Ärzte Zeitung online, 14.01.2019

USA

Ärzte twittern gegen Waffengewalt

Eine polemische Replik der National Rifle Association auf die Forderung von Medizinern nach schärferen Waffengesetzen in den USA löst Empörung aus.

Von Pete Smith

NEU-ISENBURG. „Mitte der Nacht … 9 Schusswunden – kein Puls bei Ankunft – 40 Einheiten Blut transfundiert“, schreibt Dr. Alix Nassiri, Anästhesiologe am Huntington Memorial Hospital in Pasadena, Kalifornien, unter ein bei Twitter gepostetes Bild, das ihn bei einer Notoperation zeigt. Sein Telegramm endet mit „Hey NRA“ und dem Hashtag #ThisIsMyLane.

Adressatin der Botschaft ist die National Rifle Association, mit fünf Millionen Mitgliedern mächtigste Waffen-Lobby der USA. Mit einem Tweet hat die NRA Zehntausende Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Mitarbeiter des Gesundheitswesens gegen sich aufgebracht.

Nachdem Mediziner in den „Annals of Internal Medicine“ über Schussverletzungen berichtet und strengere Waffengesetze gefordert hatten, schrieb die NRA im November auf Twitter: „Jemand sollte den selbstbezogenen Anti-Waffen-Ärzten mal sagen, dass sie sich um ihren Kram kümmern sollen.“

„Anti-Waffen-Ärzte“

„Sich um ihren Kram kümmernd“ („staying in their lane“), posten die „Anti-Waffen-Ärzte“ seither Bilder, die auf grausame Weise bezeugen, warum ihre Beschäftigung mit diesem Thema keineswegs selbstbezogen, sondern höchst altruistisch ist.

Da die Ärzte keines der Opfer zeigen wollen, posten sie Fotos von blutgetränkten Verbandsmaterialien und OP-Kitteln, blutbefleckten Schuhen und Hauben, Blutlachen auf den Kacheln im OP und Projektilen, die sie aus menschlichen Leibern herausoperiert haben.

Dr. Andre Campbell, Unfallchirurg am San Francisco General Hospital, postete das Porträtfoto eines fröhlichen Teenagers: „Sandra Parks, die einen Aufsatz über Waffengewalt schrieb, wird durch eine verirrte Kugel getötet. Diese herzzerreißende Geschichte ist der Grund, warum wir als Gesundheitsdienstleister unsere Stimme erheben müssen.“

Professor Babak Sarani, Chirurg und Notfallmediziner an der George Washington University School of Medicine & Health Sciences, postet unter #ThisisMyLane ein Video, das ihn bei der Entfernung eines an der Aorta steckenden Projektils zeigt. „Das Glück verhinderte, dass dieser Patient starb“, schreibt Sarani. „In erster Linie führte das Fehlen vernünftiger Waffengesetze zu dieser Schießerei.“

Mit ihrer bissigen Belehrung hat sich die NRA wahrlich keinen Gefallen getan: Seit Erscheinen des NRA-Tweets haben Zehntausende Ärzte und Gesundheitsdienstleister aus aller Welt darauf reagiert. Die Posts unter den Hashtags #ThisIsMyLane und #ThisIsOurLane sind hunderttausendfach geliked und retweetet worden.

„Ich bin sicher, dass sie (die NRA, Anm.) es nicht mit Absicht getan hat“, zitiert die Zeitung „The Sacramento Bee“ den Notarzt Dr. Garen Wintemute vom örtlichen UC Davis Medical Center, ein ausgewiesener Experte zum Thema Waffengewalt, „aber sie haben uns einen großen Gefallen getan.“

Offener Brief an die NRA

Schusswaffen-Opfer

Die Centers for Disease Control and Prevention in den USA registrierten in den vergangenen Jahren einen rasanten Anstieg der Opferzahlen durch Schusswaffen.

Laut CDC sind 2015 und 2016 insgesamt 27.394 Mord- und 44.955 Suizidopfer durch Schusswaffen gestorben.

Die National Rifle Association wurde 1871 in den USA als Organisation für das Sportschießen und Training an Schusswaffen gegründet. Sie entwickelte sich als Waffen-Lobbyzu einer der größten Interessengruppen, die zahlreiche politische Wahlen in den USA finanziell und propagandistisch beeinflusst.

Die NRA pocht auf ein „garantiertes individuelles Recht aller US-Bürger auf Erwerb, Besitz, Tragen, Transport, Weitergabe und legitimen Gebrauch von Waffen“.

Einen offenen Brief an die NRA, in dem Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Therapeuten die Waffenlobbyisten auffordern, gemeinsam mit ihnen „tragfähige und wirksame Strategien zur Verringerung der Zahl von Todesopfern“ durch Schusswaffen zu erarbeiten, haben inzwischen Zehntausende Gesundheitsdienstleister unterschrieben.

„Die Vorstellung, dass sich Ärzte auf die Pflege am Krankenbett beschränken sollten, ist hoffnungslos veraltet“, erklärt Dr. Esther Choo, Professorin an der Oregon Health & Science University in Portland, in einem Beitrag des US-Senders NBC. „Stillschweigend rumzusitzen, während wir Schusswunde um Schusswunde behandeln, ist nicht mehr möglich, es sei denn, wir wollen uns mitschuldig machen.“

Der Unfallchirurg Dr. Joseph Sakran, Direktor der allgemeinen Notfallchirurgie am Johns Hopkins Hospital in Baltimore, erzählte dem Sender CNN, wie er einmal vergeblich versucht habe, einen jungen Mann zu retten. „Er hatte gerade die High School abgeschlossen, als ihm in den Hinterkopf geschossen wurde.

Seine Mutter sagte, sie habe ihm eben erst eine Abschlussfeier organisiert, man konnte den Stolz in ihren Augen sehen, als Tränen über ihr Gesicht rannen.“

Sakran rang auch deshalb um Fassung, weil sein eigenes Trauma wieder hochkam: „Als ich in seinem Alter war, wurde ich beinahe getötet, als mich eine Kugel vom Kaliber 38 in den Hals traf. Ich habe überlebt, aber der Sohn dieser Frau ist gestorben.“

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