Ärzte Zeitung, 14.07.2005

"Erfolgsgeheimnis von Armstrong liegt letztlich in seiner psychischen Stärke"

Gespräch mit dem Kölner Physiologen Professor Klaus Baum über die Qualen der Tour

Für ihn zählt nur das Gelbe Trikot: der US-Amerikaner Lance Armstrong vom Team Discovery Channel. Fotos: dpa

Scheiterte in den vergangenen Jahren immer wieder an Armstrong: Jan Ullrich vom Team T-Mobile.

Von Nadine Bös

3607 Kilometer in drei Wochen radeln die Tour-de-France-Fahrer durch Frankreich und Deutschland - 21 Etappen über Alpen und Flachland - immer auf der Jagd nach farbigen Trikots. Begleitet werden sie von wiederkehrenden Schlagzeilen über Stürze, Doping und Erkrankungen.

Wenn es um extremen Leistungssport geht, steht die Tour de France gemeinsam mit Marathon und Triathlon weit vorn in der Diskussion um die Frage, ob solche Belastungen überhaupt noch gesund sein können.

"Grundsätzlich ist die Tour de France nicht gesundheitsschädlich", glaubt Professor Klaus Baum. Der Physiologe lehrt an der Deutschen Sporthochschule in Köln und hat ein eigenes Forschungsinstitut für Leistungsdiagnostik und Trainingsplanung gegründet, die Professor Baum GmbH. "Es kommt nur auf die richtige Vorbereitung und Betreuung an," sagt er.

"Schon so mancher Sportler ist tot vom Rad gekippt"

Baum stimmt zu, daß extreme Belastungen wie bei der Tour de France nicht risikolos sind. Besonders wenn Doping ins Spiel kommt und Sportler dadurch ihre eigenen Grenzen nicht mehr genügend einschätzen können. "Gefährlich wird es, wenn der innere Überlastungsschalter nicht mehr funktioniert, zum Beispiel weil jemand Amphetamine genommen hat", so Baum.

"Deswegen ist schon so mancher Sportler tot vom Rad gekippt." Auch ein Teilnehmer der Tour de France hat durch einen solchen Fall traurige Berühmtheit erlangt: 1967 starb der britische Radprofi Tom Simpson beim Anstieg zum Mont Ventoux - letztlich daran, daß er zuvor einen Amphetamin-Cocktail eingenommen hatte.

Stefan Vogt (links) und Lothar Heinrich, Ärzte vom Team T-Mobile, betrachten die Röntgenbilder von Jan Ullrich nach seinem Sturz am Sonntag.

Fast 40 Jahre später sind die Doping-Kontrollen wesentlich härter geworden. Baum ist davon überzeugt, daß man die Tour de France auch völlig ohne Doping bewältigen kann. "Die meisten Fahrer tun das auch." Größere Fragezeichen bleiben aber auch bei ihm, etwa wenn es um die Ursachen für die häufigen Asthmaerkrankungen geht. "Es ist auffallend, daß viele Ausdauersportler ein Asthma-Attest haben."

Kann hohe Ventilation Ursache für Asthma sein?

Baum hält es nicht für abschließend erwiesen, daß die hohe Ventilation während des Radfahrens Ursache für die häufigen Atemwegsbeschwerden sein kann. "Ob die Sportler tatsächlich unter Asthma leiden oder sich dadurch einen Vorteil verschaffen wollen, ist nicht geklärt."

Bei den Sportlern, die auf legalem Wege versuchen zu gewinnen, spielt die richtige Vorbereitung die zentrale Rolle, sagt der Experte. "Ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor von Lance Armstrong ist sein Ganzjahrestraining", sagt Baum.

Er rügt diejenigen, die sich zu intensive Pausen gönnen. "Es kann nicht sein, daß manche Sportler nach ihrem Winterurlaub erst einmal Übergewicht abtrainieren müssen. So viel Disziplin kann man von einem Profi schon erwarten."

Es gehe jedoch nicht darum, das ganze Jahr gleichmäßig durchzupowern. Im Gegenteil: Auf die richtige Dosierung von Trainingseinheiten und Pausen komme es an. "Timingfehler können ganz entscheidend zu Mißerfolgen beitragen", so Baum. Jeder Sportler durchlaufe seine Hochs und Tiefs. "Die Kunst besteht darin, das Training genau so abzustimmen, daß die Topleistungsfähigkeit pünktlich zur Tour erreicht wird."

Die richtige Dosierung ist auch für das Höhentraining ganz entscheidend. Zweck des Trainings in den Bergen ist es, durch den Sauerstoffmangel in Höhenlagen die Konzentration der roten Blutkörperchen im Blut zu steigern. Auf diese Weise soll eine bessere Sauerstoffversorgung des Athleten erreicht werden.

In Höhenlagen bringe ein Durchschnittssportler aber nur etwa 90 Prozent seiner üblichen Leistung und sei leicht überfordert, so Baum. Eine solche Überforderung sei letztlich leistungsmindernd und kontraproduktiv. "Es kommt darauf an, individuell die richtige Balance zu finden."

Auch die Ernährung der Sportler vor allem während der anstrengenden Tourtage ist wichtig. "Der Tagesbedarf an Kalorien ist mehr als dreimal so hoch wie unter normalen Bedingungen", weiß Baum. "Radsportler haben aber im Gegensatz zu Läufern den Vorteil, daß sie während der Tour feste Nahrung zu sich nehmen können, weil die mechanische Belastung des Magens relativ gering ist."

Wichtig sind viel Flüssigkeit und kohlenhydratreiche Kost

Wichtig seien vor allem eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und eine sehr kohlenhydratreiche Ernährung, notfalls ergänzt durch Glykoseinfusionen. Was Sieger tatsächlich zu Siegern macht, ist laut Baum aber vor allem ein eiserner Wille. "Ich glaube, daß das Erfolgsgeheimnis von Lance Armstrong letztlich in seiner psychischen Stärke liegt", so der Physiologe.

Armstrong hat eine schwere Krebserkrankung bewältigt, bevor er zum ungeschlagenen Star der Tour de France wurde (wir berichteten). Er genießt den Ruf, durch den Sieg über die Krankheit auch im Sport zum eisernen Kämpfer geworden zu sein. "Eine gute kognitiv-mentale Vorbereitung durch einen Psychologen kann das Tüpfelchen auf dem i sein", glaubt Baum.

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