung fesselte die dementen Zuhörer auf besondere Weise.
  • Visuelle Reize auf der Bühne wie Kulisse, Kleidung der Musiker oder ungewöhnliche Instrumente trugen dazu bei, die Aufmerksamkeit von Menschen mit Demenz aufrechtzuerhalten.
  • Die persönliche, emotional gefärbte Ansprache durch eine Moderation stellte Vertrauen und Bindung her und trug dadurch zum Wohlbefinden der Zuhörer bei.

Die Moderation der vom WDR-Sinfonieorchester veranstalteten Konzerte für Demenzpatienten übernimmt in der Regel Jochen Schmauck-Langer. "Mir geht es darum, die Emotionen der Zuhörer zu wecken und darüber ihr Selbstwertgefühl zu stärken", sagt der Kölner Kulturgeragoge. Das gelingt ihm etwa, indem er auf die persönliche Situation des Komponisten oder jahreszeitliche Aspekte der Musik eingeht.

60 Minuten konzentriertes Zuhören

Steht etwa Schuberts Forellenquintett auf dem Programm, erzählt Schmauck-Langer vom Frühling als Zeit des Aufbruchs, nicht nur der Natur, sondern auch des Menschen. Die allermeisten Zuhörer blieben über 60 Minuten konzentriert auf ihren Plätzen sitzen, was für die Symptomatik eines Demenzkranken bekanntermaßen untypisch sei.

"Einmal hatten wir einen Gast, der in der ersten Reihe im Rollstuhl saß und während des gesamten Konzerts dirigierte." Seine Erfahrungen zur Kulturvermittlung an Menschen mit Demenz gibt Schmauck-Langer inzwischen an andere weiter. Die Fortbildungsseminare von dementia+art richten sich an Angehörige, Betreuer, Alltagsbegleiter sowie an Sonder- und Museumspädagogen.

Weitere Informationen unter: www.dementia-und-art.de.

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