Ärzte Zeitung, 08.12.2005

Bei Gefahr werden Gaffer zu Helfern

Studie zeigt: Nur in weniger brenzligen Situationen greifen Zuschauer nicht ein

MÜNCHEN (ddp.vwd). Menschen in einer wirklich gefährlichen Situation können in vielen Fällen auf die Hilfe unbeteiligter Dritter zählen. Das haben Experimente von Psychologen der Ludwig-Maximilians-Universität in München gezeigt.

In früheren Studien hatten Forscher das Verhalten von Zuschauern in weniger brenzligen Situationen untersucht und dabei den sogenannten Gaffer-Effekt beobachtet: Alle schauten zu, aber kaum einer mischte sich ein - vor allem dann nicht, wenn mehrere Zuschauer anwesend waren.

Die Münchener Wissenschaftler konnten nun zeigen, daß in echten Gefahrensituationen eher mit der Hilfe eines Unbeteiligten gerechnet werden kann. Über ihre Testergebnisse berichten Peter Fischer und seine Kollegen in einer Online-Vorabveröffentlichung des "European Journal of Social Psychology".

Die Forscher wiesen 86 Freiwillige an, den Dialog zwischen einem Mann und einer Frau zu beobachten. Die Testpersonen wußten dabei nicht, daß dieses Paar von Schauspielern dargestellt wurde, die für ihr Spiel genaue Anweisungen erhalten hatten: Ihr Gespräch sollte langsam in einen heftigen Streit eskalieren.

Die Wissenschaftler wollten feststellen, wie lange es dauert, bis die Beobachter in den Kampf des Paares eingriffen. In den Tests variierten sie nicht nur das Ausmaß der Gefahrensituation, sondern auch die Anzahl der anwesenden Zuschauer.

Das Ergebnis der Experimente: War die Situation für das "Opfer" nur wenig bedrohlich, griffen lediglich sechs Prozent der Testpersonen in den Streit ein, wenn sie nicht die einzigen Zuschauer waren. Bei einer dramatischen Zuspitzung des Streits, also einer gefährlichen Situation, waren immerhin 40 Prozent der Testzuschauer bereit, dem Opfer zu helfen.

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