Ärzte Zeitung, 27.09.2006

PISA 2006 - Kultusminister träumen von guten Noten

Nach den schlechten Bilanzen 2000 und 2003 soll Deutschland diesmal glänzen / Schwerpunkt: Naturwissenschaften

Von Karl-Heinz Reith

Nach dem schlechten Abschneiden bei den PISA-Studien 2000 und 2003 hoffen die Kultusminister beim dritten Testlauf in diesem Jahr auf den Durchbruch oder gar auf eine Annäherung an die internationale Spitzengruppe. Schwerpunkt der weltweiten Schulleistungs-Studie war diesmal die Naturwissenschaft - ein Bereich, in dem deutsche Schüler traditionell Stärken zeigen.

Bildungspolitiker hoffen, daß der dritte PISA-Test in sechs Jahren nicht wieder in einem Desaster für Deutschland endet. Foto: dpa

Derzeit werden die umfangreichen PISA-Testbögen der etwa 55 000 Schüler, die sich bis Ende Mai in Deutschland an dem erneuten Testlauf beteiligt hatten, computergerecht aufgearbeitet. Ab Oktober werden dann in Paris die Datensätze aus der ganzen Welt eintrudeln. 58 Staaten sind diesmal dem PISA-Aufruf der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gefolgt.

Nach eingehender Analyse und Vergleich der nationalen Ergebnisse wird die OECD ihre erste internationale Auswertung am 4. Dezember 2007 vorlegen. Die in Deutschland stets mit größter Spannung erwartete Bundesländer-Leistungsrangliste wollen die deutschen PISA-Forscher erst im Herbst 2008 veröffentlichen.

In Deutschland waren über 1500 Schulen beteiligt

In Deutschland haben 1516 Schulen mitgemacht. Von etwa 90 Prozent der ausgewählten Schüler liegen Testbögen vor. 2003 lag die Beteiligung bundesweit bei 93 Prozent - mit Länder-Schwankungen zwischen 85 Prozent (Saarland) und 96 Prozent (fast alle neuen Bundesländer). In einigen Bundesländern ist die PISA-Teilnahme Pflicht, in anderen nicht - was innerhalb der Kultusministerkonferenz (KMK) nicht unumstritten ist.

Der nächste PISA-Test 2009 wird in Deutschland wesentlich kleiner ausfallen. Die Kultusminister wollen auf das bisherige Länder-Ranking auf Basis der international standarisierten PISA-Fragen der OECD verzichten. Stattdessen soll es unter KMK-Regie einen eigenen Länder-Vergleich auf Grundlage der neuen deutschen Bildungsstandards geben. Darin wird beschrieben, was ein Schüler jeweils am Ende einer bestimmten Klasse können muß.

Vor fast fünf Jahren, am 5. Dezember 2001, hatte mit Veröffentlichung des ersten PISA-Tests ein gewaltiger Schock die deutschen Kultusminister wachgerüttelt. Ihre noch am selben Tag beschlossenen Sofortmaßnahmen konnten in den knapp 16 Monaten bis zum zweiten PISA-Testdurchlauf im Mai 2003 noch kaum Wirkung entfalten.

Schwerpunkt von PISA 2000 waren die Schlüsselqualifikation Lesen/ Textverständnis, 2003 Mathematik, 2006 Naturwissenschaften. Gerade im letzten Bereich hatte Deutschland auch 2000 und 2003 seine besten Werte erzielen können. Deshalb hoffen nicht wenige Kultusminister jetzt auf ein Ende der ungeliebten PISA-Botschaften.

Doch das ungelöste deutsche Schulproblem bleibt nach wie vor die soziale Frage, auf die die Kultusminister aus Sicht vieler Forscher immer noch keine überzeugende Antwort gegeben haben. Denn in keinem anderen vergleichbaren Industriestaat ist der Bildungserfolg eines Schülers so abhängig von seiner sozialen Herkunft wie in Deutschland.

Bildungserfolg in Deutschland abhängig von sozialer Herkunft

Dabei hat sich zwischen 2000 und 2003 der Wissensabstand zwischen den 15jährigen aus der Oberschicht gegenüber den Gleichaltrigen aus der Unterschicht insgesamt noch weiter vergrößert, weil sich beim zweiten PISA-Test fast ausschließlich nur die etwas verbessern konnten, die ohnehin schon gut waren.

In allen vier untersuchten Feldern (die mathematischen Kompetenzen Raum und Form sowie Veränderung und Beziehungen, Naturwissenschaften und Lesen) beträgt der Kenntnisabstand von Jugendlichen aus der obersten sozialen Schicht gegenüber denjenigen aus der untersten jetzt über 100 PISA-Punkte - was nach Lesart der Forscher einem Lernfortschritt von mehr als zwei Schuljahren entspricht.

Laut PISA 2003 hat in Deutschland ein 15jähriges Akademikerkind eine vier Mal so große Chance das Gymnasium zu besuchen wie ein Facharbeiterkind - und das trotz kontrollierter gleicher Kompetenz in Lesen und Mathematik. In Bayern sind diese Chancen sogar 6,7 Mal größer. Und gerade bei dieser sozialen Frage ist ein Teil der Forscher beim PISA-Test 2006 auf die Ergebnisse besonders gespannt. (dpa)

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