Ärzte Zeitung, 27.06.2019

Kinder- und Jugendärztetag

Die Lebenswelt von Kindern wandelt sich, was ändert sich für Ärzte?

Beim Kinder- und Jugendärztetag versuchten Pädiater, eine Zwischenbilanz der neuen Herausforderungen für Eltern und behandelnde Ärzte zu formulieren. Der Tenor: Die Lebensumstände der heutigen Kindergeneration bieten viele Entwicklungschancen.

Von Raimund Schmid

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Die Folgen unkontrollierten Medienkonsums von Kindern sind in vielen Studien erhärtet worden.

© Cathy Yeulet / Hemera / Thinkstock

Niemals zuvor hat sich der Entwicklungsprozess von Kindern derart nachhaltig verändert wie in den jüngsten zurückliegenden Jahrzehnten. Fast scheint es so, als ob die Ärzte von diesen Veränderungen überrollt worden sind.

Professor Klaus-Michael Keller, wissenschaftlicher Leiter des Kinder-und Jugend-Ärztetages 2019, erinnerte in Berlin an die Standards der Entwicklung und des Aufwachsens der Geburtsjahrgänge der 50er bis 80er Jahre: Leben in Großfamilien mit vielen Geschwistern, zum Einschlafen ein Bilderbuch statt eine DVD, die Mutter und häufig die Großeltern als dauerhafte und verlässliche Bezugspersonen, keine Fertigkost oder sonstige Convenience-Produkte oder gefahrloses Spielen draußen in der freien Natur.

Und heute? Da läuft die Medienmaschinerie beim Einschlafen auf vollen Touren, da ist das Spielen nur noch unter Aufsicht und in eingezäunten Spielplätzen möglich oder der Straßenverkehr ist dicht und laut und gerade für Kinder gefährlich. Vor allem aber ist der Tag schon von klein an durchgetaktet, und der Nachwuchs ist stets online mit Handy, Tablet oder PC.

Risiken von Überforderung und Ausgrenzung

Mit diesen Vergleichen wollte Keller nicht zum Ausdruck bringen, dass früher alles viel besser gewesen ist, zumal auch diese neuen Lebensbedingungen vielfältige Potenziale für eine eigene Entfaltung und damit auch kindgerechte Entwicklung bieten.

Die neuen Messlatten, die für das Wohlergehen von Kindern heute maßgebend sind, können aber auch zu Ausgrenzungen, Überforderungen und Fehlentwicklungen führen, die die "Pfeiler der kindlichen Entwicklung mitunter gehörig ins Wanken bringen", stellte Dr. Andreas Oberle fest, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums im Olgaspital in Stuttgart und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ).

Besonders dramatisch sei es für Kinder, wenn durch toxische oder umweltbedingte Einflüsse, Armutsbedingungen, immer wieder sich verändernde Patchwork-Konstellationen oder Bildungsferne die Entwicklung von Kindern verzögert wird oder erst gar nicht richtig in Gang kommt. Es sei ein Skandal, dass in einem reichen Land wie Baden-Württemberg 20 Prozent aller Kinder armuts- und damit erheblich entwicklungsgefährdet seien, kritisierte Oberle in Berlin.

Eine ganz besondere Gefahr sieht Kongressleiter Keller im Medienhype, dem Kinder schon in den allerersten Jahren – oft nahezu unbegrenzt und unkontrolliert – ausgesetzt sind. Der Satz "Als wir zum Surfen noch ans Meer gefahren sind" mutet heute fast schon grotesk an.

Die Folgen sind für Keller eindeutig und werden durch viele Studien erhärtet: Verzögerung der motorischen Entwicklung, Übergewicht mit allen Folgen, Schlafprobleme schon bei Fünf- bis Sechsjähren, Verlust von Empathie, Störung der Beziehungsfähigkeit und ADHS oder auch Beeinträchtigung der kognitiven Entwicklung und der Sprachentwicklung.

Ärzte sollten Eltern daher immer wieder aufs Neue daran erinnern, dass Kleinkinder Wörter dann am besten lernen, wenn sie von einer realen Person vorgesprochen werden. Keller: "Die unmittelbare Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern gibt den Ausschlag." Sitzen dagegen schon Kleinkinder stundenlang vor Bildschirmen, verzögere sich ihre Sprachenentwicklung signifikant.

Ein Smartphone erst ab 14 Jahren?

Diese gravierenden Folgen eines ausufernden Medienkonsums sind mittlerweile unstrittig. Ob allerdings die strikten Empfehlungen, die diverse Pädiaterverbände im In-und Ausland als Reaktion darauf geben, ist doch arg zu bezweifeln: So sollten grundsätzlich bis zum 6. Geburtstag gar keine Bildschirmmedien benutzt werden, heißt es.

Aus den USA schwappt nun die Welle "Wait until 8th" nach Deutschland herüber, was bedeutet, dass Smartphones erst ab der 8. Klasse (also mit 14 Jahren) benutzt werden sollten. Und das in einer Zeit, in der 99 Prozent der Zwölfjährigen bereits online sind.

Für notwendig hält Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) deshalb eine Modernisierung des Jugendschutzgesetzes, die diesen neuen Anforderungen Rechnung trägt. Notwendig scheinen tatsächlich eher zeitgemäße Vorgaben, die Eltern im Alltag – und Ärzten in der Praxis – helfen, ihrer Medienverantwortung besser nachzukommen.

Zudem forderte Oberle zur besseren Entfaltung der Entwicklungspotenziale von Kindern ein ausgeprägteres "Kinderbewusstsein" in Deutschland ein. Das in weiten Bevölkerungsteilen inzwischen nachhaltige Bewusstsein für die Bedeutung des Klimaschutzes zeige, was hier möglich wäre.

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