Ärzte Zeitung online, 27.06.2018

Fußball-WM

Profiteam im Einsatz für den Weltmeister

Vier Ärzte, drei Physiotherapeuten, vier Fitnesstrainer, ein Sportpsychologe und ein Yoga-Lehrer: Deutschlands WM-Betreuerteam ist motiviert bis in die Haarspitzen.

Von Pete Smith

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WM-Spiel Deutschland - Schweden am Samstag: Teamarzt Hans Wilhelm Müller-Wohlfahrt (.) und Physio Wolfgang Bunz stürmen auf das Spielfeld, um den an der Nase schwer verletzten Sebastian Rudy zu versorgen.

© picture alliance / Gladys Chai v

Während der "Mann mit den heilenden Händen" seine Teilnahme an der WM kurzfristig absagen musste, ist der "Mann mit den sehenden Händen" wie immer dabei: Vier Ärzte, drei Physiotherapeuten, vier Fitnesstrainer, ein Sportpsychologe und ein Yoga-Lehrer kümmern sich in Russland um das physische und psychische Wohlbefinden der deutschen Nationalspieler.

Zum "Team hinter dem Team" gehören darüber hinaus etliche Organisations- und Medienprofis, Servicekräfte, Scouts, Sicherheitsexperten und zwei Köche.

Für den Regensburger Physiotherapeuten Klaus Eder, seit 1988 im DFB-Team, zerplatzte wenige Tage vor Beginn der WM ein großer Traum: Nach sieben Welt- und acht Europameisterschaften sollte die WM in Russland Eders Karriere im Kreis der Mannschaft krönen.

Pfingstmontag jedoch musste sich der "Mann mit den heilenden Händen" einer Notoperation am Rücken unterziehen und konnte die Klinik erst kurz vor Abreise der Kicker verlassen.

"Ich wollte mit der Brechstange zur WM", ärgerte sich der 64-Jährige, "und habe mich mehrfach gegen meine permanenten Rückenschmerzen gewehrt." Eine Infektion zwang ihn in die Knie. So wird es für ihn bei zwei Sternen bleiben: die WM-Titel 1990 und 2014.

Begnadeter Diagnostiker

Das andere Urgestein im Team, der inzwischen 75-jährige Orthopäde Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dessen Autobiografie "Mit den Händen sehen" vor wenigen Monaten herauskam, ist dagegen erneut dabei.

Man kann sich gar nicht vorstellen, dass der alterslose Mediziner mit den wehenden Haaren irgendwann nicht mehr auf der Bank sitzt, um im Fall des Falles mit seinem Koffer über den Rasen zu fliegen, wie wir das seit Jahrzehnten vor dem Bildschirm bestaunen.

"Mull", wie ihn seine Schützlinge nennen, ist seit 1995 Arzt der Nationalmannschaft und steht schon 40 Jahre im Dienste des FC Bayern München. Daneben betreibt er eine 1600 Quadratmeter große Praxis in München, ist Aufsichtsratsvorsitzender der formula Müller-Wohlfahrt Health & Fitness AG und Autor zahlreicher Bücher.

Sein Faible für Nahrungsergänzungsmittel und seine ungewöhnlichen Behandlungsmethoden wie beispielsweise die intramuskulären Injektionen mit dem Kälberblutextrakt Actovegin sind unter Kollegen umstritten – unbestreitbar jedoch ist Müller-Wohlfahrt ein begnadeter Diagnostiker und der bekannteste Sportmediziner Deutschlands.

Das Fußball-Magazin "11 Freunde" hat sich unlängst einen Spaß daraus gemacht, einen Auszug aus dem vermeintlichen Groschenroman "Chefarzt Dr. Mull" zu publizieren: Ein junger Bundesligaprofi kommt mit einer leichten Zerrung in die Praxis.

Dr. Mull bauscht die Verletzung auf, um sie fortan mit seiner Wunderarznei zu kurieren. "Haben Sie ihm wieder Ihr Nahrungsergänzungsmittel verschrieben?", fragt ihn die Schwester mit mildem Spott. "Es bot sich an", antwortet Dr. Mull und schmunzelt vergnügt.

Tim Meyer ist ein Experte für Regeneration

Eine zentrale Rolle im DFB-Ärzteteam nimmt Professor Tim Meyer ein. Der 50-jährige Internist, Nachfolger seines Ziehvaters Wilfried Kindermann am Institut für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlands, ist seit 2001 dabei und hat seither mit der Mannschaft vier Weltmeisterschaften und drei Europameisterschaften erlebt.

Zu seinen Aufgaben gehören neben der medizinischen Versorgung die Leistungsdiagnostik und das Anti-Doping-Management.

Meyer gilt als Experte für Regeneration. Er war es auch, der zur schnelleren Erholung der Kicker einst die Kältebehandlung einführte, die "Eistonne", die durch ein Interview des aufgebrachten Per Mertesacker 2014 berühmt wurde.

Meyer ist der Analytiker im Team, der streng auf Wissenschaftlichkeit setzt. Oder wie etwa Bundestrainer Jogi Löw sagt: "Der Doc macht nichts, was nicht vorher durch eine Langzeitstudie bewiesen worden ist."

Neben Meyer und Müller-Wohlfahrt sind zwei weitere Ärzte im Team: Dr. Josef Schmitt und Dr. Jochen Hahne, beide Orthopäden und Unfallchirurgen mit Zusatzbescheinigung Sportmedizin. "Der Sepp", Jahrgang 1944, ist seit 1982 dabei und vor allem für die Primärversorgung bei Verletzungen, die Wundversorgung und die Unterstützung der Physiotherapeuten zuständig.

"Der Jochen", Jahrgang 1978, gehört der medizinischen Abteilung der Mannschaft erst seit 2015 an. Der ehemalige Basketballer ist Partner von Müller-Wohlfahrt in dessen Münchener Praxis.

Drei würdige Vertreter

Mit Christian Huhn und Christian Müller gehören zwei Physiotherapeuten zur Mannschaft, die den erkrankten Klaus Eder nicht nur würdig vertreten, sondern auch ständig mit ihm in Kontakt stehen, arbeiten beide doch seit Jahren in Eders Regensburger Praxis für Physiotherapie und Rehabilitation.

Der 55-jährige Müller ist seit 1996 für den DFB tätig, sein 13 Jahre jüngerer Kollege Huhn, Spezialist für Massage und Fußpflege, rückte 2008 ins A-Team. Dritter im Bunde ist der Ulmer Physiotherapeut Wolfgang Bunz, dem die Behandlung funktioneller Störungen im Bewegungsapparat obliegt.

Vier Fitnesstrainer (Shad Forsythe, Mark Verstegen, Darcy Norman und Nicklas Dietrich) und zwei "Exoten" komplettieren das medizinische Team. Der Schwetzinger Sportpsychologe Dr. Hans-Dieter Hermann wurde – wie auch die Fitnesscoaches – bereits 2004 vom ehemaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann angeworben.

Der Münchener Yoga-Lehrer Patrick Broome ist, wie er selbst sagt, "der Yogi vom Jogi". Eine Übung, die er all seinen Schützlingen auferlegt, ist der nach unten schauende Hund, "weil er die gesamte Muskelkette an der Körperrückseite streckt und dehnt".

Neben Spielern und Trainer schaut ab und an auch DFB-Manager Oliver Bierhoff bei Broome vorbei.

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