Ärzte Zeitung, 12.10.2016
 

Amnesie

Befund und Stigma aus der Innenansicht

Pete Smith, Journalist der "Ärzte Zeitung", legt zweiten Roman vor: In "Das Mädchen vom Bethmannpark" erzählt er eine fesselnde Geschichte.

Von Anne Zegelman

Befund und Stigma aus der Innenansicht

In "Das Mädchen vom Bethmannpark" (Societäts-Verlag, 2016) geht es um eine junge Amnesie-Patientin.

© Societäts-Verlag

FRANKFURT. Im Bethmannpark mitten in der Frankfurter Innenstadt wird eine verletzte junge Frau gefunden, die ihr Gedächtnis verloren hat.

Doch kann sie sich wirklich nicht erinnern, was passiert ist? Weiß sie tatsächlich nicht einmal mehr ihren Namen? Oder hat sie, wie die Polizei vermutet, doch eher etwas zu verbergen?

In "Das Mädchen vom Bethmannpark" (Societäts-Verlag, 2016) schildert der Frankfurter Journalist Pete Smith, wie sich die junge Amnesie-Patientin, die sich selbst den Namen Penelope gibt, als Fremde in einer ihr fremden Welt behauptet.

In der Rehaklinik Kirschwald trifft sie auf den schachbegeisterten Ergotherapeuten Jakob, der seinen Patienten heimlich die Identitäten verstorbener Berühmtheiten überstülpt. Doch warum interessiert sich sein verschrobener Schachfreund Lewandowki plötzlich für Penelope?

Und auch die Medien entdecken den Fall der schönen Unbekannten für sich und überschlagen sich mit Spekulationen um ihre Identität. Schnell muss Penelope erkennen, dass es nicht jeder gut mit ihr meint. Und dass selbst Personen, denen sie glaubt, vertrauen zu können, eigene Interessen verfolgen.

Kluge Gesellschaftsanalyse

Mit seinem zweiten Roman legt Pete Smith, der auch für die "Ärzte Zeitung" schreibt, erneut eine spannende Lektüre vor. Dadurch, dass er die Geschichte aus der Sicht einer Protagonistin erzählt, die ihre Umgebung mit gänzlich neuen Augen sieht und sich gerade deshalb über vieles wundert, gelingt ihm eine kluge Gesellschaftsanalyse.

Auf 352 Seiten schafft Smith es, den Leser nicht nur zu fesseln, sondern auch für die Diagnose Amnesie zu interessieren – Befund und Stigma zugleich. Denn Ärzte, Psychologen, selbst die Polizei zweifeln Penelopes Vergessen offen an."Das Mädchen vom Bethmannpark" ist der zweite Roman von Pete Smith, der sich zuvor mit verschiedenen Kinderbüchern bereits einen Namen gemacht hat.

2015 veröffentlichte er, ebenfalls im Societäts-Verlag, bereits seinen Roman "Endspiel", in dem er die Geschehnisse rund um die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika schildert – und seine Erzählung mit Schicksalen von Deportation und Vernichtung während der Nazi-Herrschaft in Deutschland verknüpft.

Recherche in Fachklinik

Für das mutige und ungewöhnliche Projekt erhielt Smith 2012 den Robert-Gernhardt-Preis des Hessischen Ministeriums für Kunst und Wissenschaft. Man könnte also meinen, Smith sei mit seinem zweiten Buch zum Erfolg verdammt. Doch der Autor, Jahrgang 1960, lässt sich davon nicht beeindrucken.

Stattdessen hat er, wie auch schon für den ersten Roman, akribisch recherchiert, um in die Welt seiner Figuren einzutauchen. Er besuchte eine neurologische Fachklinik in Bad Camberg und begleitete die Ergotherapeuten dort bei der Arbeit, außerdem sprach er mit Professor Hans-Joachim Markowitsch, Gedächtnisforscher am Zentrum für Physiologische Psychologie der Universität Bielefeld, über seine Arbeit.

Das Ergebnis: "Das Mädchen vom Bethmannpark" ist spannend wie ein Krimi – und auch als Geschenk für Ärzte bestens geeignet.

Pete Smith, "Das Mädchen vom Bethmannpark", Societäts-Verlag, 352 Seiten, 12,80 Euro, ISBN: 978-3-95542-191-5

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