Ärzte Zeitung, 16.03.2007

HINTERGRUND

Neues Virus gefährdet Urlauber am Indischen Ozean

Von Ursula Armstrong

Aedes-Mücken im Gesicht sind nicht nur lästig, sondern als Virus-Überträger auch gefährlich. Foto: Rettich

Im vergangenen Jahr brach auf der kleinen Insel La Réunion vor Madagaskar eine merkwürdige Epidemie aus. Innerhalb von wenigen Wochen bekam ein großer Teil der 770 000 Bewohner plötzlich hohes Fieber, Schüttelfrost, starke Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen. Als der Ausbruch vorbei war, zählte man 237 Tote, etwa 265 000 Menschen waren krank geworden.

Außer auf Réunion bekamen auch auf anderen Inseln im Indischen Ozean wie das nahe gelegene Mauritius, die Seychellen, die Komoren und auf Madagaskar viele Menschen eine Erkrankung, bei denen die Betroffenen aufgrund ihrer Gelenkschmerzen oft nur noch gekrümmt gehen können. Diese gekrümmte Haltung gab der Krankheit ihren Namen: In der Sprache Kisuaheli gibt es dafür das Wort Chikungunya.

Auch mehr als 1000 europäische und US-amerikanische Touristen haben sich inzwischen mit dem Chikungunya-Virus infiziert. Dem Robert-Koch-Institut in Berlin wurden im vergangenen Jahr 53 Patienten in Deutschland gemeldet (Ergänzung zum Epid. Bull. 50, 2006). Für Touristen gilt nach wie vor: Guter Mückenschutz ist konsequent zu beachten.

Die Epidemie hat 2004 in Kenia begonnen

Inzwischen hat das Chikungunya- Virus Indien erreicht. Dr. Rémi N. Charrel und seine Kollegen von der Universität Marseille schätzen, dass sich hier bereits 1,3 Millionen Menschen infiziert haben (NEJM 356, 2007, 769). Die Infektiologen gehen davon aus, dass sich das Virus in diesem Jahr noch weiter ausbreiten wird. Möglicherweise wird es in ähnlicher Weise die gesamten Tropen erobern, so wie es das Dengue-Virus in den vergangenen Jahrzehnten getan hat.

Denn es wird wie Dengue durch Aedes-Mücken übertragen, eine Stechmücke, die sich von Südostasien und Madagaskar aus seit den 80er Jahren inzwischen über weite Teile Amerikas, Australiens und über die Mittelmeerküsten verbreitet hat. Die vorläufige Bilanz für 2006: Fast zwei Millionen Menschen erkrankten an Chikungunya, vermuten die französischen Infektiologen.

Begonnen hatte die Epidemie 2004 in Kenia und sich Anfang 2005 auf die Komoren ausgeweitet. Von dort breitete sich das Virus auf die benachbarten Inseln im Indischen Ozean aus. Die Gesundheitsbehörden von Réunion hätten erst kürzlich berichtet, dass bei 35 Prozent der Bevölkerung eine Seroprävalenz festgestellt worden ist, so Charrel. Da ein ähnlich hoher Anteil erkrankt ist, waren asymptomatische Infektionen offenbar sehr selten.

RNA-Untersuchungen haben ergeben, dass offenbar eine neue Virus-Variante die Ursache für den plötzlichen und massiven Ausbruch ist. Offenbar hat es Ende 2005 eine Mutation gegeben, die es dem Virus erleichtert, Aedes-Mücken zu infizieren und bei Menschen einen schweren Krankheitsverlauf auszulösen. So waren auf Réunion bislang unbekannte schwere klinische Verläufe aufgetreten, darunter peripartale Übertragungen, Meningoenzephalitiden (auch bei Neugeborenen) und Leberversagen. Auch beim derzeitigen Ausbruch in Indien wurde die Virus-Mutante nachgewiesen.

Nicht nur das: Bisher wurde das Virus vor allem von der Mücke Aedes aegypti übertragen und nur selten auch von der asiatischen Tigermücke A. albopictus. Doch die neue Virus-Mutante scheint viel besser an die Tigermücke angepasst zu sein. Auf Réunion war sie Hauptüberträger. Dort ist Aedes albopictus auch heimisch, hat sich aber von Südostasien und dem Indischen Ozean aus seit den 80er Jahren über weite Teile Amerikas, Australiens und die Mittelmeerküsten verbreitet.

STICHWORT

Chikungunya

Erreger: Einzelsträngiges RNA-Virus aus der Gattung Alphavirus

Verbreitung: Afrika südlich der Sahara, Indien, Südostasien

Übertragung: tag- und nachtaktive Stechmücken (Aedes aegypti, Aedes albopictus)

Inkubationszeit: meist zwei bis drei Tage, aber auch ein Tag bis zwölf Tage möglich

Symptome: Fieber, Schüttelfrost, Konjunktivitis, Kopfschmerzen, Arthralgien, Myalgien, gelegentlich Exanthem, Lymphadenopathie. Im Vordergrund stehen rasch zunehmende starke Gelenkschmerzen. Selten hämorrhagisches Fieber ohne Schocksymptome

Diagnose: Erregernachweis im Serum, Immundiagnostik. Intensive Schmerzen bei Druck auf das Handgelenk sind ein deutlicher Hinweis auf die Krankheit

Therapie: nur symptomatisch

Prophylaxe: Schutz vor Stechmücken tags und nachts, eine Impfung gibt es nicht (ug)

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