Ärzte Zeitung online, 01.09.2018

Vorurteile gegen Dicke

Beleidigt, gemobbt, diskriminiert

Bequem, verfressen, willensschwach, dumm – Vorurteile wie diese machen das Leben von vielen übergewichtigen Menschen zur Qual.

Von Pete Smith

"Dicke haben schrecklich dicke Beine, Dicke ham n‘ Doppelkinn, Dicke schwitzen wie die Schweine, stopfen, fressen in sich rin", sang Marius Müller-Westernhagen 1978 in seinem Lied "Dicke" und löste damit einen Skandal aus.

Heute, 40 Jahre später, sind die Vorurteile gegen übergewichtige Menschen in Deutschland größer denn je, und das obwohl bundesweit rund zwei Drittel der Männer und die Hälfte aller Frauen übergewichtig und ein Viertel der Bundesbürger adipös sind. Dem Adipositasnetzwerk Rheinland-Pfalz zufolge ist das Dicksein in Deutschland die häufigste Ursache für Stigmatisierung.

Dicke sind bequem, verfressen, ungepflegt, willensschwach, dumm, unansehnlich, langsam, chaotisch, undiszipliniert und maßlos, sie stinken, leben ungesund und lassen sich gehen: Vorurteile wie diese machen das Leben vieler übergewichtiger und adipöser Menschen hierzulande zur Hölle.

Ihre Mitmenschen starren sie an, rümpfen die Nase und lästern über sie, häufig in ihrem Beisein. Sie werden gehänselt, beleidigt, gemobbt, attackiert und in vielen Bereichen benachteiligt.

Immer wieder Diskriminierung

Das fängt meist schon von klein auf an und zieht sich oft durch ihr ganzes Leben. Moppelige Schulkinder sind nicht nur dem Spott ihrer Klassenkameraden ausgesetzt, sondern werden auch von ihren Lehrern nachweislich schlechter benotet. Eltern trauen dicken Kindern weniger zu als schlanken, weshalb sie sie weniger fördern und auch seltener aufs Gymnasium schicken.

Mit der Folge, dass übergewichtige Jugendliche oft früher die Schule verlassen und – falls sie einen Job bekommen – im Betrieb dieselbe Diskriminierung erfahren wie in der Schule.

Laut Professor Anja Hilbert, Mitarbeiterin des an der Universität Leipzig angesiedelten Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) "Adipositas Erkrankungen", weisen Vorgesetzte adipösen Mitarbeitern weniger angesehene Tätigkeiten zu als Normalgewichtigen, befördern sie seltener und zahlen ihnen weniger Gehalt.

Auch im Alltag würden Übergewichtige benachteiligt, etwa bei der Wohnungssuche oder mit unmodischen Übergrößen. Stigmatisierungen aufgrund ihres Körpergewichts erleiden sie schließlich sogar im privaten Umfeld. "Nimm doch mal ab!", hören Adipöse oft von Verwandten, Freunden und mitunter selbst von ihren Partnern. Bereits bei der Partnerwahl benachteiligt, sind Übergewichtige auch in bestehenden Beziehungen häufiger unzufrieden als Normalgewichtige.

Fehlende Willensstärke?

Selbst unter Ärzten sind Vorurteile gegenüber Adipösen verbreitet, wie eine Umfrage des Leipziger IFB "Adipositas Erkrankungen" unter bundesweit 201 Hausärzten und Internisten ergab. 58 Prozent der Mediziner waren der Meinung, dass fehlende Willensstärke Übergewicht verursacht, ein Drittel fand es "zu einfach", wenn Adipöse mithilfe einer bariatrischen Operation abnehmen, weshalb nur die Hälfte der befragten Hausärzte eine solche Op manchmal empfiehlt und nur 18 Prozent von ihnen Betroffene zu einem Chirurgen überweisen.

Um die Übernahme von Operationskosten müssen Adipositas-Patienten schließlich oft jahrelang vor Gericht streiten, wie Tim Christian Werner, ein Frankfurter Fachanwalt für Sozialrecht, beklagt. Und auch wenn sie den Prozess in der Regel gewinnen, sind sie die Verlierer, weil sich ihr Krankheitsbild bis dahin meist verschlechtert.

Viele adipöse Menschen, die jahrelang verspottet, beleidigt und herabgesetzt wurden, glauben irgendwann selbst, zu nichts nutze und weniger wert zu sein als andere. Worauf die einen mit Resignation, die anderen mit sozialem Rückzug und wieder andere mit Depressionen bis hin zu Suizidgedanken reagieren.

Adipöse Kinder und Jugendliche, hat Professor Stephen J. Pont, Pädiater am Dell Children's Medical Center in Austin, in einer Studie ermittelt, bewerten ihre Lebensqualität ähnlich schlecht wie krebskranke Altersgenossen.

Die Schönen und Schlanken

Obwohl es in Deutschland inzwischen mehr Dicke als Dünne gibt, ist der Schlankheitswahn in der Werbung nahezu ungebrochen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass TV-Formate wie "Biggest Loser" einen Gegentrend markieren, doch das Gegenteil ist der Fall: Dass Übergewichtige hier vor allem als Büßer dargestellt werden, die alles dafür tun, in den Kreis der Schönen und Schlanken aufgenommen zu werden, verstärkt die Attributionen und letztendlich die Selbststigmatisierung der Betroffenen. Auch eine Sendung wie "Curvy Supermodel" führt Frauen mit Übergrößen eher mit subtilen Mitteln vor, als dass sie sie feiert.

Den Sendern gehe es nicht um gesellschaftliche Akzeptanz von Übergewichtigen, meint Dr. Johannes Oepen, Vorsitzender des Adipositasnetzwerks Rheinland-Pfalz, sondern um fette Quoten.Oepen zufolge sind komplexe Interventionen nötig, um Vorurteile gegenüber Adipösen abzubauen und der Selbststigmatisierung Betroffener entgegenzuwirken.

Die Akzeptanz von Menschen mit Adipositas zu stärken, gehöre ebenso dazu wie eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie wir künftig leben wollen, sowie eine breite Aufklärung über die zugrundeliegenden Faktoren von Überernährung .

Ein Leben im Abseits

  • Resignation und sozialer Rückzug – das sind nicht selten Reaktionen von fettleibigen Menschen, nachdem sie jahrelang stigmatisiert wurden.
  • Vorgesetzte weisen adipösen Mitarbeitern oft weniger angesehene Tätigkeiten zu als Normalgewichtigen und befördern sie seltener, so das IFB-Forschungszentrum der Universität Leipzig.
  • Die Übernahme von Operationskosten ist für Adipositas-Patienten oft mit einem jahrelangen Rechtsstreit verbunden, so die Erfahrung eines Frankfurter Fachanwalts.

Lesen Sie dazu auch:
Interview zu Adipositas: "Dicke stigmatisieren sich allzu oft selbst"

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