Ärzte Zeitung online, 16.06.2018

Manuel Neuer

Der Hoffnungsträger mit den Titanplatten

Der Torwart der Nation hat's geschafft: Manuel Neuer ist in Russland nach lange Verletzungspause mit dabei. Und die Bürde der Verantwortung ist groß.

Von Pete Smith

Der Hoffnungsträger mit den Titanplatten

Nach langer Verletzungspause wieder obenauf: Manuel Neuer ist mit seiner Routine ein großer Rückhalt für das deutsche Team.

© picture alliance / Pressefoto Ru

Monatelang drehte sich alles nur um ihn, die Nummer 1, den Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, um Manu, den besten Torwart der Welt. Und ja, er hat es geschafft: Am Sonntag wird Manuel Neuer fast auf den Tag genau neun Monate nach seiner dritten Mittelfußfraktur die "Mannschaft" zu ihrem ersten Gruppenspiel gegen Mexiko auf den Platz führen.

"Ich bin fest überzeugt, dass ich den Belastungen bei einem Turnier standhalte", erklärte der 32-Jährige vergangene Woche. "Daher will ich so viele Spiele wie möglich machen."

Viele Zweifel im Vorfeld

Dass Neuer mit nach Russland fahren könnte, hatten viele Experten bis vor wenigen Wochen noch stark bezweifelt. Zu riskant sei das, nicht nur für ihn, sondern auch für das Team. Was, wenn sein Fuß der Belastung nicht standhält? Oder wenn der Manu mangelnder Spielpraxis wegen patzt?

Es ist Montag, der 18. September 2017, als sich Neuer beim Abschlusstraining vor dem Spiel gegen den FC Schalke 04 eine Fraktur im linken Mittelfuß zuzieht. Dr. Volker Braun, damals noch Mannschaftsarzt des FC Bayern München, reagiert unmittelbar und vereinbart mit der Unfallklinik Tübingen bereits für den nächsten Vormittag einen Termin.

Mit Professor Ulrich Stöckle, dem Ärztlichen Leiter der Klinik, steht ein erfahrener Chirurg im OP. Der Eingriff ist Routine, Fußfrakturen treten bei Profifußballern relativ häufig auf. Dem prominenten Patienten wird eine Titanplatte implantiert, in der Regel braucht der Knochen damit sechs Wochen, um zusammenzuwachsen. "Nach etwa drei Monaten Rehabilitation können die Sportler wieder in den Trainingsbetrieb und gegebenenfalls in den Spielbetrieb einsteigen", erklärt Stöckle.

"Gefühl, gebraucht zu werden" fehlt

Die Zeit nach der Operation, vertraut der 1986 in Gelsenkirchen geborene Welttorhüter dem "Stern" später an, sei die härteste Phase gewesen, geprägt von so manchem Rückschlag. Vor allem habe ihm das "Gefühl, gebraucht zu werden", gefehlt.

Da es ihm nicht schnell genug voranging, seien zudem grundsätzliche Zweifel aufgekommen: "Natürlich gab es den Punkt, an dem die Heilung stagnierte. Da musste ich schon schlucken und habe mich gefragt: Warum geht das nicht weiter? Was hat das zu bedeuten? Was macht gerade mein Körper mit mir?"

Es war schließlich Neuers dritte Mittelfußfraktur. Einen Profisportler seines Formats und seines Alters lässt eine solche Verletzung schon mal über ein Karriereende grübeln. Auch sein damaliger Vereinstrainer Jupp Heynckes mahnte zur Vorsicht: "Das ist eine sensible Verletzung, die zwei- oder dreimal aufgebrochen ist. Da darf man nicht noch mal einen Fehler machen."

So wie damals, am 18. April 2017, als Neuer nur wenige Wochen nach einer Fußverletzung im Champions-League-Spiel gegen Real Madrid zwischen den Pfosten stand und sich in der Verlängerung den Mittelfuß brach. Vier Monate fiel er danach aus. Auf Krücken heiratete er seine Freundin Nina Weiß, und auf Krücken feierte er die Meisterschaft seines Vereins.

Nach 123 Tagen endete seine Verletzungspause. Während Bundestrainer Joachim Löw in den WM-Qualifikationsspielen gegen Tschechien und Norwegen Anfang September noch auf seinen Stammtorhüter verzichtete ("Das Risiko ist zu groß"), bestritt Neuer für seinen Verein insgesamt vier Pflichtspiele. Sein zweiter Fehler, wie sich leider bald herausstellen sollte.

"Ein letztes Gefühl der Sicherheit"

2008 hatte sich der Gelsenkirchener zum ersten Mal den Mittelfuß gebrochen. Damals war er 22 Jahre alt, spielte noch für den FC Schalke 04 und fiel 70 Tage aus. Inzwischen ist er 32, trägt in beiden Füßen Titanplatten und musste infolge des dritten Bruchs 205 Tage pausieren.

Nach dem verlorenen Freundschaftsspiel gegen Österreich am 2. Juni, seinem ersten Länderspiel seit Oktober 2016, flog Neuer nicht mit der Mannschaft zurück ins Trainingslager nach Eppan, sondern unterzog sich in München einer MRT. Keine medizinische Notwendigkeit, sondern "ein letztes Gefühl der Sicherheit für alle Beteiligten".

Der Selbstvergewisserung wirkte befreiend: "Ich war sehr glücklich, als ich ein positives Bild gesehen habe." Tatsächlich, erklärte er im Interview mit Bayern-TV, sei ihm in der langen Rehabilitationsphase bewusst gewesen, dass es bei einem erneuten Rückschlag "wirklich um die Karriere gegen könnte".

Nun ist er also wieder da. Und wie! Als ob er nie weg gewesen wäre. Neuer, der weltbeste Torwart der Gegenwart, einer der besten Keeper aller Zeiten. Seine Mitspieler bewundern ihn, gegnerische Stürmer, sagt man, erstarren bei seinem Anblick wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange.

Ob der viermalige Welttorhüter, zweimalige Fußballer des Jahres, Weltmeister, Champions-League- wie Pokalsieger und vielfache Deutsche Meister der DFB-Elf beim Turnier in Russland entscheidend helfen kann, wird sich nun erweisen. Die erste Chance dazu hat er am Sonntag um 17 Uhr im Luzhniki-Stadion beim Spiel gegen Mexiko.

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