Ärzte Zeitung online, 21.05.2019

Bundeskongress

Alltag ist für Schüler nach Notfall wichtig

Bei einem Kongress tauschen sich Experten ab Mittwoch in Erfurt über Notfallseelsorge an Schulen aus.

Von Lisa Forster

ERFURT. Vor einem Bundeskongress zur Notfallseelsorge hat die Leiterin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums betont, wie wichtig der Alltag nach einem Schul-Notfall ist.

Am Gutenberg-Gymnasium gab es 2002 einen Amoklauf mit 16 Opfern. „Es war wichtig, dass man den Schülern ihre gewohnten Strukturen zurückgibt“, sagte Christiane Alt der Deutschen Presse-Agentur.

„Das heißt, man simuliert eine Alltagssituation, damit die Schüler wissen: Ich gehe morgens um 7.30 Uhr in die Schule.“ Auch, dass die Schüler mit ihren gewohnten Mitschülern und Lehrern zusammen sind, sei wichtig.

Alt spricht am Freitag auf dem Bundeskongress Notfallseelsorge und Krisenintervention in Erfurt über ihre Erfahrungen. Die Veranstaltung beginnt am Mittwoch. Zehn Jahre nach dem Anschlag an der Albertville-Realschule in Winnenden beschäftigen sich die Experten auf dem Kongress schwerpunktmäßig mit Notfällen an Schulen.

Drei Jahre lang Unterricht in einer Ausweichschule

Das Schulmassaker von Erfurt war das erste dieser Dimension in Deutschland. Der Täter war wenige Monate zuvor der Schule verwiesen worden. Am 26. April 2002 erschoss er zwölf Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin und einen Polizisten und tötete sich selbst.

„Wir konnten erst einmal nicht in das Schulgebäude zurück und hatten ein Wochenende Zeit, eine Übergangslösung zu organisieren“, sagte Alt. Zunächst waren die Schüler für eine Woche im Erfurter Rathaus und wurden unter anderem von Psychologen und Traumatherapeuten betreut.

Danach wurde der Unterricht für rund drei Jahre in eine Ausweichschule verlegt. Architekten gestalteten die Räume des Gutenberg-Gymnasiums um.

Passiert an einer Schule ein Notfall, brauche es zunächst einen schnellen Koordinierungsstab, der die Helfer organisiert, so Alt. Zudem müsse es schnell professionelle therapeutische Hilfe für die Betroffenen geben.

„Mehr als 600 Schüler waren zu betreuen, dazu auch noch Lehrer“, sagte sie. „Wir haben schon eine Woche gebraucht, um das in eine effiziente Struktur zu bringen.“

Auch 17 Jahre nach der Tat gebe es für die Betroffenen keine Normalität, sagte die Schulleiterin. „Sicherlich wird ein Mensch mit derartigen Erlebnissen sein Leben fortsetzen. Aber es ist nicht mehr das, was es vorher war.“ Das bedeute aber nicht, dass es unmöglich sei, wieder Hoffnung zu finden. (dpa)

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