Ärzte Zeitung, 02.07.2013

Armut und Gesundheit

Medizinische Hilfe für Obdachlose

Den Zusammenhang von "Armut und Gesundheit" hat der Deutsche Ärztetag dieses Jahr erörtert. Ganz praktische Hilfen bietet ein gleichnamiger Verein in Mainz mit Sprechstunden für Obdachlose und Projekte für benachteiligte Kinder.

Von Angela Mißlbeck

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Unkonventionelle Sprechstunde: Ein Arzt untersucht einen Obdachlosen in einem Parkhaus. Der Verein Armut und Gesundheit in Deutschland bietet in Mainz inzwischen eine Obdachlosensprechstunde an.

© Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.

Armut macht krank und Krankheit kann arm machen. So langsam kommt kaum einer im Gesundheitswesen noch an dieser Wahrheit vorbei. Doch bis es dahin kam, war es ein weiter Weg.

Ein Wegbereiter ist der Mainzer Arzt und Sozialpädagoge Professor Gerhard Trabert. "Ich kann Ungerechtigkeit schlecht ertragen", sagt der 56-Jährige von sich.

Als erster Arzt in Deutschland hat er 1996 eine Ermächtigung als Wohnungslosenarzt bekommen. Sein "Mainzer Modell zur gesundheitlichen Versorgung wohnungsloser Menschen" hat inzwischen Nachahmer gefunden.

Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass Wohnungslose trotz Krankheit oft nicht zum Arzt gehen. Wenn der Patient nicht zum Arzt geht, muss der Arzt zum Patienten gehen, dachte Trabert und machte sich auf den Weg.

In verschiedenen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Mainz und dem Kreis Mainz-Bingen bietet er seit 1994 Sprechstunden an.

Nicht nur Obdachlose suchen Rat

Versorgt und betreut werden auch schwerstkranke, pflegebedürftige Obdachlose. Als "Medical Streetworker" fährt Trabert zudem mit einem Arztmobil bekannte "Haltestellen" an.

Längst ist er kein Einzelkämpfer mehr. Viele Ärzte, Krankenschwestern, Ordensschwestern und sogar der Leiter des Mainzer Gesundheitsamtes engagieren sich ehrenamtlich für den Verein.

Mit dem Mainzer Modell hat "Armut und Gesundheit" angefangen. Weitere Projekte kamen hinzu. Erst Anfang Mai wurde eine medizinische Ambulanz für Wohnungslose, Menschen ohne Papiere oder ohne Krankenversicherung in der Mainzer Zitadelle eröffnet.

Damit zollt der Verein einer kritischen Entwicklung Rechnung: "In die Obdachlosenambulanzen kommen auch immer mehr andere Menschen ohne Krankenversicherung, zum Beispiel Selbstständige", sagt Trabert. Die Ambulanz bietet Sprechstunden in vielen Fachrichtungen. Daneben eröffnet der Verein in diesen Tagen eine Zahnarztpraxis.

Nicht nur die Versorgung Wohnungsloser, sondern auch die Gesundheitsförderung benachteiligter Kinder und Jugendlicher sind Trabert und seinem Verein ein Anliegen. Schlagzeilen schrieben sie mit dem Projekt "Gesundheit Jetzt" in der Mainzer Obdachlosensiedlung Zwerchallee.

Es bestand aus sieben Modulen, darunter auch ein Ruheraum. Der weiße Raum hat Kindern aus kinderreichen Familien, die auf engstem Raum leben, buchstäblich Abstand ermöglicht. In der entspannten Atmosphäre konnten sich viele erstmals überlegen, was ihnen selbst gut tut und was nicht - und mit einem Sozialarbeiter darüber reden, wenn sie wollten.

Gesundheitschancen steigen

Die Siedlung wurde aufgelöst. Der als "Snoezelenraum" bezeichnete Raum lebt jedoch weiter an einer Schule in der Mainzer Neustadt. Trabert ist überzeugt, dass das Angebot die Resilienz und damit auch die Gesundheitschancen benachteiligter Kinder und Jugendlicher stärkt.

Mit anderen Worten: Es hilft den jungen Leuten, Fähigkeiten zu entwickeln, mit denen sie die Herausforderungen ihres Umfelds besser meistern können.

In die gleiche Richtung zielt der "Street Jumper". Das auffällige Wohnmobil mit Mini-Küche und Sitzecke, Internetzugang und kleiner Bibliothek besucht regelmäßig Orte in verschiedenen Mainzer Stadtgebieten, an denen sich Kinder und Jugendliche aufhalten.

Der "Street Jumper" bietet ihnen gesundes Essen, Getränke, Sport- und Spielmöglichkeiten, körpertherapeutische Angebote und nicht zuletzt ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte.

Um all diese Projekte zu ermöglichen, sind der Verein Armut und Gesundheit und sein Vorsitzender gut vernetzt. Als Mitglied der Landesarmutskonferenz Rheinland-Pfalz und der Nationalen Armutskonferenz meldet sich Trabert auch zu politischen Entwicklungen öffentlich zu Wort.

Zuletzt hat er scharfe Kritik am Armutsbericht der Bundesregierung geübt. Der Bericht leugne den strukturellen Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit. Ungerechtigkeit erträgt Trabert eben schlecht, Unwahrheiten aber auch.

Armut und Gesundheit

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Der Mainzer Verein Armut und Gesundheit in Deutschland will die Gesundheitssituation armer und sozial benachteiligter Menschen verbessern. Besonderes Augenmerk legt er auf die medizinische Hilfe für Obdachlose oder Menschen ohne Krankenversicherung und auf die Gesundheitsförderung für sozial benachteiligte Kinder. Der gemeinnützige Verein unter dem Vorsitz des Obdachlosenarztes und Sozialpädagogen Professor Gerhard Trabert wurde 1997 gegründet und finanziert sich aus Spenden.

www.verein-armut-gesundheit.de

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